Ich mag roten Lippenstift. Trage ich ihn immer nur auf, um mir selbst zu gefallen? Freue ich mich nur über Komplimente von anderen Frauen oder nicht auch von Männern? Darf ich mich dann nur über das Kompliment eines, sagen wir, guten Freundes freuen, bei dem jede sexuelle Absicht von vornherein ausgeräumt ist? Darf ich mich nicht freuen, wenn das Kompliment von jemandem kommt, mit dem ich in einem beruflichen Verhältnis stehe? Habe ich den Lippenstift nicht möglicherweise schon einmal bewusst aufgetragen, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen? Ich mag nicht nur roten Lippenstift, sondern flirte auch gern. Kann ich sicher sein, dass mir das niemals einen persönlichen Vorteil gebracht hat, beruflich oder privat? Nein, kann ich nicht. Wenn die Frage lautet, ob ich mir schon mal das System zunutze gemacht habe, muss ich gestehen: Yes, me too.

In der ZEIT schrieb Adam Soboczynski, dass eine Vergewaltigung nicht ebenso schwer wiege wie ein "unverlangt zugesandter Blumenstrauß". Des Weiteren führe die #MeToo-Debatte dazu, dass Frauen mal wieder in die Opferrolle gedrängt würden. Beides leuchtete mir ein. Frauen sind doch nicht nur Opfer. Sie sind manchmal auch Täter. Nicht wenige kämpfen "mit ihren eigenen Waffen", wie es Frauenmagazine so oft empfehlen. Nebenbei, bevor jemand auf falsche Ideen kommt: Mit "System zunutze machen" meine ich keineswegs "sich hochschlafen". Auch das gibt es sicherlich, weil auch Frauen – surprise! – berechnend und kaltblütig sein können.

Ist das überraschend in einer Gesellschaft, in der jedes Hustenbonbon mit nackten Brüsten beworben wird? So larmoyant das klingen mag: Frauen werden im Produktmarketing immer noch als Ware dargestellt, leicht bekleidet und allzeit willig. Da ist es nicht verwunderlich, wenn sie im echten Leben ebenfalls nach diesen Regeln spielen.

Mal aus Faulheit, mal aus Bequemlichkeit

Sexismus ist Alltag. Da wirkt eine plötzliche Empörungswelle wie #MeToo beinahe scheinheilig. Jeder und jede kennt die kleinen Spielchen zwischen den Geschlechtern: Ich zum Beispiel kann einige Dinge ganz gut, Bohrmaschinen bedienen leider nicht. Da lasse ich mir gern helfen. Ähnliches gilt für IT-Probleme zweiten Kompliziertheitsgrades, das Wechseln von Fahrradschläuchen und das Tragen schwerer Gegenstände (nein, ich spreche nicht von Shoppingtüten). Manchmal aus Faulheit, manchmal aus Bequemlichkeit, manchmal, weil ich es wirklich nicht kann. Stolz bin ich darauf nicht, aber das liegt nicht an den Männern. Niemand hat je von mir verlangt, mich mit einer Bohrmaschine auseinanderzusetzen.

Kommen wir zu den angenehmen Dingen. Welche Frau kann von sich behaupten, jede Aufmerksamkeit abgeschmettert zu haben, die ihr jemals aufgrund ihres Frauseins entgegengebracht wurde? Welche Frau hat noch nie dem Flohmarktverkäufer beim Feilschen ein besonders nettes Lächeln zugeworfen? Als Frau bekommt man oft leichter, was man will. Freuen wir uns nicht, wenn uns die Tür aufgehalten wird? In den Mantel geholfen? Das gewünschte Paar Schuhe plötzlich weniger kostet? Sind das schon sexistische Gesten?

Bislang habe ich mich in den sozialen Medien zu #MeToo zurückgehalten. Einerseits weil ich es befremdlich fand, dass unter diesem Hashtag alles versammelt wird, von Missbrauch im Kindesalter bis zu "ich wurde an der Taille berührt". Andererseits, weil mir auch nach langer Überlegung kein Erlebnis einfiel, das ich für "schlimm" genug hielt. Vermutlich habe ich einfach Glück gehabt, denn jede dritte Frau wird einmal im Leben Opfer von Gewalt. So etwas öffentlich zu erzählen erfordert viel Mut, mehr jedenfalls, als zu verkünden, auf einer WG-Party mal vom betrunkenen Gastgeber zum Bleiben aufgefordert worden zu sein.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich verstehe mich als Feministin. Ich kenne die Statistiken zur Gewalt gegen Frauen und jene der Dunkelziffer bei Vergewaltigungen. Ich glaube, dass der Gender-Pay-Gap existiert und bin trotzdem gegen eine Quote, weil ich das für positive Diskriminierung halte. Ich weiß, dass wir auch jenseits der Lohnarbeit von Gleichberechtigung weit entfernt sind, dass Frauen mehr Zeit für Haushalt und Pflege aufbringen und Väter seltener Elternzeit nehmen. Aufs Muttersein freue ich mich trotzdem. Ich weiß, dass die meisten Helden in Kinderbüchern männlich sind, und ich gendere trotzdem nicht, weil ich finde, dass Texte davon nicht schöner werden. Obwohl ich die Forderung des Bundesverfassungsgerichts, im Geburtenregister ein drittes Geschlecht zur Auswahl zu stellen, großartig finde, glaube ich an prinzipielle Differenzen zwischen Mann und Frau. Eine Welt, die diese nivelliert, ist weder realistisch noch wünschenswert. Überall, wo Männer und Frauen aufeinandertreffen, herrscht ein Rest von Körperlichkeit. Die Alternative wäre ein von jeglicher Körperlichkeit befreiter Maschinenmensch. Das kann niemand wollen, schließlich ist das derzeit herrschende aseptische Fitness-Ideal schlimm genug. Trotzdem sind nicht alle Männer Schweine, so wenig wie alle Frauen scheue, zum Abschuss freigegebene Rehe sind.

Männerhass bringt niemanden weiter

Feministin zu sein bedeutet für mich auch, Selbstkritik zu üben. Wenn von jedem Mann erwartet wird, die vergangenen zehn, zwanzig, dreißig Jahre zu rekapitulieren auf der Suche nach Momenten, in denen er möglicherweise die Grenze übertreten hat von Flirt zu Belästigung, sollten sich Frauen wenigstens einmal kurz fragen, ob sie niemals eine Kaffeeeinladung vom Vorgesetzten angenommen oder eine besonders vorteilhafte Bluse zum Vorstellungsgespräch angezogen haben. Ob sie sich nie haben helfen lassen bei Dingen, in denen sie nicht gut sind.

Ja, ich bin die mit dem Bohrmaschinendefizit! Und ja, ich trage gern vorteilhafte Blusen und Röcke und Kleider. Natürlich möchte ich deswegen nicht in der U-Bahn begrapscht werden, aber gesehen werden möchte ich schon. Ich möchte im Berufsleben für meine Fähigkeiten geschätzt werden und nicht für mein Aussehen, aber zu sagen, dass Letzteres keine Rolle spielt, wäre gelogen.

Um weiteren Missverständnissen vorzubeugen: Gut finde ich all das nicht. Die überfällige Sexismusdebatte zeigt berechtigterweise, was alles schief läuft in unserer Gesellschaft. Trotzdem glaube ich, dass diese Wolf-Lamm-Dialektik und der Hass auf die "alten weißen Männer" niemanden weiterbringen. Wenn jetzt jeder junge oder alte, schwarze oder weiße Mann fürchten muss, ein jahrelang zurückliegender Fehltritt – und damit meine ich keine sexuellen Übergriffe vom Kaliber eines Weinsteins, sondern jene Graubereiche zwischen dezentem und weniger dezentem Flirten, die sich nicht aus der Welt schaffen lassen – könne ihn Ruf und Karriere kosten, ist das gar nicht weit entfernt von Denunziantentum. In so einer Welt will ich nicht leben.

Bitte mehr Differenzierung und Selbstironie

In den sozialen Medien wird alles als Kampfansage in die eine oder andere Richtung verstanden. Das ist ein Problem. Wer Harmonie, wie ich, ziemlich toll findet, hält da am besten die Klappe. Vielen Anhängern des zeitgenössischen Feminismus ist Differenzierung leider ebenso fern wie Ironie, geschweige denn Selbstironie. Abgesehen davon schließt er viel zu oft Männer aus, anstatt sie miteinzubeziehen. Ich habe viele wunderbare, aufgeklärte, selbstkritische Männer in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, von denen sich nicht wenige als Feministen bezeichnen. Wo ziehen sie die Grenze zwischen Flirt und Belästigung? Und würden sie sich weigern, einer Feministin das Regal zusammenzubauen?

An der gegenwärtigen Situation und Debatte gibt es einiges zu bedauern. Dabei wünsche ich mir, genau wie die Verfechter von #MeToo, eine Welt, in der niemand aufgrund seines Geschlechts benachteiligt oder, im Umkehrschluss, bevorzugt wird, schon gar nicht Opfer wird von Gewalt, übrigens auch nicht aufgrund von Alter, Rasse oder sexueller Identität. Ich bin trotzdem gegen schriftliche Verträge, die sexuelle Kontakte gegen jede Zweideutigkeit absichern, weil es diese Absicherung nicht geben kann. Ich bin stattdessen für Ehrlichkeit untereinander, aber auch sich selbst gegenüber und gegen Pauschalisierungen jeder Art.

Feminismus kann nicht bedeuten, nur ein paar gesellschaftliche Ungerechtigkeiten anzuklagen und andere stillschweigend zu billigen. Es muss darum gehen, die eigene Position zu reflektieren und die damit verbundenen Nach- und auch Vorteile abzuwägen. Feminismus kann außerdem nicht bedeuten, dass Frauen sich nicht mehr schminken sollen, wie es Barbara Kuchler auf ZEIT ONLINE vorschlägt. Der Farbton meines Lippenstifts heißt übrigens Ruby Tuesday. Über Komplimente, egal ob von Frauen oder von Männern, werde ich mich auch in Zukunft nicht beschweren.