Liebe Berliner Kulturelite,

wir kennen uns seit Jahren. Wir sind mitunter sogar befreundet. Wir gehen gemeinsam aus, essen und trinken zusammen, sehen uns auf Veranstaltungen, die oft ausgerichtet werden, um uns und unsere Arbeit zu feiern. Dann umarmen wir uns und küssen uns rechts und links auf die Wangen und reden über die vielen Projekte und Themen, die uns gerade umtreiben oder die uns zukünftig umtreiben werden. Wir sind das, was man als Zentrum des kulturellen Lebens in Deutschland bezeichnet. Die Macher und die Vordenker, die dem Zeitgeist immer einen Schritt voraus sind. Wir sind die, die gesellschaftliche Missstände früh erkennen und abbilden. Die den Finger in die Wunde legen. Die keine Angst vor Konfrontationen haben, die angreifen und gleichzeitig aushalten können. Zumindest glauben wir das. Zumindest glaubte ich das.

Diesen Glauben verliere ich gerade. Wir alle sind Heuchler, Mitläuferinnen, Feiglinge. Während die Welt über Sexismus diskutiert, endlich lange verschlossene Schubladen aufreißt und verdrängte Wahrheiten offen ausspricht, bleiben wir still, legen uns in den Schützengraben und warten zitternd ab.

Die New York Times informiert mich täglich auf meinem Smartphone über neue Vorwürfe von sexueller Belästigung und Nötigung. Wir in Berlin bleiben lieber abstrakt und diplomatisch, als gehe uns das, was als #MeToo begann, nicht wirklich etwas an. Wir geben Einschätzungen ab, üben uns in Rhetorik, reden von Regeln, die es nun vielleicht braucht.

Aber die Vorwürfe, die im Raum stehen, in dem überschaubaren Raum, in dem wir uns täglich bewegen, in dem wir leben, arbeiten, denken, schreiben, sie bleiben namenlos. Es bleiben vage Anschuldigungen an Männer ohne Gesicht. An Männer, die alle und niemand sein könnten. Warum nennen wir keinen Namen? Warum schweigen wir uns aus?

Wir Frauen schützen Euch seit eh und je

Gestern bin ich mit dem Fahrrad aus der Redaktion nach Hause gefahren. Dabei liefen mir die Tränen übers Gesicht, mir war richtig übel. Ich hatte den Nachmittag damit verbracht, dem seit Tagen gährenden Kloß in meinem Bauch einen Namen zu geben. Und plötzlich stand auf dem kleinen gelben Post-it, das vor mir lag, nicht nur ein Name. Nein, es waren zehn.

Namen von bekannten Männern aus dem Berliner Kulturleben. Namen, die seit Jahren mit Geschichten verknüpft werden. Geschichten, die Frauen flüsternd untereinander weitergeben, aber nie laut aussprechen.

Wir Frauen in diesem Betrieb schützen Euch seit eh und je. Wir, die Euch und Eure Kumpels in den Redaktionen und großen Medienhäusern umgeben, wissen um Eure Fehltritte. Wir decken Eure Taten, weil wir, wie auch die Frauen in den USA, gesagt bekommen haben, dass Ihr so nun mal seid und es ja eigentlich nicht so meint. Im Grunde seid Ihr doch nette Typen, die Frauen sehr mögen.

Deshalb nennen wir Euch "Frauenhelden" oder "Schleimbeutel". Wir haben anonyme Namen für Euch gefunden, die das, was ihr in den letzten Jahren getan habt, damit entschuldigen, dass Ihr eben ein bisschen forsch oder ungeschickt seid.

Manchmal, vor allem in den vergangenen Wochen, haben wir versucht, offen darüber zu sprechen. Mit Kollegen zum Beispiel, die über unsere Berichte meistens genauso erschrocken waren wie wir. Die aber dann, nachdem der Redeschwall abgeklungen war, trotzdem eingeworfen haben, dass eine Veröffentlichung dieser Vorwürfe Euer Leben ruinieren könne. Und dass man sich das gut überlegen müsse. Und dass die Vorwürfe für eine Veröffentlichung möglicherweise auch nicht stark genug seien. Weil Ihr ja vielleicht außerhalb der Branche doch nicht so bekannt wärt. Man müsse doch zuerst die großen Fische drankriegen.

Dabei seid Ihr keine kleinen Fische, sondern diejenigen, die den öffentlichen Diskurs täglich mitbestimmen. Die ein Teil des Systems und ein Teil des Problems sind.