Der Text von Carolin Würfel vom vergangenen Donnerstag auf ZEIT ONLINE hat für erheblichen Ärger gesorgt. Viele Kolleginnen und Kollegen waren empört über den "denunziatorischen Sound" des Artikels "Wir wissen es". Und als ich das Stück selber las, verstand ich den Unmut. Der Text liest sich wie ein Aufruf, gewisse Männer des Berliner Kulturbetriebs, die sich Frauen gegenüber angeblich respektlos oder sogar verbrecherisch aufführen, im Auge zu behalten und auf eine schwarze Liste zu setzen. Allerdings nennt die Autorin weder Ross noch Reiter. Dafür stellt sie eine Drohung in den Raum: "Ihr wisst ja, wer Ihr seid", heißt es da unverhohlen an die Adresse der Gemeinten. Und ihr Postulat: "Ich will, dass Ihr wisst, dass Ihr Euch ändern müsst." Sonst – was, Kollegin Würfel? Sonst machen Sie irgendwelche Namen öffentlich? Mit welchem Recht? Und wo? In der ZEIT?

"Ich will, dass Ihr Euch ändert!" Ein großes Wort. Klingt nach Tugendtribunal. Und welche Beweise legen Sie vor? Gelesen habe ich keinen einzigen! Ihre Quellen seien "Geschichten, die sich Frauen flüsternd untereinander weitergeben, aber nie laut aussprechen", schreiben Sie. Ist Erpressung und Rufmord jetzt eine neue Art des Journalismus?

Die Autorin zählt Personen aus dem Berliner Kulturbetrieb auf, darunter einen nicht näher genannten "Gastwirt", "Künstler" und "Architekten", denen sie kleinere Übergriffe, aber auch schwere Straftaten und Verbrechen vorwirft. Bezeichnenderweise ohne Opfer, Daten und Fakten zu nennen. Was sind solche Beschuldigungen wert?

Wo Unrecht ist, darf und muss darüber geschrieben werden. Wenn Straftaten geschehen, die niemand verfolgt, ist das eine Sache für die Presse. Doch Qualitätsjournalismus recherchiert, prüft den Sachverhalt, die Aussagen und die Validität der Quellen, konfrontiert und hört die Gegenseite. All diese Grundregeln des Journalismus wurden von der Autorin für Effekthascherei außer Kraft gesetzt, und auch von jenen, die das Stück redigiert und betreut haben. Würfels Text ist Aktivismus, kein Journalismus.

Haben wir Journalisten uns unter dem Vorwurf der "Lügenpresse" nicht vorgenommen, transparent zu berichten? Und aufzuklären und eben nicht an der allgegenwärtigen Verschwörungskultur teilzunehmen?

Nach Erscheinen des Textes erreichten mich durch Berliner Kollegen Namen von Herren, die – vielleicht, vielleicht auch nicht – gemeint sein könnten. Offenbar hat die Anklägerin nicht bedacht, dass jetzt auch Unbescholtene in üblen Geruch kommen könnten, bloß, weil sie Gastwirte sind oder Galeristen. Dass das Rätselraten jetzt losgeht, liegt auf der Hand. Ist das in Ordnung, andere dem üblen Verdacht auszusetzen, selbst aber im Warmen, Trockenen zu bleiben? Ist das der Mut, den eine Autorin heute aufbringen muss?

Und noch etwas: Mit Strafverfolgung treibt man keinen Schindluder. Hat Würfel Pech, und hält ein aufmerksamer Staatsanwalt in Berlin ihren Bericht für vielleicht wahr, muss er von Amts wegen tätig werden. Schließlich liefert der Text zureichende tatsächliche Anhaltspunkte für die Aufnahme von Ermittlungen gegen unbekannt wegen zahlreicher – auch schwerer – Straftaten: Da ist von Bagatelldelikten die Rede (den anzüglichen Bemerkungen eines Kurators etwa oder den Grapschereien eines Anzeigenverkäufers – Sexualdelinquenz also, für die das neue "Nein-heißt-Nein"-Strafrecht neuerdings ausreicht), aber auch von sexueller Nötigung oder gar Vergewaltigung ("der Künstler, der Frauen zum Sex zwingt"), vom Missbrauch widerstandsunfähiger Personen ("die Architekten, die Frauen mit Alkohol und Drogen abfüllen, um sie dann, wenn sie schon fast bewusstlos sind, gemeinsam durchzuvögeln") und vom Betäubungsmittelerwerb ("der Gastronom, der Kokain gegen Oralverkehr tauscht").

Verbrechen zu verfolgen, ist Sache der Justiz

Da die Autorin im ganzen Text von "wir" spricht, ist sie offenbar selbst betroffen oder hat entsprechende Wahrnehmungen gemacht. Der Staatsanwalt kann Frau Würfel gleich als Zeugin vorladen. Ein Zeugnisverweigerungsrecht hat sie dabei nicht, denn es handelt sich ja nicht um Ergebnisse einer Recherche für die Zeitung, sondern um Beobachtungen, die sie privat gemacht oder von denen sie im persönlichen Umgang von Dritten gehört hat.

"Ich will Euch nicht vor Gericht sehen", ruft Carolin Würfel im Text den ins Visier genommenen Männern zu (warum eigentlich nicht?), aber was Würfel will oder nicht will, ist dem Staat einerlei. Beim von ihr Geschilderten handelt es sich um Offizialdelikte, da müssen Zeugen vor dem Staatsanwalt oder dem Richter aussagen. Wer sich weigert, dem drohen Ordnungsgeld oder bei hartnäckiger Weigerung Beugehaft (bis zu sechs Monaten).

Oder die Autorin muss zugeben, dass sie in ihrem Artikel ein Wissen behauptet, über das sie in Wirklichkeit gar nicht verfügt. Dass sie allerhand Storys aufgeschnappt und eben – um der Sache der Frauen willen – ein bisschen in den Farbtopf gegriffen hat. Das ist peinlich. Für die Autorin – und für alle anderen Beteiligten.

Macht die Zeugin Würfel aber Angaben, dann wird denen nachgegangen: Ihre Informantinnen bekommen Vorladungen, die Beschuldigten (Gastwirt, Künstler, Architekten, Kurator usw.) Post von der Polizei. So kann es kommen, wenn aus einer Sache, mit der man sich vielleicht auch wichtig machen wollte und die man eigentlich gar nicht so gemeint hat, plötzlich Ernst wird. Verbrechen zu verfolgen und zu bestrafen, ist Sache der Justiz. Nicht der Autorin Würfel.

Sabine Rückert ist Stellvertretende Chefredakteurin der ZEIT. Sie ist außerdem Gerichts- und Kriminalreporterin.