Man sah mir meine Fremdartigkeit an. Selbst im Winter, wenn die Hautfarbe der anderen Kinder zu einem blassen Rosa wurde, verlor meine Haut ihren sonnengebräunten Teint nicht. Als ich in die Schule kam, nannten sie mich Zigeunerin. In meiner Sprache, dem Romanes, ist es ein Schimpfwort, es bedeutet "ziehende Gauner". Mein Vater ist Sinto, meine Mutter Deutsche. In der Sprache der Sinti sind alle, die nicht zu ihrem Volk gehören, "Gadsche": Fremde. Mein Vater sagte damals oft zu mir und meinen jüngeren Brüdern: "Ihr müsst besser sein als die anderen, weil ihr nirgendwo hingehört."

Davina Cordua, geboren 1977 im niederbayrischen Deggendorf, Mutter von zwei Töchtern und Söhnen, schloss eine Ausbildung zur Friseurin ab, widmete sich mit 30 Jahren den Lehren der vedischen Philosophie und der christlichen Glaubenslehre. © privat

Als ich in die dritte Klasse kam, rief ein älterer Schüler in der Pause zu mir herüber: "Euch haben sie wohl vergessen zu vergasen." Der Satz verwirrte mich. Der Hass, der darin lag, bedrückte mich sehr, wusste ich doch schon damals genau, wovon der Junge sprach. Mein Großvater hatte mir von der Zeit erzählt, in der in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten der Genozid an meinem Volk verübt wurde.

Er hatte mir von den medizinischen Experimenten erzählt, den Schlägen der Wachmannschaften, dem nie aufhören wollenden Hunger und dem Terror in den Lagern. Er hatte mir erzählt, dass das Leben meines Volkes für die selbst ernannten "Herrenmenschen" ohne jeden Wert gewesen war. Er hatte mit den Tränen gerungen, als er mir von den Selektionen berichtet hatte, in der die kleinen Kinder, die Alten und die Schwachen aussortiert worden waren, um in die Gaskammern geschickt zu werden. Ich wollte mir all diese Grausamkeiten nicht vorstellen. Noch unvorstellbarer war es allerdings, dass es nach all dem Leid heute noch Kinder gab, die so etwas sagen konnten, wie der Junge es getan hatte.

Eingeschüchtert und wütend

Am nächsten Tag nahm ich all meinen Mut zusammen und ging zum Rektor, der den Jungen und mich sofort ins Sekretariat rief und dem Jungen einen Vortrag darüber hielt, warum er derartige diskriminierende Äußerungen ab jetzt zu unterlassen hatte. Er forderte ihn auf, sich bei mir zu entschuldigen und erteilte ihm einen Verweis.

Wenn wir uns danach begegneten, war deutlich zu erkennen, wie geknickt der Junge war und wie unbehaglich ich mich fühlte. Doch er beleidigte mich nie wieder. Nach einer Weile fing er sogar an, mich zu grüßen, und auch ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen, wenn ich ihn auf einem der Gänge traf.

Ein anderer Lehrer allerdings, ein großer, Respekt einflößender Mann, führte mich fast täglich vor der gesamten Klasse vor. Vielleicht brachten ihn meine Verträumtheit und Langsamkeit auf die Palme, vielleicht ging es auch um etwas anderes, aber was auch immer es war: Dieses Vorgeführtwerden schüchterte mich ein und machte mich wütend.                                                                                                                                        

Das Leben unter Deutschen war also nicht gerade leicht für mich. Ich musste ständig auf der Hut sein. Doch noch mehr als die Verachtung, die mir in der Schule entgegenschlug, verletzte mich die Tatsache, dass es auch in meiner Sinti-Verwandtschaft Menschen gab, die mich abwerteten, weil meine Mutter eine Deutsche war.