Um Punkt 18 Uhr wird am 13. November das Wahllokal Nr. 316-2 in der Schule Sheek Madar in der Hauptstadt Hargeisa geschlossen. Die Bürger von Somaliland haben gerade zum dritten Mal in der kurzen Geschichte des Landes, das 1991 einseitig seine Unabhängigkeit von Somalia erklärt hat, einen neuen Präsidenten gewählt. Ahmed Silanyo, der seit 2010 im Amt ist, war nicht mehr angetreten, drei Kandidaten haben sich um seine Nachfolge beworben.

Zwei Polizisten und eine Polizistin stehen vor dem Klassenzimmer. Drinnen werden Schulbänke gerückt. Die Wahlvorsteherin zählt in einem blauen Schnellhefter nach, wie viele der eingetragenen Wähler ihre Stimme abgegeben haben. 459 Wähler von 540, notiert sie in ihren Unterlagen.

Michaela Maria Müller, geboren 1974 in Dachau. Sie arbeitet als Journalistin und Autorin in Berlin und schreibt über Migration, Menschenrechte und Ostafrika. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Christian Kielmann

Zwei Drittel der Wähler waren hier weiblich, schätzt die Wahlvorsteherin, und auch der Wahlkampf wurde vor allem von Frauen getragen. Auf den Kundgebungen erschienen sie zahlreich, gekleidet in den Farben der Parteien, deren Zahl die Verfassung Somalilands aus Stabilitätsgründen auf drei beschränkt: Die Anhängerinnen der Kulmiye-Partei ließen sich gelb-grüne Kleider schneidern, die Unterstützerinnen von Waddani kamen in Orange, die Wählerinnen von Ucid in Dunkelgrün. Die Basecaps, die eigentlich für die Männer gemacht worden waren, trugen sie einfach auf ihren Hidschabs. Bei den Autokorsos setzten sie sich auf die heruntergekurbelten Fenster und ließen sich, mit lautstarken Gesängen ihren Kandidaten unterstützend, durch die Stadt kutschieren.

Harte Arbeit um Anerkennung

Die Frauen in Somaliland haben verstanden, dass Wahlen eine der Stellschrauben sind, mit denen sie mehr Mitsprache in der Gesellschaft erreichen können. An den Clanstrukturen, die seit Jahrhunderten vorsehen, dass der Mann das Oberhaupt ist, lässt sich sobald nichts ändern. Im Islam, wie er in Somaliland praktiziert wird, dürfen Frauen keine wesentliche Rolle spielen. Aber der politische Prozess, der seit der Unabhängigkeit die Gratwanderung zwischen Tradition und Moderne, zwischen patriarchalen Stämmen und nationalstaatlich organisierter demokratischer Partizipation halbwegs erfolgreich bewältigt, erlaubt ihnen doch, etwas zu bewirken.

In Somaliland haben vor allem drei Gruppen das Sagen: Die Clanältesten regeln seit jeher als informelle oberste Autorität Konflikte in ihrer Gemeinschaft und zwischen den Stämmen. Dann gibt es die Somaliländer, die im Ausland an Geld und materielle Ressourcen gekommen sind. Sie kehren zunehmend aus der Diaspora zurück und sind nun vor allem am wirtschaftlichen Vorankommen des Landes interessiert. Und schließlich sind da die Scheichs als religiöse Führer. Sie haben über die Wahl geteilte Ansichten. Für die Hardliner ist die Wahl grundsätzlich haram (verboten, mit Tabu belegt). Weniger strenge Scheichs akzeptieren die Demokratie, solange der Staat unter strenger Berücksichtigung der Scharia geführt wird.

"Ich habe zum dritten Mal gewählt", erzählt Maryam, eine Frau Ende vierzig. "Einmal für die Unabhängigkeit von Somalia, bei den letzten Kommunalwahlen und nun bei diesen Präsidentschaftswahlen. Wir arbeiten hart an der Anerkennung. Mit ihr wird sich endlich etwas ändern", hofft sie.

Rund drei Millionen Menschen leben in Somaliland, am Horn von Afrika. Es ist völkerrechtlich immer noch kein anerkannter Staat. Die meisten Staaten, und auch die meisten NGOs, erkennen nur die Regierung Somalias als Verhandlungspartner an, und nach Somalia fließen fast alle Entwicklungshilfegelder. Trotzdem schaffen die Somaliländer Schritt für Schritt Realitäten, die ihnen zunächst einmal Respekt einbringen. Während der Bürgerkrieg in Somalia kein Ende nimmt, herrscht in Somaliland Frieden. In acht Ländern hat Somaliland bereits diplomatische Vertretungen eröffnet, und acht Länder, unter ihnen Großbritannien, Belgien, Kenia und das Nachbarland Äthiopien, erkennen den somaliländischen Pass als offizielles Dokument an. Somaliland wirbt in der Welt um die Anerkennung als eigenständiger Staat, und die Bürger wissen, dass freie und faire Wahlen sie diesem Ziel näher bringen.