Die Temperatur im Land verändert sich. Während sich die Rechten an ihren Ressentiments immer behaglicher wärmen, kühlen einige Liberale lieber ab. Diesen sozialen Klimawandel spüren manche mehr als andere. Und das hat tiefer liegende Gründe – wie man an zwei aktuell viel diskutierten Themen sehen kann: Mit Rechten reden und #MeToo.

Das Autorentrio Leo/Steinbeis/Zorn formuliert in seinem Buch Mit Rechten reden die These, rechts sei "eine bestimmte Art des Redens". Wer aber kann rechts lediglich als Redeweise interpretieren? Bestimmt niemand, der von rechten Handlungen und den Effekten rechter Sprechweisen betroffen ist. Wer sich aus der brennenden Notunterkunft flüchten muss, wer sich wegen rechter Hetze nicht mehr wohl und sicher fühlt oder wer fassungslos in das Loch eines aus der Straße gerissenen Stolpersteins starrt, würde niemals auf die Idee kommen, derzeitige rechte Phänomene seien "fast alle Formen der reaktiven Rede". Und er würde auch nicht meinen, ein Anruf bei den Wächtern – "beim Verfassungsschutz, der Polizei, der Bundeszentrale für politische Bildung, Ursula von der Leyen und der Antifa" – könnte sein Problem ganz einfach lösen.

Simone Rosa Miller lebt als freie Autorin in Berlin. Sie arbeitet als Kulturredakteurin beim Deutschlandradio Kultur, wo sie u.a. die Philosophiesendung "Sein und Streit" moderiert. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Nun bestreiten die drei Autoren sicherlich nicht, dass es rechte Hetze und Übergriffe gibt, und auch nicht, dass sie schlimm sind. Aber ihr Buch selbst beherzigt das nicht; ihr Ansatz macht nicht klar, was Angriffe, Stigmatisierungen und Drohungen für die Betroffenen bedeuten. Deshalb rückt er die Lage der Bedrängten auch nicht ins Bild, bedenkt sie nicht als Teil rechter Phänomene. Empathie und Empörung gelten dem Autorentrio vielmehr als Indiz eines selbstgerechten Moralismus und den verorten sie nicht bei den sogenannten Nichtrechten, sondern bei den Linken. Im Bemühen, sich von linker Empörung abzugrenzen, stilisieren sie eine Form der Gefühlskälte zu liberaler Angemessenheit und Sachlichkeit.

Eine ähnlich verblüffende Kälte begegnet einem im Kontext der #MeToo-Debatte. Etwa wenn die Schriftstellerin und Kritikerin Thea Dorn in den vorgebrachten Erfahrungsberichten von sexueller oder sexualisierter Gewalt einen neuen Totalitarismus erkennen will. Auch diese Perspektive kann nur einnehmen, wer von den geschilderten Situationen und dem Leid der Berichtenden absieht; wer diese sogar indirekt verdächtigt, Unschuldige pauschal an den öffentlichen Pranger zu stellen. Kein Wunder also, dass Dorn meint, Betroffene sollten halt nicht so weinerlich sein, ihre Frau stehen und notfalls zur Polizei gehen. Genau dafür sei der liberale Rechtsstaat ja da. Fertig.

Das Individuum ohne Geschichte

Nun könnte man meinen, diese beiden Beispiele von Empathielosigkeit im liberalen Lager seien zufällig und könnten weiter nichts zeigen. Im Gegenteil: Sie sind bezeichnend. Sie können nämlich als Konsequenz eines extrem simplen liberalen Menschen- und Gesellschaftsbilds gelesen werden, in dem die Gemeinschaft nicht mehr ist als die Summe ihrer Bürger, und der Einzelne nichts weiter als ein individuelles Abbild der allgemeinen Menschheit. In diesem Bild gibt es keine Kräfteverhältnisse und auch keine sozialen Klimata, sondern allein individuelle Rechtssubjekte. Deren Freiheit endet dort, wo das Recht des Nächsten beginnt. So ergibt sich ein liberales Wuselbild aus lauter kleinen Partikeln, die sehr verschiedene Dinge tun. Und die einzige Erklärung für ihr Tun und Lassen sind die autonomen Entscheidungen im Innern der kleinen Partikel, begrenzt durch Recht und Gesetz.

Diese Gesellschaftsauffassung kennt keinen Platz für Identitäten, Zugehörigkeiten und Geschichten; für Konventionen, Normen und Strukturen. Das liberale Partikelbild entkleidet das Individuum vielmehr, nimmt ihm seine Herkunft, seine Geschichte, seine gesellschaftliche Position, sein Alter und Geschlecht. Denn das sind ihm zufolge nur zufällige, unwesentliche Eigenschaften. In Jean-Paul Sartres Worten kennt der Liberale (bei ihm "der Demokrat") "nur den Menschen, der sich überall gleich bleibt".

Wer dieses Bild zeichnet, der vergisst jedoch, dass soziales Unrecht meist jemanden adressiert, jemanden bei einer dieser unwesentlichen Eigenschaften packt, jemanden als jemanden verletzt. Hannah Arendt hat einmal gesagt: "Wenn man als Jude angegriffen wird, muss man sich als Jude verteidigen." Und das gilt auch für Frauen, Männer und Queers, für Andersdenkende und -gläubige, für (Post-)Migrantinnen, Arbeiter usw. Noch komplizierter wird es, da manches Unrecht auf komplexe Identitäten zielt, auf migrantische Arbeiterinnen zum Beispiel.