Früher, das weiß jeder onkelige Zeitungskolumnist, war alles einfacher. Die Nachrichten kamen um 20 Uhr, zu essen gab es Königsberger Klopse und man hasste den Chef oder war selbst einer. Man kümmerte sich wahlweise um seine Familie, seine Affäre oder seine Alkoholabhängigkeit und fragte sich nicht ständig, wer man denn eigentlich sei. Individualität war damals etwas für Leute, die Klaus Kinski hießen. Aber, und auch das weiß jeder onkelige Kolumnist, die Zeiten ändern sich, und so hat die Individualität eine steile Karriere hingelegt, ist plötzlich Einstellungskriterium und Beziehungsvoraussetzung.

Man ist nicht mehr Claudia, 35, Drogeriefachverkäuferin und Mutter von Dings und Bums, sondern Claudia, Pescetarierin, working mom und hypersensibel. Vielleicht hat Claudia ihren bürgerlichen Namen auch schon abgelegt, nennt sich jetzt C-Dawg, ist nebenberuflich DJ und lebt polyamourös. Wer sie ist, weiß C-Dawg immer noch nicht, denn "Life is a Journey", wie sie auf ihrem Instagram-Account verrät, und sie selbst ein Searcher. Während C-Dawg danach sucht, wer sie eigentlich ist, wissen es immerhin alle anderen, denn diese ganzen Selbstzuschreibungen verraten es ihnen. 

Das Ich dreht frei dieser Tage, die alten Kategorien zählen nicht mehr. Und weil "äh" eine schlechte Antwort ist auf die Frage, wer man denn eigentlich sei, bedient man sich solcher Etiketten. Schon merkwürdig, dass man sich in Zeiten, in denen INDIVIDUALITÄT groß geschrieben wird, freiwillig in immer kleinere Schubladen zwängt, um den anderen klar zu machen, wie besonders man ist.   

Ich möchte nicht zynisch klingen, ich verstehe, dass man sich erheben möchte aus dem Menschenbrei um einen herum. Ich finde es nur irritierend, dass man sich dafür selbst beschildern muss wie ein Lebensmittel mit zu vielen Zusatzstoffen. Denn das Ziel ist ja in Sicht: Man strebt eine Freiheit an, in der es egal ist, ob Menschen pansexuell, menocore oder soziophob sind. Doch weil die althergebrachten Identifikationsmerkmale (Herkunftsland, Beruf, Familienstand) nicht mehr passen und die Gesellschaft vom Ideal der Etikettenfreiheit noch weit entfernt ist, flüchtet man sich in das seltsame Wunderland der Mikrounterscheidungen. Nicht mehr empfindlich – hypersensibel! Nicht mehr prüde – demisexuell! Nicht mehr wählerisch – Clean Eater! Diese Etiketten sind ein stolzes Eingeständnis. Ein Stolz, nicht mehr auf die eigene Leistung, sondern auf das kantige, unordentliche Ich, auf die eigene Fehlbarkeit und auf Entscheidungen, die nicht dem Mainstream entsprechen.

Der Welt ist das Ich ziemlich egal

Hierin liegt das große Dilemma aller, die sehr besonders sein möchten, aber eben nicht allein: Obwohl Etikettenfreiheit die größte aller Freiheiten zu sein scheint und lauter 23-jährige Models und Popmusiker (natürlich polyamourös und hypersensibel) fordern, bitteschön nicht in Schubladen gesteckt zu werden, ist sie doch immer noch da – die Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Die Sehnsucht zu wissen, wer man eigentlich ist, in einer zunehmend lauten Welt, der so ein einzelnes Ich ziemlich egal zu sein scheint. 

Zugehörigkeit funktioniert eben nicht wie die schöne Idee, dass wir alle Weltbürger und gleich seien. Zugehörigkeit funktioniert über Abgrenzung. Vielleicht stammt daher auch die Aggression gegen Veganer: nicht wegen ihrer Lebensweise, die ja nun wirklich niemandem wehtut und objektiv dem Essverhalten des Durchschnittsdeutschen moralisch überlegen ist, sondern wegen der Distinktion, mit der sich Veganer von allen anderen abspalten. Sagt einer beim Anblick eines Zürcher Geschnetzelten einfach, "gerade keinen Hunger drauf", oder "meh", würde es kein Aufsehen erregen. Sagt er aber, "Ich bin Veganer, ich esse das nicht", ordnet er sich selbst und alle Umstehenden automatisch in ein System mehr oder minder Ernährungs- und Umweltbewusster ein. Gefällt nicht jedem. 

Dem Veganer hingegen geht es gut in dieser Situation (vorausgesetzt, er bleibt konsequent). Er hat sich einmal für ein Etikett entschieden und damit alle Folgeentscheidungen bereits getroffen. Entscheidungen, das sind übrigens diese kleinen insektenartigen Stechtiere, die einen ständig umsurren und so tun, als sei alles furchtbar dringlich. Beim Veganer im Angesicht des Geschnetzelten reagiert ein Automatismus – "nope" –, das Hirn läuft gar nicht erst an.

Manche Etiketten verlieren als abgrenzende Selbstzuschreibung mit der Zeit ihre Wirkung: Wer sich heute als patriotischer Deutscher oder als "heimatverbunden" bezeichnet, den erwartet oft ein müdes Lächeln oder man unterstellt ihm eine AfD-Mitgliedschaft. Beides nicht so glamourös. Aber was soll's, erfindet man sich halt ein neues Label. Heimatverbunden und demisexuell geht doch gut. Letzteres bedeutet, dass man lieber mit Leuten schläft, denen man vertraut und die man eine Weile kennt. Total normcore. Durchschnittlicher geht es kaum. Dafür einen eigenen Begriff zu schaffen, wirkt einfach lächerlich. Aber genau das verspricht dem verunsicherten Ich die Freiheit, so sein zu dürfen, wie es ist. Es kann doch nichts dafür.