Beim Brötchenholen wunderte ich mich. "Guten Tag, meine Liebe", begrüßt mich die Verkäuferin unten im Kaufhaus meist mit einem herzlichen Lächeln. An diesem Tag aber packte sie trübe die Brötchen ein und auf meine Frage nach ihrem Ergehen schüttelte sie müde den Kopf. "Sieben Wochen ohne richtiges Wochenende", sagte sie, "immer nur der Sonntag frei." Sechs Tage die Woche ohne Tageslicht zu arbeiten, da ging auch ihr die Freude aus.

Bernadette Conrad ist freiberufliche Journalistin und Autorin mit den Schwerpunkten Literaturkritik, Porträt und Reisereportage; tätig für das Schweizer Radio SRF2, DIE ZEIT u.a. Zuletzt erschienen von ihr "Die kleinste Familie der Welt. Vom spannenden Leben allein mit Kind" (btb 2016) und zusammen mit Usama Al-Shahmani "Die Fremde – ein seltsamer Lehrmeister" (Limmatverlag 2016). Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Ekko von Schwichow

Ein paar Tage später kaufte ich am Bahnhof meine Fahrkarten für die Weihnachtsreisen. Die Dame am Schalter war kompetent und freundlich, nur wunderte ich mich über die endlos lange Zeit, die sie brauchte, um meine Fragen nach Preisvergleichen und verschiedenen Abfahrtszeiten zu beantworten. "Jetzt reicht's", warf sie ihrer Kollegin zu, die sofort wusste, worauf sie sich bezog. Sie änderte irgendetwas an den Computereinstellungen und dann ging es plötzlich zackig. Auf Nachfrage erklärte sie mir, sie habe versucht, meine Fragen mit dem neuen System zu bearbeiten, das im neuen Jahr aufgeschaltet würde. Dies sei aber deutlich unpraktischer in der Handhabung. Ich blickte auf die Wartenden hinter mir. "Die Schlangen werden also in Zukunft noch länger?", fragte ich sie und sie nickte: "Davon können Sie ausgehen." "Warum denn dann die Neuerung?", wunderte ich mich. Sie seufzte. Man wolle neue Kolleg/innen schnell einarbeiten können, erklärte sie mir. Das alte System habe eine längere Einarbeitungszeit gebraucht und das sei mit den Anforderungen des zukünftigen Arbeitsmarkts nicht mehr vereinbar. "Aber wenn die da oben wüssten, wie es hier am Schalter zugeht, hätten sie diese Änderung nie eingeführt", versicherte sie mir.

Ich musste an das Gespräch mit einer Technikerin vom Radio vor ein paar Monaten denken. Eine gut ausgebildete Frau, seit Jahrzehnten in Radioproduktionen tätig. Seit Kurzem aber sollten die Journalisten ihre Beiträge auch technisch "selbst fahren". Der Stress einer eigentlich fachfremden Zusatzleistung für die Journalisten, die Frustration der Technikerin, ihrer Kernkompetenz beraubt zu werden: Beide Seiten waren entgeistert.

Die Techniker sollten nun mit Digitalisierungen, Podcasts, Hintergrundarbeiten beschäftigt und irgendwann vielleicht überflüssig werden? Die Vorgesetzten, von denen diese Veränderungen ausgingen, seien selbst gar nicht vom Radiofach, wurde mir erzählt; keine Hörfunkpraktiker, sondern Manager. Zuerst, hatte die Technikerin erzählt, seien sie und ihre Kollegen wütend gewesen. Frustriert. Wo war die Wertschätzung für ihren Beruf geblieben? "Und irgendwann denkt man dann: Reiß' einfach die letzten Jahre bis zur Rente runter, egal. Die Zeiten, in denen man die Arbeit geliebt hat, sind eben vorbei." Und was bedeutet das für zukünftige Hörfunktechniker?

Dies waren zufällige Beobachtungen im Herbst dieses Jahres. Zufälle, über die ich allerdings etwas genauer nachdachte, seit ich in diesem letzten Monat 2017 allmorgendlich Nachrichten aus dem Radio hörte, in denen die hervorragende Konjunkturlage in Deutschland bejubelt wurde.

Dass meine eigene professionelle Existenz immer auf dünnem Eis stattfand, daran war ich seit 25 Jahren Freiberuflichkeit in der klassisch schlecht bezahlten und seither dramatisch veränderten Branche des (Kultur-)Journalismus und Literaturbetriebs gewöhnt. Bei einer der größten Tageszeitungen im deutschsprachigen Raum hatte ich im Laufe von zwanzig Jahren freier Mitarbeit nicht weniger als vier Honorarkürzungen hinnehmen müssen. Nachfragen wurden abgewehrt; entweder ich schluckte die Kröte oder konnte die Mitarbeit niederlegen. Aber dass sich nun zunehmend auch in den verschiedensten Angestelltenberufen um mich herum Verschärfungen ereigneten, die den Leuten das Arbeiten erschwerten und das Vertrauen in jene Strukturen und Sicherheiten, auf die sie ja gebaut hatten, erschütterten – das nahm ich erst seit Kurzem so geballt wahr.