Geschlafen wird nicht. Dafür ist keine Zeit, schließlich dauert es nicht mehr lang, bis der Wind des Grauens alles verweht. Ob die Menschen der Weimarer Republik ahnten, was sie erwartet? Ob sie darum so viel in diese Zeit hineinstopften? Zwischen Philipp Scheidemanns Auftritt auf dem Westbalkon des Reichstagsgebäudes am 9. November 1918 und dem Aufmarsch der Nationalsozialisten bei der Machtübernahme am 30. Januar 1933 liegen nur vierzehn Jahre. Vierzehn Jahre, in denen Berlin mit seinen damals mehr als vier Millionen Einwohnern nicht nur die Hauptstadt der Weimarer Republik, sondern das Zentrum Europas darstellte, eine schillernde, vor Hoch-, Gegen- und Offkultur berstende Metropole, in der man nicht ins Bett ging, weil man entweder keins hatte oder durchfeiern wollte, oder beides.

Bis heute hat eine erstaunliche Menge an Kunst aus dieser Zeit überlebt. "Die Leute damals haben nie länger als anderthalb Stunden geschlafen und nach dem Aufstehen sofort Romane und Briefe verfasst, Sinfonien komponiert und Schlager geschrieben", sagt Hendrik Handloegten. Er ist einer der drei Regisseure, die der Serienwüste Deutschland mit dem atmosphärisch dichten und opulent ausgestatteten Babylon Berlin nicht nur eines der erfolgreichsten Formate aller Zeiten bescherten, sondern auch einen Trend wiederentdeckten. Es liegt in der Natur der Kultur – und dazu gehören neben Musik, Literatur, Film und bildender Kunst sehr wohl auch die als oberflächlich abgetanen Bereiche Mode und Nachtleben –, dass sie in Wellenbewegungen verläuft. Der erste The-Jazz-Age-Trend erfasste die USA bereits in den Sechzigerjahren mit Filmen wie Arthur Penns Bonnie and Clyde, ein paar Jahre später enttäuschte Jack Claytons F.-Scott-Fitzgerald-Verfilmung The Great Gatsby zwar dramaturgisch, aber schlug modisch ein wie ein Luger-Geschoss. In den Achtzigern bettete das britische Musikprojekt Jive Bunny Rock-'n'-Roll-Hits in den Beat von Glenn Millers In the Mood und bestimmte mit ihrer schaurigen Mischung monatelang die Charts in mehreren europäischen Ländern. In den Neunzigern veranstalteten Musiker und Musikerinnen in den USA und Kanada Swingpartys, auf denen sich junge Leute Anzüge und Flapper Dresses über die Tattoos aus der vorangegangenen Crossover-Phase zogen und beherzt Paartanz betrieben. Und auch in Deutschland gibt es seit jeher Swingmusikfans, die liebevoll ihre Schelllackplatten abstauben, Tanzkurse geben und sich die Haare aus dem Gesicht gelen. Max Raabe gründete das Palast Orchester bereits 1986, und Joseph Vilsmaiers Spielfilm Comedian Harmonists sahen 1997 mehr als drei Millionen Menschen.

Die von Baz Luhrmann inszenierte Neuverfilmung von The Great Gatsby, bei der man ähnlich wie 1974 auf eines der ge- und beliebtesten Hollywoodgesichter setzte (damals Robert Redford, 2013 Leonardo DiCaprio), krankte zwar an ähnlichen Problemen wie sein Vorgänger, aber brachte es ebenfalls zumindest zu einem kleinen modischen Widerhall: Wie Kleidung im Stil der frühen Sechzigerjahre seit der Serie gern als Mad-Men-Kleidung bezeichnet wird, kann man seit 2013 The-Great-Gatsby-Kleider kaufen. Im Frühjahr 2015 hatte das Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt unter dem passenden Motto Zehn Tage wach gar ein wunderbares, zehntägiges Festival ausgerichtet, bei dem grandiose Kompositionen, Filmmusiken und kleine Opern der Zwanziger teilweise uraufgeführt wurden – von Komponisten wie dem später von den Nazis verfemten Franz Schreker, Hanns Eisler oder dem in Deutschland fast in Vergessenheit geratenen Marc Blitzstein.

Und jetzt ist es wieder soweit, und die Aufmerksamkeit konzentriert sich – wieder – auf die Hauptstadt. Aus der Nachbarwohnung, bewohnt von einem schwulen Pärchen in ihren Vierzigern, klingen statt dem üblichen Mtz mtz mtz mtz elektronischer Tanzmusik seit Neuestem schmelzende Männerstimmen, die die Liebe besingen. Und mitten in den abgespielten Partymix in einer Bar in Mitte platzt das von Nikko Weidemann, Mario Kamien und Tom Tykwer für Babylon Berlin komponierte Titelstück Zu Asche, zu Staub, das sich zwar ausschließlich in seiner Instrumentierung und seinem bebenden Beat an den Vorbildern orientiert, aber die Tanz-auf-dem-Vulkan-Stimmung hervorragend wiedergibt. "Die Musik ist wunderbar tanzbar, die Texte sind herrlich sehnsüchtig", geben die Nachbarn zur Antwort auf die Frage, wieso sie ihre Swingader gerade jetzt entdecken. Angesteckt wurden sie – wie viele andere ebenfalls – von Babylon Berlin.

Volker Kutscher, dessen Romane die Vorlage für Tykwers, Handloegtens und von Borries' Serie waren, wird auch auf der Homepage des Taschen-Verlags zitiert – zu dem üppigen, vom Illustrator Robert Nippoldt gezeichneten und dem Journalisten Boris Pofalla getexteten Grafikband Es wird Nacht im Berlin der Wilden Zwanziger. Kutscher bezeichnet das Buch zurecht als "Opus Magnum". In rund 60 Kapiteln werden Künstler, Gigolos, Flapper, Politiker und Boxer vorgestellt; es geht um Nachtleben, Politik und Verkehr, um Mode, Armut, Drogen und Emigration. Beeindruckend umfassend ist die Auseinandersetzung mit den wenigen Jahren, in denen viel passierte, dazu ungemein aufschlussreich. 

Von Thea Alba liest man dort, der "Frau mit den zehn Gehirnen", die im Berliner Wintergarten, im Admiralspalast und in der Scala auftrat. Sie konnte mit beiden Händen in unterschiedlichen Sprachen Briefe schreiben, die man ihr spontan diktierte, und in weiteren parlieren. 26 verschiedene Sprachen umfasste ihr Repertoire, schreibt Pofalla, und dass die 1902 in Berlin geborene Gehirnakrobatin von mehreren Nervenärzten untersucht wurde. Nippoldt, dessen klarer, eleganter, mit Braun- und Schwarztönen schattierter Stil das Buch zu einem Kunstwerk adelt, illustriert das Kapitel Die neue Frau mit fünf Flaneurinnen samt Perlenketten, Hüten und Charleston-Pumps, auf der nächsten Doppelseite sieht man Reihen von Sekretärinnen mit Bubiköpfen auf riesige Rechenmaschinen eintippen. "Berlin war die Stadt der Frauen", schreibt Pofalla über die sich verändernde Gesellschaft, in der Frauen, vor allem in Großstädten, vermehrt Berufe ergriffen,"ein Paradies war es nicht". Die Liberalität der Goldenen Zwanziger, die eigentlich nur die fünf Jahre zwischen 1924 und 1929 umfassen, war mit der Wirtschaftskrise vorbei: "Die weiblichen Angestellten wurden als Erstes entlassen."