Am Anfang war das Lied. "Eins, zwei, Polizei. Drei, vier, Offizier. Fünf, sechs, alte Hex’. Sieben, acht, gute Nacht. Neun, zehn, auf Wiedersehen".

So betrat ich singend im Alter von drei Jahren das Universum der deutschen Sprache. Aber bevor ich noch weiter über meinen unaufhörlichen Kampf mit Deutsch erzähle, muss ich zuerst ein paar Details meiner Biografie erwähnen.

Ich bin in Thessaloniki geboren und aufgewachsen. Meine Mutter- (und Vatersprache) ist Griechisch. Dies bedeutet, dass ich es schon mit der Muttersprache nicht besonders leicht hatte. Und als ob das nicht genug wäre, trafen meine Eltern damals eine sadistische Entscheidung.

Da sie beide mit 18 Jahren versuchten, Deutsch zu lernen und dabei naturgemäß sehr zu kämpfen hatten, musste ich schon im Alter von drei Jahren die Phase der sprachlichen Unschuld verlassen.

Und so trat Frau Irene in mein Leben. Sie war eine junge Griechin, geboren und aufgewachsen in Frankfurt, die wegen ihrer Sehnsucht nach der Sonne und einer Affäre lieber in Thessaloniki leben wollte und dort kleine Kinder – wie mich – mit deutschen Artikeln, Verben und Adverben quälte und damit gutes Geld verdiente. Das erste Wort, das sie mir beibrachte, war "Geripptes". Ein Apfelweinglas auf Frankfurterisch. First things first.

Christina Baniotopoulou, geboren 1990 im griechischen Thessaloniki, ist Psychologin. Sie lebt seit 2011 in Berlin. Gerade macht sie die psychotherapeutische Ausbildung. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Nach Frau Irene kamen Frau Fotini, Frau Antigone und Frau Lia. All diese netten Damen teilten sich einen gemeinsamen Fetisch, nämlich die regelmäßigen und unregelmäßigen Verben. Ich leide. Ich litt. Ich habe gelitten. Mit 16 bestand ich dennoch die Prüfungen für das große deutsche Sprachdiplom.

Als ich sechs Jahre später nach Berlin zog, merkte ich rasch, dass das schwere Papier des Goethe-Instituts natürlich von Vorteil war, es garantierte mir aber nicht automatisch eine problemlose Assimilation im Land. So suchte ich eines Tages im Supermarkt einen Bund Petersilie. Ich konnte ihn nicht finden. Auch wusste ich damals nicht, was Petersilie auf Deutsch heißt. Ein Smartphone mit Übersetzungs-App besaß ich nicht. Ich versuchte der Verkäuferin zu beschreiben, dass ich eine Pflanze mit kleinen grünen Blättern bräuchte. "Kaktus?", fragte sie. Erfolglos ging ich nach Hause. Die Wut piekste mich wie ein kleiner Stachel.

"Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt", schrieb Wittgenstein im Tractatus logico-philosophicus. Man kann seinen Aphorismus optimistisch lesen. Solange es ein Wort für etwas gibt, gibt es auch keine Grenzen des Denkens. Es gibt aber auch eine andere Deutung, die der Realität des Wechsels zwischen zwei Sprachen um einiges näher kommt. Wenn mir das Wort fehlt, fehlt mir auch der Gedanke. Und weil mir der Gedanke fehlt, wird eine Mauer errichtet. Eine intrapsychische Mauer genau genommen, die nicht selten zur Hemmung und zum Rückzug führt.