Heimat ist ein unordentliches Gefühl. Nicht erst seit der Begriff durch rechte Platzpatronen und die unweigerlich darauffolgenden Nulldebatten völlig zerfleddert worden ist, sondern schon davor. Ein ganzes Erwachsenwerden lang baut man sich ein eigenes Leben auf, mit Menschen, die man sich aussucht, möglichst in einer Stadt, in der man sich wohlfühlt, nur um dann an den höchsten Feiertagen im Jahr wieder zurückzukehren in das Nest im Sauerland, in die brandenburgische Kleinstadt, oder noch schlimmer, nach München.

Aber Heimat verpflichtet, und so sind spätestens zum 23. Dezember aus einem diffusen Pflichtgefühl einer Nation heraus sämtliche Autobahnen und Züge verlässlich verstopft. Spätestens, wenn man selbst irgendwo auf dem Boden zwischen erster und zweiter Klasse kauert, fragt man sich, wie man das noch zwei, vier oder sechs Stunden aushalten soll. Man schwört sich, dass man das nur noch macht, bis man selbst Kinder hat, dabei ist das natürlich Unsinn: Heimfahren ist lebenslänglich.

Der etwas klebrige Begriff der Heimat bedeutet natürlich nie ein verschneites Winter Wonderland mit liebenden Verwandten und einem warmen Gefühl vom Ankommen. Und selbst wenn es schön und verschneit ist, ist Heimat doch auch die Erinnerung an Gaby aus der 7c, deren Charakterzüge sich hauptsächlich darauf beschränkten, ihre Mitschüler zu quälen und auf das Y in ihrem Namen zu bestehen, weil das "voll cool so klingt".

Eine Million Oboestunden

Heimat, das ist nicht ein Medley aus den schönsten Kindheitserinnerungen und fröhlichen Familienfesten, bei denen man gar keine Kerzen brauchte, so sehr leuchteten alle Augen. Heimat, das sind vor allem unendliche, öde Nachmittage, mit dem Rad die immer gleiche Nachbarschaft umkreisen, heimliches Fernsehen, Streits um Staubsaugen und eine Million Oboestunden, dabei hat man die Oboe immer gehasst, in Peter und der Wolf spielt die Oboe die Rolle der ENTE, und das sagt eigentlich doch schon alles über dieses Instrument aus. Und auch über das Bild, das die Eltern wohl von einem hatten, als sie beschlossen haben, dass die OBOE ein passendes Instrument für einen sei.

Man kehrt also heim in eine zurückgelassene Wirklichkeit, in zu kleine Kinderzimmer, und schläft wieder unter der Schalke-04-Bettwäsche. Überall sind Katzenhaare, weil Heimat aus unerfindlichen Gründen immer voller Katzenhaare ist, und alles ist voller Erinnerung, dabei kommt man nicht mal richtig mit dieser ganzen 2017-Gegenwart zurecht. Weshalb? Aus Pflichtgefühl. Wegen Weihnachten.