Gehören Sie auch zu den Menschen, die neuerdings bewusst konsumieren? Die beim Griff ins Weinregal den Bioweißwein aus Südafrika wählen, kompostierbare Kaffeekapseln kaufen und bei der Suche nach dem stufenlos verstellbaren Milchaufschäumer mit optimaler Temperaturregulation auf einen Energieverbrauch der Kategorie A+++ achten? Glückwunsch: Sie sind ein bewusster Konsument!

Marlen Hobrack studiert im Masterstudiengang Kultur- und Medienwissenschaften, nachdem sie zuvor einige Jahre in einer Unternehmensberatung gearbeitet hat. Derzeit schreibt sie an einem Social-Media-Roman. Sie lebt mit ihrem Sohn in Dresden und ist Gastautorin bei "10 nach 8". © privat

Es ist ja so: Während des überwiegenden Teils der Menschheitsgeschichte stolperten unsere Vorfahren mehr oder weniger bewusstlos durch die Gänge der Shopping-Tempel, oder eben durch Dschungelpfade, und konsumierten seins- und weltvergessen, was ihnen hier und da in die Hände fiel. Die CO2-Fußabdrücke, die sie hinterließen, waren ihnen dabei reichlich schnuppe. Gut, unsere Konsumzombie-Vorfahren formten verhältnismäßig kleine Fußabdrücke; nicht nur, weil allgegenwärtige Mangelerscheinungen das Wachstum des Körpers nun einmal hemmten. Auch hinsichtlich ihres CO2-Ausstoßes waren sie geradezu Leichtgewichte. Über den größten Teil der Weltgeschichte hinweg waren 99,9 Prozent der insgesamt recht kleinen Menschheit arm und untergewichtig, aber gut fürs Klima.

Nun geht es uns allen besser, was Grund zur Freude und Sorge zugleich bedeutet. Dass auch die Ärmeren, nicht bloß hierzulande, mehr konsumieren wollen, wäre ja nicht schlimm, täten sie es nur im richtigen Bewusstsein. Ein Grund mehr für die globale Mittelschicht, mit gutem Vorbild voranzugehen: Wer bei H&M zum sechsten Mal in diesem Jahr zu einem "Mid-Season-Sale" spaziert, nimmt einen Beutel mit Altkleidern mit, den er der mit magerem Stundenlohn abgespeisten Verkäuferin im Rahmen eines textilen Ablasshandels vergnügt in die Hände drückt. Der schwedische Konzern sammelt die Altkleider und überführt sie in einen Wiederverwertungskreislauf, das klingt erst mal vorbildlich grün. Aber ist es das auch oder eigentlich bloß ein weiterer Kaufanreiz? Für Zweifel an diesem Engagement hat der am eigenen guten Gewissen berauschte Konsument keine Zeit. Auf den Black Friday folgt der Cyber Monday. Und da muss dann ein neuer Fernseher her, freilich nur, weil er im Vergleich zum alten viel weniger Strom verbraucht.

Konsumverzicht schmerzt

Viele Blogs und Bücher widmen sich fürsorglich dem Motto: Buy less! Sendungsbewusste Lichtgestalten des Verzichts offenbaren, wie sie reihenweise einst teuer gekaufte Konsumgüter wegschmeißen. Der hierfür verwendete Euphemismus lautet: "sich trennen". Sie tun dies, weil diese Dinge ihnen "nichts mehr geben". Das Verhältnis zu den Dingen gestaltet sich wie das zu Partnern, wie man sieht. Weil man von den Adepten des aufgeklärten Konsumverzichts wichtige Lektionen lernen kann, sollte man deren Ratgeberbücher und Selbstversuchsberichte sogleich auf Amazon kaufen. Nur bitte nicht in der gedruckten Variante, für die schließlich einige Bäume sterben müssten. Das wäre schlecht für die CO2-Bilanz.

Was nun keiner der Verzichtsgurus zu denken wagt, ist, dass der Verzicht womöglich nicht keinen Mehrwert bietet. Weder emotional, noch spirituell. Das liebgewonnene Oxymoron vom "bereichernden Verzicht" ist nicht nur Opium fürs Konsumvolk, es vernebelt uns auch den Realitätssinn. Konsumverzicht schmerzt. Und das Trostpflaster des guten Gewissens kann nicht immer die Wunde schließen, die der Verzicht schlägt. Das zeigt auch das Beispiel der geschätzten Kollegin Bixe Jankovska. Sie dokumentierte vor einigen Monaten ihr selbstgesetztes Ziel, ein halbes Jahr lang keine neue Kleidung mehr zu kaufen. Oder jedenfalls nur kaputte Teile zu ersetzen. Schließlich besitzt sie, wie wohl die allermeisten, mehr Kleidung, als man in einem ganzen Leben tragen könnte. Der Konsumverzicht gelang ihr indessen nicht. Zwischendrin kaufte sie sich doch das eine oder andere Kleidungsstück. Aber, so versichert sie, es habe sich eben um hochwertige Kleidung gehandelt. Die werde auch lange halten und nicht aus der Mode kommen. Also zukünftigen Konsum unnötig machen. In der Theorie, versteht sich. Natürlich ist sie schlau genug, um zu wissen, dass sie sich ein bisschen in die gefüllte Einkaufstasche lügt. Die liebe Kollegin ist auch beileibe kein Einzelfall. Wir alle konsumieren mehr als wir müssten oder sollten.