Nachdem die sogenannten Jamaika-Sondierungen vor wenigen Wochen gescheitert waren, dauerte es nicht lang, bis einige von einer "Staatskrise" redeten und sogar erste Vergleiche zur Weimarer Republik zogen. Nun sind zwar bis heute keine aufmarschierenden Freikorps im Berliner Regierungsviertel gesichtet worden, ebenso ist auch noch nichts von Forderungen saarländischer Warlords oder mecklenburgischer Separatisten bekannt. Gleichwohl schien dieser jüngste Fall von medialem Krisenfetischismus symptomatisch.

Denn wenn im letzten Jahr, ach was, im letzten Jahrzehnt etwas konstant Konjunktur hatte, dann waren es eben: die Krisen. Dafür reicht schon ein flüchtiger Blick in die Nachrichten oder der Gang in eine Buchhandlung: Ob Finanz-, Wirtschafts-, Euro-, Schulden-, Klima-, Flüchtlings- oder Staatskrise, ob Renten-, Bildungs- oder Wohnungskrise, ob die Krise des Westens, der Männlichkeit, des Glaubens, der Sexualität oder der Demokratie – Krisen sind nicht nur überall, sondern vor allem auch permanent.

Das scheint nun schon deshalb bemerkenswert, weil es, zumindest etymologisch gesehen, eigentlich gar nicht möglich ist. Seiner altgriechischen Herkunft nach meint der Begriff der krisis, der bis zum Anbruch der Moderne nur punktuell und vor allem in der Medizin verwandt wurde, eine abrupte Veränderung oder einen Moment der Ent-Scheidung, also beispielsweise den dramatischen Höhepunkt einer Krankheit. Deshalb kannte die Krise grundsätzlich nur zwei Auswege: Heilung oder Tod. Das heißt wiederum: Die Krise verlangte erstens ein klares Urteilsvermögen, implizierte zweitens aber stets die Möglichkeit der Genesung. So oder so war sie jedoch zeitlich eng begrenzt. Sie beschrieb eigentlich nur einen tipping point, einen Augenblick der finalen Zuspitzung, den über Erneuerung oder Ende entschied.

Die Stimmung ist gut

Das ist keineswegs eine philologische Petitesse, sondern verweist darauf, dass wir, die Bewohner der westlichen Hemisphäre, uns heute nicht einfach "nur" in Krisenzeiten wähnen, sondern sich im kollektiven Bewusstsein zunehmend die Vorstellung einer unendlichen Metakrise verankert hat. Die "Metakrise", so schreibt die Kulturwissenschaftlerin Eva Horn in ihrem klugen, 2014 erschienenen Buch Zukunft als Katastrophe, "ist eine Katastrophe ohne Ereignis, denn sie besteht gerade in der Kontinuität, im schieren Weitermachen. Sie hat keine klar benennbaren Akteure und Schuldigen, keinen präzisen Moment oder begrenzbaren Ort, kein einzelnes Szenario – vielmehr viele, große und kleine, deutliche und undeutliche, wahrscheinliche und unwahrscheinliche Zeitpunkte, Lokalitäten und Verlaufsformen".

Genau darin unterscheidet sich unsere Gegenwart vielleicht von vorherigen. Es stimmt: Auch frühere Jahrzehnte zeichneten sich durch ein gesteigertes Krisenbewusstsein aus, man denke nur an die Angst vorm Atomtod oder dem Waldsterben in den Siebzigern und Achtzigern. Dennoch scheint dieses Krisenbewusstsein in seiner medial vermittelten Intensität heute nicht nur größer denn je, sondern auch die konstante Parallelität einer Vielzahl von Krisen, die zu einer amorphen Metakrise verschwimmt, offenbart sich als historisch relativ neu. Und das hat nicht nur mit einer durch Live-Ticker und soziale Netzwerke veränderten Aufmerksamkeitsökonomie zu tun, sondern zunächst auch mit einem spezifischen Paradox.

Eine "Sorgengemeinschaft"

Auf persönlicher Ebene ist in Deutschland von German Angst nämlich wenig zu spüren. Ganz im Gegenteil: Die Stimmung ist so gut wie selten zuvor. Der jüngst veröffentlichte "Glücksatlas", eine repräsentative Umfrage, die seit sieben Jahren die hiesige Lebenszufriedenheit misst, verharrt mit einem durchschnittlichen Wert von 7.07 von 10 Punkten auf einem Hoch. Es scheint also ein Widerspruch zu sein: Während die politischen Debatten stetig schriller um Terrorgefahr, vermeintliche Sprechverbote oder kollektive Identitätskrisen kreisen, zeigt sich die individuelle Zufriedenheit stabil auf hohem Niveau.

Genau besehen ist das vielleicht jedoch gar kein bloßer Widerspruch, sondern vielmehr ein dialektischer Zusammenhang: Gerade weil die individuelle Zufriedenheit durchschnittlich hoch ist, vermag das Sprechen über die Krise zum sozialen Kitt einer sich immer weiter ausdifferenzierenden Gesellschaft zu werden. "Tatsächlich", so bemerkte Peter Sloterdijk in seinem 2011 erschienenen Essay Stress und Freiheit, "ist der psychopolitische Großkörper, den wir Gesellschaft nennen, nichts anderes als eine von medial induzierten Stress-Themen in Schwingung versetzte Sorgengemeinschaft." 

In dem Maße, in dem homogene Milieus schwinden und die Gesellschaft sich zunehmend atomisiert, wird die kollektive Erregung also zum sozialen Bindemittel, die "Nation ein Kollektiv, dem es gelingt, gemeinsam Unruhe zu bewahren". Wobei das freilich nicht nur für die Gesellschaft als Ganzes gilt, sondern insbesondere auch für politische Ad-hoc-Anhängerschaften. Das zeigt sich etwa bei der AfD. Deren Wähler sind weder in programmatischer noch in ökonomischer oder kultureller Hinsicht einheitlich, sondern was sie bis dato im Wesentlichen zusammenhält, ist die Bildung einer ressentimentgeladenen Erregungsgemeinschaft. Die Spitzenfunktionäre der AfD wissen das selbst auch nur allzu gut, weshalb die konstante Provokation zu ihrem parteipolitischen Identitätskern gehört.

Ein doppeltes Problem

Damit eine solche buchstäbliche Krisenkommunikation langfristig aber auch wirklich sozial bindend und nicht trennend wirkt, darf der gesellschaftliche Stress freilich nicht zu existenziell werden. Oder zugespitzter gesagt: Solange eine Gesellschaft Sorgen artikuliert, die – relativ gesehen – nicht fundamental sind und über die sich aus der Distanz streiten lässt, wirken die "Stress-Schwingungen" synchronisierend – und werden nicht zu Zerreißkräften. Das führt jedoch wiederum zu einem doppeltem Problem.

Zum einen dazu, dass immer weniger die tatsächlichen Krisen diskutiert werden, sondern lediglich bestimmte Oberflächenphänomene. Besonders deutlich zeigt sich das vielleicht an der sogenannten Flüchtlingskrise. Denn schon der Begriff zielt bei vielen Kommentatoren ja gar nicht (mehr) auf das Schicksal jener Asylsuchenden, die im Mittelmeer ertrinken oder in griechischen Elendslagern ausharren, sondern vor allem auf die finanziellen Aufwendungen der Aufnahmegesellschaft, welche, nebenbei bemerkt, im Vergleich zu jenen Beträgen, die den Staaten durch Steuerhinterziehung oder -vermeidung verloren gehen, äußerst gering sind.

Das Herrschaftsmittel der Herrschenden

Die Metakrisenkommunikation führt deshalb zu einer aufmerksamkeitsökonomischen Nivellierung der Problemlagen. Es ist ja nicht so, dass es nicht viele wirkliche Krisen gäbe, sei es die Situation von Hunderttausenden Flüchtlingen, die Klimaerwärmung oder die steigende Altersarmut. Ganz zu schweigen von kollektiv nahezu vergessenen Kriegen wie dem in Jemen, wo sich die Zahl der Cholera-Verdachtsfälle jüngst auf eine Million erhöht hat.

Da der diskursive Katastrophismus aber auch einer medialen wie politischen Verwertungslogik folgt, sich also danach richtet, ob sich aus den jeweiligen Themen Machtansprüche oder zumindest Neuigkeiten ableiten lassen, scheint es bisweilen eben besser, eine vermeintlich neue Krise auszurufen, als eine bestehende zu lösen oder auch nur weiter zu diskutieren. In den öffentlichen Debatten wirkt ein drohendes Dieselverbot für Innenstädte dann mitunter genauso dramatisch wie die Folgen des Klimawandels, struktureller Sexismus ebenso schlimm wie vermeintliche Verhaltensverunsicherung von Männern. Das eine Problem bei der Metakrisenkommunikation besteht also darin, dass sie unterschiedliche Krisen buchstäblich relativiert.

Damit ist dann aber auch noch ein zweites Problem verbunden: Wo nämlich tatsächliche Krisen und Oberflächenphänomene verschwimmen, verunklaren sich auch die Opferrollen. Mehr noch: Es entsteht, so schreibt der italienische Literaturwissenschaftler Daniele Giglioli in seinem 2016 publiziertem Essay Die Opferfalle, ein "opportunistischer Viktimismus".

Das heißt: Neben tatsächlichen Opfern bestimmter Krisen und Probleme, die sich vor allem dadurch auszeichnen, dass sie keine Opfer mehr sein wollen, gibt es auch immer mehr selbsterklärte Opfer, die diese imaginierte Rolle als strategische Position für politische Ansprüche nutzen. Und paradoxerweise sind das oft jene, die eigentlich die Macht haben. Man denke etwa nur an Donald Trump, dessen Wahlkampf im Wesentlichen ja nicht nur darin bestand, sich selbst, tatsächlich ja eine idealtypische Personifikation des Establishments, als Opfer des Letzteren zu inszenieren, sondern die gesamten Vereinigten Staaten, das mit Abstand mächtigste Land der Welt, als Leidtragende der internationalen Staatenordnung darzustellen. "Der Führer", bemerkt Giglioli, "der sich als Opfer geriert, bietet seinen Anhängern nämlichen einen impliziten, manchmal auch expliziten affektiven Pakt: eine Identifikation, die über den mächtigen Hebel des Ressentiments wirkt."

Macht die Krisengeräusche leiser

Und genau das funktioniert etwa auch beim klassischen victim blaming. Nachdem Abertausende Frauen im Zuge der #MeToo-Debatte etwa über die Alltäglichkeit von strukturellem Sexismus berichtet hatten, hatte es ja beispielsweise nicht lange gedauert, bis die ersten Stimmen laut wurden, die nun die vermeintlich unter Generalverdacht geratenen Männer als wahre Opfer einer tugendterroristischen Kampagne verbuchen wollten. Im Bewusstsein der Metakrise avanciert die Selbstviktimisierung paradoxerweise somit zunehmend zum Herrschaftsmittel der Herrschenden.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass das, was am ehesten ein Korrektiv zum unendlichen Metakrisenbewusstsein seine könnte, die, so Giglioli, "allgemeine, positive Idee des Guten" ist. Also genau das, was ursprünglich integraler Bestandteil jeder Krise war: die Möglichkeit der Verbesserung und Genesung. Und es ist ja eben auch nicht so, dass es für aktuelle Krisen nicht genug Lösungsvorschläge gäbe. Wie eine wirklich geschlechtergerechte Gesellschaft aussieht, wie Reichtum sozialer verteilt oder die Wirtschaft nachhaltiger organisiert werden kann, das alles wird seit Jahren und Jahrzehnten fortlaufend diskutiert. Würde man die Krisengeräusche für einen Moment herunterdimmen, könnte man sich diese Vorschläge sogar auch anhören.