"Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen, und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen", schrieb Wittgenstein in seinem Frühwerk Tractatus logico-philosophicus. Wortwörtlich gemeint, aus Wittgensteins Kontext gelöst, frage ich: Was passiert, wenn man nicht mehr reden kann und gezwungen ist, zu schweigen?

Meine Eltern sind Kurden aus dem Osten der Türkei und kommen aus einer Stadt, die sich kurdisch Dersim nennt. Seit ich klein bin, verknüpfe ich dieses Wort mit dieser Stadt. Doch Dersim wurde unbenannt, in das türkische Tunceli, was "Eiserne Faust" bedeutet. Zwischen 1937 und 1938 ließ Mustafa Kemal Atatürk, liebevoll "Vater der Türken" genannt, dort ein Massaker an den überwiegend alevitischen Kurdinnen und Kurden ausüben

Cemile Sahin ist Künstlerin. Sie ist Gastautorin von "10nach8". © Nazanin Noori

Während des sogenannten Dersim-Aufstands wurden zahllose Menschen getötet. Dies sind die Berichte, die ich in meiner Kindheit hörte:

Person A: Ich habe mein Kind im Fluss ertränkt. Aus Angst vor den Soldaten. Der Fluss war rot. Dann sah ich, wie meine Schwester die Klippe runtersprang und im Wasser aufklatschte.
Person B: Sie quetschten Männer und Frauen in eine Höhle. Drückten sie alle rein. Wie Tiere. Vieh. Und zündeten sie bei lebendigem Leibe an. Die Soldaten lachten, aber in der Höhle brannten Menschen. Der Geruch verfolgt mich immer noch. Ich wache nachts auf und denke, ein Mensch brennt wieder.
Person C: Ich lebe, aber ich bin nicht entkommen.

Wer sich retten konnte, ist geflohen. Kinder wurden von ihren Eltern getrennt und in die Westtürkei deportiert, um neuprogrammiert als türkische Kinder aufzuwachsen. Und irgendwann musste auch die kurdische Sprache weichen.

Meine Eltern sind Anfang der Neunziger nach Europa geflohen. Hier bin ich geboren. Die Flucht ist ein Privileg, aber sie ist auch eine Not, unerträglich, sie reißt Löcher auf.Man wird hohl. Aber man kommt auch zu dem Schluss, dass es nicht anders geht. Meine Eltern durchlebten jeden Tag einen besonderen Albtraum. In Europa, mit der Angst im Rücken, haben sie sich auch der kurdischen Sprache entledigt. Ich spreche kein Kurdisch, aber ich spreche Türkisch, auf einmal war das meine neue Muttersprache. So einfach ist das Leben.

Wie geht man mit dem Verlust einer Sprache um? Mit der Sprache, die man kennt, in der man früher sein Leben ausgedrückt hat? In der man gedacht, gefühlt, gegessen und geliebt hat? Ein halber Fleck im Osten der Türkei wurde mundtot gemacht. Vom Leben wegradiert. Mund und Rachen gleichzeitig gestopft. Damit kein einziges Wort mehr herauskommt. Sprachst du Kurdisch, warst du Kurde, ein Bergtürke, ein Volksverräter. Keiner wollte sterben. Stattdessen sind viele ins Schweigen gefallen.