Vor einigen Monaten besuchte ich zum ersten Mal Mostar, die Stadt, die während der Balkankonflikte in den neunziger Jahren die ganze Sinnlosigkeit und Brutalität des Krieges zu spüren bekam: ethnische Teilungen, Zerstörungen und Leiden völlig unschuldiger Menschen. Dieser widerliche Krieg dauerte in den politischen Entscheidungen und im Leben der Bewohner des einstigen Jugoslawiens weit über sein offizielles Ende hinaus an. Er hätte zumindest juristisch und symbolisch mit dem Urteil des Den Haager Tribunals für die sechs militärisch-politischen Anführer von Herceg-Bosna abgeschlossen werden sollen. Der Richterspruch fiel – Ironie der Geschichte – auf den einst bedeutendsten jugoslawischen Feiertag, mit dem die Vereinigung zur Föderation begangen wurde – auf den Tag der Republik. Am 29. November 2017 wurde in Den Haag, so schrieb etwas später der Dichter Marko Tomaš aus Mostar, der letzte Schuss auf diese Stadt abgefeuert.

Ivana Sajko ist eine kroatische Prosa- und Theaterautorin, die in Berlin lebt. In deutscher Übersetzung sind bisher erschienen: "Rio bar" (2008), "Archetyp: Medea. Bombenfrau. Europa: Trilogie" (2008), "Trilogie des Ungehorsams" (2012), "Auf dem Weg zum Wahnsinn (und zur Revolution). Eine Lektüre" (2014) und "Liebesroman" (2017). Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". Maja Bosni

Ich war also zum ersten Mal in Mostar, das Auto fuhr jenen Boulevard entlang, der während des Krieges die Trennlinie zwischen Kroaten und Bosniaken darstellte. Die Reste der Gebäude wirken heute wie von Karies zernagte Zähne. Es ist nicht möglich, ihren einstigen Stil oder ihre Größe zu erkennen, weil sie von Kugeln und Granaten in löchrige Gerippe verwandelt wurden, die man kaum von der herzegowinischen Karstlandschaft unterscheiden kann. Durch die Stadt führte mich Indira, eine Muslimin, die während des Krieges mit ihrem verwundeten Ehemann vor der Barbarei der kroatischen Militäraktionen aus Mostar nach Deutschland geflüchtet war – um dort ausgerechnet von einer Kroatin Hilfe zu erfahren, der Autorin und Übersetzerin, auch dieses Textes, Alida Bremer.

Nun waren Alida und ich beide Gäste in der Stadt, die – laut Urteil von Den Haag – das Hauptziel des "gemeinschaftlichen kriminellen Unternehmens" war, das von der politischen Führung der Republik Kroatien mit der Absicht konzipiert wurde, ein ethnisch reines Territorium unter der Bezeichnung Herceg-Bosna auf dem Gebiet der Republik Bosnien und Herzegowina zu schaffen. Die Anwälte und die investigativen Mitarbeiter des Den Haager Tribunals haben für diese Definition volle zwei Jahrzehnte mit dem Sammeln von Beweismaterial zugebracht. Trotzdem zieht es die kroatische Regierung heute vor, dem Tribunal gegenüber ihr Misstrauen zum Ausdruck zu bringen und akzeptiert keineswegs diese präzise formulierte Definition, die unfehlbar zeigt, dass die territoriale Obsession des einstigen kroatischen Präsidenten Franjo Tuđman bezüglich Bosnien und Herzegowina ein Verbrechen war.

Völlig vorbei an demokratischen und moralischen Prinzipien wird die Geschichte den aktuellen Interessen der Regierenden angepasst. Es werden grotesk aufgeplusterte nationale Identitäten konstruiert, die man vor angeblichen Angriffen von außen verteidigen muss. Dabei sind diejenigen, deren Häuser, Familien und Körper geschunden wurden, eigentlich die größten Opfer dieser Demagogie, da ihre Erinnerungen nun ebenfalls vergewaltigt werden. Der sogenannte Prozess der Sechs war die Möglichkeit zur Katharsis, die gemeinsamen Verluste betreffend, für eine Meditation über den Tod, der dem Kern jedes Krieges innewohnt.

Doch der theatralische Selbstmord von General Slobodan Praljak, der direkt dem Urteilsspruch folgte, entwertete all jene Tode, die weder öffentlich noch theatralisch waren, und am wenigsten freiwillig, sondern sich auf den Bauernhöfen, in den Kellern der Familienhäuser und in den in Lager umgewandelten Warenmagazine abspielten. Praljak, reinszenierte den Selbstmord von Sokrates, mit dem er sich zu vergleichen pflegte: Indem er das Fläschchen mit Kaliumcyanid austrank, nahm er nicht nur sein Leben, sondern er nahm den Zeugen auch ihr Recht auf Leid, nachdem ihnen schon alles außer ihren Traumata genommen worden war. So auch Indira, die mich durch ihre Stadt führte.