Wer sich heute durch Profile auf Dating-Websites klickt, mag sich an die Freundschaftsbücher erinnert fühlen, die man in den neunziger Jahren auf Schulhöfen herumreichte und in die man beflissen Lieblingsessen und -Farbe eintrug. Oder man denkt an Bewerbungsunterlagen und das Bemühen, seine eigenen Qualitäten und Fähigkeiten im Format eines standardisierten Lebenslaufs in die ökonomisch präsentabelste Form zu bringen. Während die Standardfragen auf Dating-Websites, welche Vorzüge man habe, wie man seine Freitagabende verbringe, Spielraum für den Versuch einer individuellen Antwort lässt, findet sich am Rand ein Schaukasten mit den harten Fakten zu Nutzerin und Nutzer: Alter, Religion, Ausbildung, will Kinder, mag Katzen, spricht Deutsch, Englisch, Spanisch, raucht nicht, drinks socially. Sexuelle Ausrichtungen: heteroflexibel, sapiosexuell, demisexuell.

Jule Govrin, geboren 1984, lebt in Berlin und arbeitet als Philosophin und Kulturtheoretikerin. Sie forscht an der Freien Universität zum Verhältnis von Begehren, Sexualität und Ökonomie und ist Autorin von "Sex, Gott und Kapital: Houellebecqs Unterwerfung zwischen neoreaktionärer Rhetorik und postsäkularen Politiken". Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Montecruz Foto

Die Logik der Selbstvermarktung wirkt auf Dating-Websites wie Tinder und OkCupid weniger als Pflichtübung wie bei der Bewerbung, sondern ähnlich wie das Selbstdarstellen auf Facebook als sanfter Zwang, dem man sich mit Vergnügen hingibt. Aber wie wirken diese eigenartigen Mechanismen der standardmäßigen Kategorisierung und Katalogisierung, wenn es um etwas so Intimes wie das eigene Begehren geht?

Die Vermessung des Sexuellen

Der modernen Vorstellung von Sexualität ist, wie Michel Foucault gezeigt hat, immer schon der Drang zum Messen und Bewerten eingeschrieben. Die zeitgenössische Annahme, dass das sexuelle Verlangen unsere Identität bestimmt, hängt eng mit dem aufklärerischen Wunsch zusammen, den Menschen wissenschaftlich zu erfassen. In einem der Gründungswerke der Sexualwissenschaft, der 1886 erschienenen Psychopathia sexualis von Richard von Krafft-Ebing finden sich penibel aufgelistet und kategorisiert sämtliche dem Forscher bekannte Perversionen.

Dieser Versuch einer Vermessung der Lüste hat sich in vielfachen Formen bis in unsere Gegenwart fortgesetzt. Was vermessen wird, wird auch bewertet: Wurden die Perversionen bei Krafft-Ebing noch pauschal moralisch abgewertet und als krank abgetan, sind mittlerweile manche sexuelle Spielarten salonfähig. Spätestens seit Fifty Shades of Grey sind Fesselspiele auch im bürgerlichen Ehebett akzeptabel, während andere sadomasochistische Praktiken nach wie vor als obszön gelten. Ob es nun um moralische Bewertung, wissenschaftliche Vermessung oder wirtschaftliche Wertschöpfung geht, das Vermessen und Bewerten ist der Sexualität inhärent. Der aufklärerische Drang, das geheime Wesen des Menschen und dessen sexuelle Wünsche bis ins Detail wissenschaftlich zu erfassen, hat die Marktwirtschaft dazu inspiriert, aus der Liberalisierung der Sexualverhältnisse Mehrwert zu schöpfen.

Begehrensökonomische Rechenspiele

Solche ursprünglich wissenschaftlich inspirierte Kategorisierung und Bewertung des Sexuellen bietet die ideale Voraussetzung für einen Marktdes Sexuellen. Der Zeitsprung von der Psychopathia Sexualis bis zu Tinder oderOkCupidscheint weit, und dennoch zeugen die Profile der Dating-Websites ebenfalls von der Tendenz, sexuelle Präferenzen und Spielweisen akkurat aufzulisten. Sollen die Einordnungen den erotischen Tauschhandel vereinfachen, damit nach Prinzipien des match-making präzise ermessen wird, wie kompatibel die diversen Vorlieben sind? Da man sich in unserer spätkapitalistischen Gegenwart selbst als Ware und gleichzeitig möglichst individuell präsentiert, sollen Adjektive, die das Begehren ausdrücken, addiert werden, um in der Gesamtsumme die Individualität des jeweiligen Nutzers wiederzugeben. So werden Nutzer-Profile zu Waren und Lüste werden ökonomisiert.

Natürlich beschränkt sich die wirtschaftskompatible Gestaltung von Lust und Begehren keineswegs auf sexualliberale Anbieter wie Tinder oder OkCupid. Die Verquickung von Wirtschaft und Begehren ist kein neues Geschäftsmodell. Auch die romantische Liebe richtete sich an der Marktlogik aus. Die Ehe war immer schon ein vertraglicher Pakt, der die Vermögensverhältnisse zwischen Familien regelte. Dass sie seit dem 20. Jahrhundert im Zeichen von Leidenschaft steht, verschleiert nur, wie stark sie wirtschaftlich geprägt ist, auch wenn uns der Streit ums Ehegattensplitting gelegentlich daran erinnert. Prestige und finanzielle Sicherheit bilden seit jeher einen entscheidenden psychologischen Faktor bei der Partnerwahl.