In Deutschland wurde ein Asylbewerber in einer Zelle von der Polizei gefesselt und angezündet. Kann man diesen Satz wirklich ohne weitere Einschränkung so stehen lassen? Wenn diese Aussage stimmt, warum wird bei Frank Plasberg darüber nicht diskutiert, nicht bei Anne Will, warum richtet Steffen Seibert keine Stellungnahme der Kanzlerin aus?

In Sachsen-Anhalt wurde im Januar 2005 ein Mann festgenommen. Er war aus Sierra Leone geflohen, landete in Dessau und wurde bei einer nächtlichen Polizeikontrolle in Gewahrsam genommen. Es handelte sich um Oury Jalloh.

Von hier an müsste man jeden Satz mit der Ergänzung "laut Angaben der Polizei" versehen. Laut Angaben der Polizei sei er wegen Randale aufgefallen. Habe zuvor mit weiteren Afrikanern Frauen belästigt. Habe hohe Mengen an Drogen und Alkohol im Blut gehabt. Habe sich geweigert, sich auszuweisen. Habe Widerstand geleistet. Habe bei seinem Geburtsdatum gelogen. Habe mit einer weißen Deutschen ein Kind gezeugt. Das Kind sei in fremde Obhut gekommen.

Es ist haargenau das Bild, das man von Geflohenen aus Afrika in gewissen politischen Kreisen zeichnet.

Asylbewerber aus Afrika haben nämlich nie Namen, gehören keinen Staaten an. Haben keine Vergangenheit, keine Biografien. Niemand zeichnet gefühlvolle Porträts von ihnen im Spiegel. Keiner beeilt sich, im Falle einer Täterschaft schnell auf ein psychisches Trauma hinzuweisen. Ein geflohener Mensch aus einem Staat auf dem afrikanischen Kontinent hat eine Kollektividentität.

In der Nacht zum 7. Januar 2005 wird Oury Jalloh auf eine Liege gefesselt. Seine Arme und Beine sind fest verbunden. Es existieren zwei Listen. Laut der ersten Liste trug er kein Feuerzeug bei sich. Auf der zweiten taucht ein Feuerzeug auf.

In Oury Jallohs Zelle entsteht ein Brand. Er wird auf seiner Matratze auf dem Boden liegend tot aufgefunden.

Plötzlich bewegt sich politisch etwas

Zwölf Jahre lang wird ermittelt. Die zuständigen Polizeibeamten, die in dieser Nacht in der Polizeistation Dessau in der Wolfgangstraße 25 Dienst hatten, werden während dieses Jahrzehnts zunächst beschuldigt, nicht genügend aufgepasst zu haben. Sie bekommen milde Strafen, werden suspendiert beziehungsweise versetzt. Ihre Namen werden bis heute geschützt.

Das WDR-Magazinteam um den Redaktionsleiter Georg Restle zitierte vor 14 Tagen in der Sendung Monitor Auszüge aus einem Gutachten der Oberstaatsanwaltschaft: Erstmals konzentrierte sich der Justizapparat nicht darauf, Jalloh seine Selbstanzündung unter gefesselten Bedingungen nachzuweisen, sondern Mord als Ursache für seinen Tod in Erwägung zu ziehen. Nach zwölf Jahren wird aus dem Täter Oury Jalloh ein Opfer von Polizeigewalt.

Als Reaktion auf die Sendung hat der sachsen-anhaltinische Landtag in Magdeburg vergangene Woche Akteneinsicht gefordert. Zum ersten Mal seit zwölf Jahren bewegt sich also politisch etwas. Vor allem die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses rückt in realistische Nähe.

Es ist dem unermüdlichen Engagement und den Zweifeln von Menschenrechtsgruppen, Aktivisten und Journalisten zu verdanken, dass die These widerlegt wurde, dass ein vermeintlich hoch alkoholisierter und zugekokster Mensch in der psychischen und motorischen Verfassung gewesen sein soll, während seiner gewaltsamen Festnahme sein Feuerzeug versteckt und später fest verbunden seine Matratze angezündet zu haben. In dem Gutachten wird nun sogar in Erwägung gezogen, dass Oury Jalloh erst getötet, dann verbrannt wurde. Von Brandbeschleunigern ist die Rede. Von Verletzungen, die dem Mann zugefügt wurden. Ein funktionierender Rechtsstaat hätte auf einen gefesselten, verletzten und verbrannten Ausländer anders reagiert. Auch im Osten des Landes.