"Wie können wir die Menschen aus Salamiyya bloß überzeugen, dass der Weihnachtsmann nicht an Silvester kommt?", las ich auf Facebook, als ich schon in Deutschland und längst nicht mehr in Salamiyya lebte. Dort kam der Weihnachtsmann immer am 31. Dezember – was sollte die Frage also?

Lina Atfah, geboren 1989 in Salamiyyah, Syrien, ist Lyrikerin und Schriftstellerin. Mit siebzehn wurde sie der Gotteslästerung und Staatsbeleidigung beschuldigt und von allen kulturellen Veranstaltungen in Syrien ausgeschlossen. Jetzt lebt sie mit ihrer Familie in Wanne-Eickel. Gerade hat sie den Kleinen Hertha-Koenig-Literaturpreis gewonnen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Privat

Als mein Mann mir erklärte, dass der Weihnachtsmann auf der ganzen Welt an Weihnachten komme und sein Besuch nur in Salamiyya auf Silvester verschoben werde, lachte ich laut auf und konnte nicht fassen, dass ich achtundzwanzig Jahre alt werden musste, um das zu erfahren. Ich rief mir alle Silvester meines Lebens ins Gedächtnis und erinnerte mich an meine erste Begegnung mit dem Weihnachtsmann: Ich war damals fünf Jahre alt.

Nicht alle tragen eine Maske

Ein Mann mit weißem Bart und rotem Anzug kam auf mich zu und schenkte mir eine so tolle Puppe, dass mein Herz einen Sprung machte und ich spontan ein Gedicht für ihn aufsagte. Der Weihnachtsmann freute sich so sehr über die erste Dichtung meines Lebens, dass er die Maske abzog und mich küsste. Für mich brach eine Welt zusammen: Der Weihnachtsmann war gar nicht echt, er trug eine Maske! Es dauerte lange, bis meine Eltern mich überzeugen konnten, dass nur dieser eine Weihnachtsmann gefälscht war, keineswegs alle.

Seither spielte mein Onkel Thaer für uns den Weihnachtsmann. Thaer war zwar ein erwachsener Mann, aber auf dem geistigen Entwicklungsstand eines Zwölfjährigen. An Silvester legte er einen der traditionellen schwarzen arabischen Umhänge und eine Weihnachtsmannmaske an, lief durch die Straßen von Salamiyya und verteilte seine Geschenke aus einer großen Einkaufstasche der nationalen Einzelhandelskette. Wir erkannten ihn sofort an seinen schwieligen Händen, posaunten es aber nicht heraus, weil wir uns so freuten, dass Onkel Thaer uns Geschenke brachte.

Der Weihnachtsmann als Gorilla

Nach ein paar Jahren wurde ihm sein Weihnachtsmannkostüm zu langweilig. Er tauschte es gegen Gorillamaske und Gorillahandschuhe aus und spielte fortan den Silvester-Weihnachtsmann als Gorilla. Obwohl er furchterregend aussah, hatten wir Kinder keinerlei Angst vor ihm, sondern feierten ihn und tanzten lachend um ihn herum. Außerdem tauschten wir Geschenke mit ihm aus: Er gab uns Spielzeug und wir gaben ihm dafür ein paar Schachteln seiner Lieblingszigaretten.

Mein Onkel Thaer hatte ein sehr bewegtes Leben hinter sich. Er hatte die Schule nach der sechsten Klasse verlassen und war mit sechzehn Jahren nach Libyen gezogen, um in einer der berühmten Brunnenanlagen des Landes zu arbeiten. Ein paar Jahre später kam er nach Syrien zurück und bekam einen Job in einem Aufforstungsprojekt in der Nähe von Salamiyya, bis er sich schließlich mit Gasflaschen selbständig machte. Eine ganze Weile wohnte er neben uns im Erdgeschoss, füllte dort Gasflaschen auf und verkaufte sie in der ganzen Stadt. So kindlich Thaer in seiner Persönlichkeit geblieben war, so geschäftstüchtig war er gleichzeitig.

Zum Beten ging er immer in die Hauptmoschee von Salamiyya und trug dabei seine traditionelle libysche Tracht. Dieselbe Tracht nutzte er später als Verkleidung, um für die Revolution zu demonstrieren, doch er flog auf, und die politischen Aktivitäten meines Onkels brachten meinem Vater ein Verhör im Nationalen Sicherheitsrat ein, wo er aber anhand der Ausmusterungsdokumente belegen konnte, dass sein Bruder Thaer vom Militärdienst befreit worden war und ob seiner geistigen Entwicklung vollkommen ungeeignet gewesen wäre, eine Demonstration anzuführen.