Es soll eine Zeit gegeben haben, in der Intellektuelle für einen Wahlsieg der SPD gekämpft haben; damit ist es nach den berüchtigten Einlassungen von Sigmar Gabriel im Spiegel("Sehnsucht nach Heimat") nun bestimmt vorbei, denn Intellektuelle – oder Menschen, die einfach nur denken oder gar zweifeln – können eigentlich nur zum großen Bereich dessen gehören, was Gabriel "Postmoderne" nennt, und diese "Postmoderne" ist "Dekonstruktion" und verantwortlich für alle Entgrenzungen und Entgleisungen unserer Welt. (Was verwirrend ist – als ich das letzte Mal nachgesehen habe, war eigentlich auch die Post-Postmoderne schon wieder vorbei.)

Sigmar Gabriel erklärt in seinem Aufsatz die "Moderne" zur großen Zeit der SPD und die "Postmoderne" zu dem, was den Kapitalismus dazu verführt hat, sich zu entgrenzen und uns mehr Liberalität aufzudrängen, als gut für uns ist. Deshalb soll man jetzt nicht mehr so doll von Gleichstellung und Political Correctness reden, und Umwelt- und Datenschutz sind bizarrerweise auch plötzlich ein Problem. Die Forderung nach Gleichstellung (von was auch immer) ist bei Gabriel ein Abfallprodukt des postmodernen Hangs zur Dekonstruktion. Man könnte natürlich argumentieren, dass auch ohne Dekonstruktion ein Wunsch nach Gleichstellung, Gleichberechtigung, gar Gerechtigkeit entstehen könnte, und das daran auch gar nichts Schlimmes wäre; das tut Gabriel aber nicht. Bei ihm ist das alles eine Soße und einfach zu viel, wie bei Kindern, die Papa Ärger machen, weil sie einfach nicht wissen, wann Schluss ist.

Freiheit wird in diesem Text nur mit Übertreibung assoziiert, sie ist tendenziell "neoliberal" und böse, weniger wäre besser, denn sie befördert Aufweichung der guten alten Ordnung einer Zeit, als die Sozialdemokratie noch etwas galt; "Individualismus" ist auch böse und eigentlich neoliberal, und gegen Freiheit und Individualismus muss jetzt klare Kante her. Wir lernen, was wir sowieso schon wussten: Auch Mitte-Links kann ein deutscher Politiker immer verlässlich seine guten alten autoritären Impulse abrufen. Gabriel verkauft Kapitalismuskritik als Weg zurück in die moralischen Grenzen von 1937, und zwar weil die Menschen "Sicherheit und Orientierung" brauchen, denn sie befürchten den "Verlust jeglicher Ordnung". Früher, mit etwas weniger Freiheit und Individualismus, so Gabriels Versöhnungsangebot an die sogenannten Abgehängten, war es doch auch schön.

Gabriels Retro-Denken

Als ich Kind war, saß meine Großmutter in ihrer Dachstube und sang "Wir wollen unsern alten Kaiser Wilhelm wiederhaben". Erleichternderweise wollte da gerade ein SPD-Vorsitzender "mehr Demokratie wagen". Vom ehemaligen Vorsitzenden Gabriel muss man heute befürchten, dass er mitsingt. Die Parteizeitung der SPD hieß einmal Vorwärts. Sie heißt ab jetzt "Vorwärts, wir müssen zurück".

In Berlin hat die Kulturwelt in ihrem Krieg gegen die neue Leitung der Volksbühne das Gabrielsche Retro-Denken mit einem eigenen Kampfbegriff vorweggenommen: "Ensembletheater". Ensembletheater ist die Ordnung der guten alten Zeit. Ensembletheater ist die neue Rama-Familie, diese Heile-BRD-Parodie aus der Margarinewerbung der Siebzigerjahre. Und immer geht es um Gegenwartsverweigerung, wenn mit diesen Begriffen um sich geschlagen wird, um die Verteidigung alter Strukturen und Institutionen, deren Funktionieren oft nur noch eine Behauptung ihrer aggressiven Öffentlichkeitsarbeit ist. (Wobei die Berliner Stadttheater natürlich wesentlich besser funktionieren als der Berliner Flughafenbau.)

In Sachsen sind der Polizei Panzerwagen mit faschistoiden Ornamenten auf den Sitzpolstern ausgeliefert worden, und sie findet das natürlich völlig in Ordnung. Die Versuchung ist recht groß, sich einfach noch vor Weihnachten von einem dieser Panzer an die Landesgrenze fahren zu lassen und sich nach Island oder Schottland durchzuschlagen, in Gegenden, die einem zumindest aus der Entfernung politisch lebendiger vorkommen, weniger dumpf, weniger vermufft und der Zukunft zugewandt.

Aber wie das wohl ist, wenn man heute in Deutschland jung ist? Wenn man die Gegenwart anerkennen möchte, wie sie ist, wenn man nicht vor ihr weglaufen, sondern sich in ihr beweisen oder sie als Herausforderung begreifen möchte? Wenn man sogar eine Zukunft haben, sie mitbestimmen und eigene Begriffe für sie finden möchte? Wenn es einem nicht genügt, sich in einem vergreisenden Land von den Spitzengreisen wie Tanzbären durch die Manege führen zu lassen, um ideologische Folklore aus dem vergangenen Jahrtausend nachzustellen, möglicherweise noch als Aktionskunst? Wenn man sich nicht von Papa und Opa zwingen lassen möchte, im Keller Historien-Dioramen zu basteln, pseudopolitische Laubsägearbeiten?

Wenn man Ende 2017 hellwach und voller Energie aus dem Fenster guckt, mit einem ziemlich klaren Verständnis davon, was an Problemen ansteht in der großen weiten Welt, und sieht, dass Sigmar Gabriel in Bautzen dem aufbegehrenden Volk die Butzenscheiben putzt? Wenn einem klar wird, dass die Retro-Männer der Generation 50+ beschlossen haben, alle noch mindestens zwanzig Jahre an ihren Ämtern zu kleben?

Sigmar Gabriel hat mir den Glauben gegeben: Jungsein in Deutschland heute, das muss richtig scheiße sein.