Ein Auto rast durch die City, ein bärtiger Mann reckt sich aus dem Wagenfenster und schießt in die Luft.

Was erst einmal wie eine Szene aus einem Actionfilm wirkt, war in den Achtzigern und beginnenden Neunzigern Alltag in meiner kleinen Küstenstadt Latakia. Die "Schabiha", wie wir die Schlägerbanden der syrischen Mafia nennen, waren Eskorten von einflussreichen Familienmitgliedern der Assad-Familie, und diese bewaffneten Schlägerbanden waren der Familie nicht nur blind ergeben, sondern genossen auch einzigartige Vollmachten.

Der Name Schabiha leitete sich möglicherweise von einem "Schabah" genannten Mercedes S 600 ab, den sie oft fuhren, oder von "aschbah" für "Gespenster". Vielleicht stammt er aber auch ab von dem arabischen Verb "schabbaha" für "angreifen" oder von "schabh": jemanden zwischen zwei Pfähle binden und auspeitschen. Ein "schabih" wäre mithin ein Scharfrichter.

Während Syrien unter dem Wirtschaftsembargo litt, schmuggelten die Shabiha alles – von Lebensmitteln und elektrischen Geräten bis hin zu Altertümern, Waffen und Drogen. Die meisten Schabiha stammten aus ärmlichen dörflichen Verhältnissen. Mit der zunehmenden Vernachlässigung des Agrarsektors durch das syrische Regime machten sich Tausende junger Männer aus den Dörfern in die Städte auf. Da sie sozial marginalisiert waren und nichts besaßen, konnten Wohltäter von ihnen blinde Ergebenheit erwarten. Aus diesen jungen Männern wurden furchteinflößende Schlägerbanden mit Macht und Einfluss, die arrogant und unverschämt auftraten und taten, was sie wollten, ohne dass jemand ihre Taten infrage zu stellen wagte.

Dass sich Grüppchen von ihnen in den engen Straßen der Stadt Autorennen lieferten und die Menschen durch Luftschüsse in Panik versetzten, war für uns also ein ganz normaler Anblick. Viele Unschuldige mussten für diesen Leichtsinn mit dem Leben bezahlen, nur weil sie sich zur falschen Zeit am falschen Ort aufhielten. So konnte es zum Beispiel passieren, dass die Schabiha einen Wagen verfolgten, auf den einer ihrer Angehörigen ein Auge geworfen hatte, den Fahrer zum Aussteigen zwangen und ihn fassungslos am Straßenrand stehenließen, während sie mit dem Auto davonbrausten. Oder dass einem von ihnen ein schönes Mädchen so gut gefiel, dass er es entführte, falls es nicht bereit war, von sich aus mitzukommen. Oder dass die Männer ohne Hemmungen von Häusern sprachen, die man überfallen und deren Bewohner man entführt hatte.  

So fantastisch diese Geschichten anmuten mögen, so sehr sind sie durch die Erinnerungen der Küstenbewohner zur verbürgten Realität geworden.

Anfang der Neunziger wurde mein Universitätsprofessor S. Gh. zusammen mit mehreren anderen Zivilisten an der Bushaltestelle durch die Amokfahrt eines Schabih getötet. Trotz erschreckender Berichte, dass sein Kopf vom Körper abgetrennt worden sei, trauten wir uns nicht, darüber zu sprechen – die Angst vor den "Wänden, die Ohren haben", war zu groß.

H. A., ein Studienfreund von mir, wurde ebenfalls umgebracht. Er hatte ein Mädchen verteidigt, das sich in einem Bus zu ihm geflüchtet hatte, um sich vor mehreren Schabiha in Sicherheit zu bringen, die es am helllichten Tag durch die Stadt gejagt hatten. Angstvoll verbannten wir auch ihn aus unseren Gesprächen, doch das Bild des Messers in seiner Schulter, das bis zum Herzen vorgedrungen war, blieb mir stets im Gedächtnis.

Über die Geschichte einer hübschen jungen Frau ist die Stadt Latakia noch immer außer sich. Sie war eines Tages entführt und vergewaltigt worden. Ihren nackten Leichnam hatte die Schabiha anschließend vor die Haustür der Familie gelegt.