Sie wohnt in meiner Nachbarschaft, jeden Tag gehe ich an ihrem Haus vorbei. Ihre letzten beiden Werke wurden auf der Berlinale gezeigt. Aber berühmt zu sein, wäre Tamara Trampe verdächtig. Ihr Film Alptraum Tschetschenien hat uns zusammengebracht. Wenn wir uns zufällig im Kiez treffen, setzen wir uns irgendwohin, rauchen eine zusammen. Ich hänge dann an ihren Lippen, weil sie wunderbare Geschichten erzählen kann. Aus den letzten 75 Jahren ihres Lebens. 

Mitte November in ihrer Küche in Berlin, Prenzlauer Berg. Die Gasheizung springt an und geht wieder aus, ein vertrautes Geräusch, es ist warm und riecht nach Tabakrauch. Tamara Trampe, geboren 1942 in Russland, hat mich zu sich eingeladen, ich möchte sie zu ihrem Leben und ihrer Arbeit befragen. Das Filmen und das Leben, beides ist untrennbar miteinander verbunden.

Elke Bredereck, geboren 1971 in Halle an der Saale, hat in Berlin und Moskau studiert. Sie war DAAD-Lektorin in Odessa, unterrichtet Deutsch in Berlin und ist als Reiseleiterin im Kaukasus, in der Ukraine, Litauen und St. Petersburg unterwegs. Sie hat Features für den Deutschlandfunk geschrieben und ist Gastautorin von "10 nach 8“. © privat

"Natürlich habe ich Glücksmomente", erzählt sie, "aber wichtiger ist, dass ich zufrieden bin. Dass ich meine Enkelkinder gut leiden kann, meinen Sohn sowieso und seine Frau, da klopft jetzt noch das Herz, wenn er um die Ecke kommt. Dass ich einen Partner habe, mit dem ich wunderbar leben kann und arbeiten konnte. Treue Freunde. Und wahrscheinlich ist ein ganz wichtiger Punkt, dass ich mit dem letzten Film Meine Mutter, ein Krieg und ich eine Versöhnung mit meiner Mutter geschafft habe und mit mir."

Auf dem Tisch steht ein Teller mit Kuchen, Mandarinen, Weintrauben. Wir trinken Kaffee. Die allererste Geschichte, die sie mir an diesem Nachmittag erzählt, kommt nicht aufs Band: Dreimal wurde Tamara Anfang der Siebzigerjahre von der Stasi ins Restaurant Unter den Linden bestellt, die ersten Male waren es jeweils zwei Männer, die versuchten, sie anzuwerben. Beim dritten Mal schickten sie eine Frau, die ihr drohte, dass ihr Kind ins Heim käme, wenn sie eine Zusammenarbeit verweigerte. Tamaras Kopf war ganz leer, sie konnte keinen Gedanken fassen, hatte sich eingepinkelt. Am Nachbartisch saß der Schriftsteller Klaus Schlesinger, der zu ihrer Unterstützung mitgekommen war. Er trat an den Tisch und sagte: "Was machen Sie mit der jungen Frau hier eigentlich?" Er hat sie gerettet. Danach hat die Stasi sie nie wieder angesprochen. Ich schalte das Aufnahmegerät wieder ein:

"Ich bin jeden Sonntag ins Kino gerannt. Der Vorführer im Blauen Stern in Pankow kannte mich schon. Der ließ mich auch in Filme rein, in die ich noch gar nicht durfte. Oben in der Kabine ließ er mich sitzen. Und dann hab ich Die Mörder sind unter uns gesehen und war eigentlich noch ein Kind. Wenn es eine Seelenbildung gibt, dann kommt die daher." 

Ihre Mutter war mit Kriegsbeginn 1941 als Krankenschwester an die Front gegangen. 1942 wurde Tamara an der Front geboren und blieb bis zur Befreiung der Ostukraine bei der Mutter, mal im Lazarett, mal bei Ammen. Mit elf Monaten brachte sie "Tomotschka" zur Großmutter in ein ukrainisches Dorf.

"Die saß jeden Abend vor ihrer Ikone auf den Knien, und ich hab ihr die Haare kämmen dürfen in der Zeit. Sie hat immer gesagt: 'Ach, Töchterchen, kannst du denn nicht auch zu ihm beten?' Und ich hab gesagt: 'Babuschka, ich weiß gar nicht, wer ER ist. Wo isser denn?' – 'Na, da oben.' – 'Wie soll ich denn zu jemandem beten, den ich nicht sehe? Mit dem ich nicht sprechen kann?' – 'Ich spreche doch auch mit ihm.' – 'Aber er antwortet doch überhaupt nicht.' So haben wir uns gezankt, bis sie dann gesagt hat: 'Dann denk dir irgendwas aus, wozu du gern beten würdest.' Und dann hab ich so aus dem Effeff gesagt: 'Zum Wind.' Und dem bin ich treu geblieben. Also wenn ich Kummer habe, dann setz ich mich irgendwohin und sage: 'Wind, hör mich mal an.' Weißte, völlig infantil." Sie lacht.