4. Januar. Zu Tode erschöpft schleppt das neue Jahr sich seinem Ende entgegen. Denn es geht wieder um Deutschland! Um Deutschland! Drei Tage lang ging es nicht um Deutschland. Drei Tage lang gab es eine weite Welt voller Überraschungen, zum Beispiel im erstaunlichen Land Iran. Aber jetzt geht es wieder um Deutschland!

Deutschland braucht so viel Liebe. Es ist das traurigste Land der Welt, vom Untergang bedroht, das reichste Land Europas, das schon, aber viel ärmer dran und viel gefährdeter als der Iran, wo die Menschen um mehr Freiheit kämpfen, als Syrien, wo die Menschen verrecken, als die vielen anderen Länder, für die wir ein Herz haben könnten, wenn wir eines hätten, aber wir hatten leider keine Zeit, uns eines wachsen zu lassen, weil wir ja immer so traurig und vom Untergang bedroht sind und weil wir, die wir seit gefühlten Jahrmillionen von niemandem angegriffen worden sind und immer nur andere angegriffen haben, uns nun endlich, endlich wehren müssen. Deutschland!

Dobrindt, Alexander. CSU. Bis vor kurzem Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur der Übergangsregierung. Hat am 4. Januar in der Tageszeitung Welt die Revolution ausgerufen. Die Revolution. In Deutschland. Die "konservative Revolution".

Nach gefühlten 100 Jahren konservativer geistig-moralischer Wende mit Helmut Kohl aus Oggersheim, nach gefühlten zehn Minuten Zerschlagung der Sozialdemokratie während der sozialdemokratischen Schreckensherrschaft von Gerhard Schröder, nach gefühlten 1.001 Jahren eher nicht so linker Groko mit kurzem 300-jährigen, eher nicht so linken schwarz-gelbem Zwischenspiel, mit Aussicht auf weitere 5.000 Jahre eher nicht so linken Weiterregierens; in einem Land, in dem Rechtsradikale, die Anschläge verüben, gewohnheitsmäßig verharmlost werden und ihren eigenen politischen Arm im Parlament haben, einem Land, in dem unter den offenen Feinden der offenen Gesellschaft Richter, Polizisten, Militärs sind, denen aber aus ihrer Feindschaft kein beruflicher Nachteil erwächst, in so einem Land muss man endlich einmal mit offenem Visier sagen, wo der Feind steht, und dies tut Dobrindt, Alexander, in der Welt. Er haut mit der Faust auf den Tisch und ruft: Der Feind steht links.

Die "linken Meinungsdiktatoren"?

Dobrindt schreibt, die "bürgerliche" Mehrheit in Deutschland werde "dominiert" durch eine "linke Meinungsvorherrschaft", die sie habe "ertragen" müssen (aber jetzt ist Schluss). Schuld sei die "linke Revolution der 68er" (Oh, da war Revolution? Habe ich was verpasst?) mit ihren "selbst ernannten Volkserziehern und lautstarken Sprachrohren einer linken Minderheit" in "Schlüsselpositionen". "Die 68er waren dabei immer eine Elitenbewegung, eine Bürger-, Arbeiter- oder Volksbewegung waren sie nie. Sie kamen aus den Hörsälen und Redaktionsräumen, aber nicht aus den Reihenhäusern und Fabriken."

Nun kommt der Spitzenpolitiker aus dem Volke und führt die unterdrückte bürgerliche Mehrheit aus ihren bürgerlichen Reihenhäusern und bürgerlichen Fabriken in eine lichtere Zukunft, in die er "wieder alle Menschen in unserem Land mitnehmen" möchte. Auch die linken Meinungsdiktatoren in ihren Schlüsselpositionen? Das bleibt komischerweise offen.