Im Jahr 1995 wurde ich zur stellvertretenden Schulsprecherin an meiner Schule gewählt. Ich fühlte mich geschmeichelt. Was genau ich machen sollte – außer einmal im Jahr die Fahrt der Schülervertretung in die Xantener Villa Kunterbunt mit zu organisieren, wusste ich nicht so recht. Doch glücklicherweise habe ich einen Vater, der damals Lehrer war und das Recht auf Mitbestimmung von Schüler*innen sehr ernst nahm. Er gab mir einige Handbücher für die Schülervertretungsarbeit mit. Darin stand etwa: "Sich einmischen, mitreden, mitgestalten und mitentscheiden ist der Kern von Demokratie. Die Schule ist nicht nur für die Vermittlung von Kenntnissen und Kompetenzen, sondern auch für die Vermittlung grundlegender Werte verantwortlich. Dazu gehört vor allem auch die Übernahme von Verantwortung für sich und andere und die demokratische Teilhabe und Partizipation." Ich lernte, dass die Selbstverwaltung und Mitbestimmung von Schüler*innen und Studierenden ein langer Prozess war, eine Errungenschaft der demokratischen Bestrebungen seit 1848, Ähnliches gilt für die Hochschulautonomie, also das Recht der Hochschulen, trotz öffentlicher Trägerschaft, auch eigenständige Entscheidungen zu treffen.

Stefanie Lohaus ist Journalistin. Herausgeberin und Redakteurin des "Missy Magazine". Sie lebt in Berlin und ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © Urban Zintel

Die Worte beeindruckten mich kaum. Es gab wenig Anlass für mich, die mir aufgetragenen demokratischen Pflichten auszuüben. Demokratie erschien uns selbstverständlich. Wir waren viel zu sehr mit uns selbst beschäftigt, um die Schule – geschweige denn die Welt – zu verändern. Das Einzige, was damals auf der Agenda stand, war der Wunsch der Schüler*innen, einen Cola-Automaten im Aufenthaltsraum aufzustellen, da es nur einen Kiosk gab, der aber nicht die ganze Zeit geöffnet hatte und der vor allem Milch verkaufte. Statt für eine gerechtere Schule, setzten wir uns für das Recht auf ungesunde Kapitalistenbrause ein. Manch ein*e Lehrer*in mag das albern gefunden haben, doch die Schulleitung nahm nach ein paar Diskussionen unser Anliegen ernst, und schließlich wurde der Automat aufgestellt.

Die Berliner Alice Salomon Hochschule bildet Menschen – früher ausschließlich Frauen – für soziale Berufe aus. Im April 2016 wandte sich der dortige Allgemeine Studierendenausschuss, kurz Asta, ans Rektorat mit der Bitte, sich das seit 2011 an der Südfassade des Gebäudes groß aufgemalte Gedicht von Eugen Gomringer mit dem Titel avenidas mal genauer anzuschauen. Gomringer hatte 2011 den Alice Salomon Poetik Preis gewonnen und zu diesem Anlass der Hochschule das Gedicht geschenkt. Nun stehen dort (noch) auf Spanisch die Zeilen: "Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer".

Der Asta befand 2016 in einem offenen Brief, dass das bedeutende Werk aus dem Jahr 1951 ein altmodisches Frauenbild transportiere, und Mitglieder des Gremiums an sexuelle Belästigung erinnere, was zu ihrer Hochschule, die sich laut Leitbild als "Hochschule mit emanzipatorischem Anspruch [die] dem gesellschaftlichen Auftrag Sozialer Gerechtigkeit und kritischer Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Entwicklungen verpflichtet",schlichtweg nicht passe. Dabei betonten sie den Respekt für Eugen Gomringers Werk, das sie nicht angreifen wollen.

Als im August 2017 bekannt wurde, dass der Hochschuldirektor das Anliegen – trotz gegenteiliger persönlicher Meinung – ernst nahm und Studierende dazu aufrief, Vorschläge zur Neugestaltung der Fassade einzureichen, begannen Feuilleton, Lokal- und Boulevardpresse das Anliegen zu kommentieren: Das Gedicht sei überhaupt nicht sexistisch, es sei große Kunst (was einander im Übrigen nicht ausschließt), die Forderung der Studierenden überspannt und so weiter. Unbeeindruckt von der schlechten Presse sowie der scharfen Verurteilung durch die Jury des Poetik Preises leitete das Hochschulrektorat den partizipativen Prozess ein. Sie ließ eine Onlineabstimmung der verschiedenen Vorschläge durchführen, erarbeitete Kompromissvorschläge und gab schließlich die Entscheidung des Akademischen Senats bekannt: In Zukunft werde die Wand wechselnd mit Gedichten verschiedener Lyriker*innen bespielt, das Gedicht Gomringers solle auf einer kleineren Tafel an der Wand stehen bleiben.

"Bravo", freut sich mein Schülervertretung-Ich: ein toller Kompromiss. Das Anliegen der Studierenden hat Gehör gefunden, an der Fassade wird weiterhin Kunst gezeigt, der Prozess bleibt nachvollziehbar und Gomringers Gedicht ist trotzdem zu lesen! Toll. Doch scheine ich mit meiner Begeisterung recht einsam zu sein.

Stattdessen wurde – und wird – der Ton immer schärfer. So nannte Christoph Hein, Ehrenpräsident des deutschen PEN-Zentrums, schon im September das Anliegen einen "barbarischen Schwachsinn" und bezeichnete den Asta als "Kulturstürmer". "Zensur" tönt es landauf, landab. Eugen Gomringers Tochter Nora erklärt in mehreren Beiträgen, dass das Gedicht schlicht falsch interpretiert wurde und ruft auf Instagram zu seiner Verbreitung auf. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) betrachtet das Anliegen als einen Akt der "Kulturbarbarei". Die Welt titelt: "Sprachpolizei: Stoppt die neuen Tugendterroristen!" Die Zeile unterscheidet sich wenig von der Rhetorik des rechtspopulistischen Mediums Russia Today, das von "Feminismus als Terror" spricht. Der Axel-Springer-Verlag entschied, den auf seinem Verlagsgebäude befindlichen Schriftzug, der seit einigen Monaten mit dem #freedeniz-Hashtag an den unrechtmäßig in der Türkei inhaftierten Welt-Journalisten Deniz Yücel erinnert, durch das Gedicht avenidas zu ersetzen. Damit insinuiert er eine Parallele zwischen den Vorgängen an der Hochschule und dem autoritären Vorgehen des türkischen Präsidenten Erdoğan, der willkürlich kritische Journalist*innen inhaftiert und Menschenrechte verletzt. Drastische Worte, aufgeregte Taten, alles von Menschen, die täglich mit Sprache arbeiten und sich ihrer Wirkung bewusst sind.