11.23 Uhr
Ich wache auf, setze mich in meinem Bett auf und öffne das Fenster. Hänge meinen Oberkörper raus. Zarte, fast unsichtbare Schneeflocken fallen auf meinen Nacken und schmelzen dort. Grauer Himmel, nasse Straße. Die Menschen sehen allesamt aus, als wollten sie wieder zurück ins Bett. Zum Glück bin ich da schon. Auch die Autos klingen angestrengt und müde. Bei Sonne ist alles anders. Da hat selbst der Edeka-Laster einen abenteuerlustigen Sound.

Auf meinem Computer wartet das letzte Kapitel meines Romans auf Überarbeitung. Das ist die Aufgabe für heute. Wie überschaubar das klingt.

Unten hält jetzt der DHL-Paketwagen. Vor ein paar Wochen habe ich etwas Merkwürdiges beobachtet. Ein schwarzes Mercedes-Coupé fährt direkt vor den DHL-Wagen, bremst mit quietschenden Reifen und heraus stürmt ein sonnenbebrillter Typ. Beginnt, mit der Faust gegen den Paketwagen zu hämmern. Der Paketbote aber ist nicht da. Also öffnet der Sonnenbrillenmann die nicht abgeschlossene Paketwagentür und verschwindet im Laderaum. Bleibt minutenlang drin. Kommt wieder raus, aber anscheinend ohne etwas mitgenommen zu haben. Steigt in seinen Mercedes und fährt wieder weg.

Kurz danach kommt der Paketmann zurück und hat von all dem nichts mitbekommen. Ich stand einfach nur oben am Fenster und habe zugeschaut wie so eine alte Frau. Und werde nie erfahren, was es mit der Sache auf sich hatte.

Ich könnte jetzt aufstehen, Kaffee machen und zu schreiben anfangen. Oder noch warten und wach werden. Wachsein ist die Grundlage fürs Schreiben. Wie gerne würde ich im Schlaf schreiben können.

Mercedes Lauenstein lebt als freie Autorin und Schriftstellerin in München und Italien. Ihr zweites Buch erscheint im Mai 2018 im Aufbau Verlag. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Juri Gottschall

11.29 Uhr
Später Griff zum Handy. Brauche gar keine Neujahrsvorsätze, habe mir schon im alten Jahr abtrainiert, morgens als Erstes das Handy in die Hand zu nehmen. Sind auch kein Instagram und kein Twitter und keine Mailprogramme mehr drauf. Nur noch WhatsApp und das Onlinebanking als letzte potenzielle Dopaminquellen. Schreibe Johanna, sie möge mir bitte den neuesten Gossip aus ihrem Leben berichten. Dann checke ich den Kontostand. Hoffe immer, dass eine unerwartete Überweisung gekommen ist, von irgendeiner in Vergessenheit geratenen Auftragsarbeit. Wie eine Jeans, in der man 20 Euro findet.

Meistens ist das Gegenteil der Fall: Irgendeine in Vergessenheit geratene Rechnungssumme wird abgebucht.

11.45 Uhr
Mache mein Bett und ziehe Socken an. Das Ritual des Bettmachens ist nicht zu unterschätzen. Es bedeutet: Jetzt wird es seriös. Die Nacht ist vorüber, der Tag hat begonnen und damit die Arbeit. Gehe in die Küche und mache mir einen Kaffee. 

12.00 Uhr
Setze mich an den kleinen Tisch gegenüber von meinem Bett, betrachte das gemachte Bett, nehme einen Schluck Kaffee und finde, ich habe mein Leben im Griff. Am Laptop Mails lesen, beantworten, Mailprogramm schließen. Letztes Kapitel öffnen. Je näher die Maus dem Dokument kommt, desto blümeranter wird das Gefühl in meinen Fingerknöcheln. Doppelklick, geöffnet. Mit lautem Herzschlag scrolle ich es einmal hoch und runter. Schließe es wieder.

Augenreiben, stöhnen, seufzen, Kopf in die Hände fallen lassen, vorläufige Kapitulation, Tischplatte anstarren.

Wenn man lange genug kapitulierend auf die Tischstarre starrt, passiert etwas Großes. Nach der Verzweiflung breitet sich plötzlich eine endlose, friedliche Stille in einem aus, in der man sich völlig sorglos bewegen kann. In dieser Stille müsste man mit einem Teil des Gehirns verweilen können, während ein anderer Teil endlich die Arbeit für einen erledigte.

12.45 Uhr
Es klingelt an der Tür. Hoffentlich kriege ich ein riesiges Überraschungspaket, mit dem ich mich den restlichen Tag beschäftigen kann.

Es ist mein Freund von nebenan. Er will sofort mit mir nach Italien losfahren.

Ich sage: Morgen, wenn das letzte Kapitel fertig geschrieben ist.

Wir reden über Kryptowährungen und wie schön es wäre, reich zu sein. Dass uns keinen einzigen Tag langweilig wäre. Er zitiert einen Satz aus einem Buch über Bitcoins: "Saying bitcoin is digital money is like saying the internet is a fancy telephone".

Dann verabschieden wir uns. Die Tür fällt zu. Zeit für eine Pause auf dem gemachten Bett.