"Sex ist ein großes Fragezeichen. Es ist etwas, worüber die Menschen ewig diskutieren werden", lautet ein Zitat von Catherine Deneuve. Das Mysterium der Sexualität versteckt sich tatsächlich immer noch gut hinter Trieben und Neurosen – ob individuellen oder gesellschaftlichen. Nun aber ist dieses Fragezeichen plötzlich in das Zentrum einer heftig geführten Debatte gerückt und damit selbst in großer Gefahr.

Es ist keine gute Zeit für Catherine Deneuves Bonmots. Die einmal als "Marianne der Französischen Republik" bezeichnete Schauspielerin wurde zur Feindin de Jour auserkoren. Man vergaß dabei schnell, dass diese Frau eine der 343 "Schlampen" war, die im Jahr 1971 das Recht zur Abtreibung verteidigten – durch Bekanntgabe des eigenen, seinerzeit strafbaren Schwangerschaftsabbruchs. Man vergaß auch rasch, dass diese Frau zwei außereheliche Kinder bekommen hatte und so den damaligen gesellschaftlichen Zwang, eine Ehe einzugehen, auf ihre typisch snobistische Art weghauchte wie den Rauch ihrer Zigarette: "Wozu heiraten, wenn es die Möglichkeit der Scheidung gibt?"

Christina Baniotopoulou, geboren 1990 in Thessaloniki, Griechenland, ist Psychologin. Sie lebt seit 2011 in Berlin. Gerade macht sie die psychotherapeutische Ausbildung. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Und dass ihre Rolle als bourgeoise Prostituierte in Belle de Jour dazu geführt hatte, dass die dunkelsten Fantasien der weiblichen Sexualität einen festen Platz im kulturellen Unterbewusstsein gefunden hatten, ist ebenfalls in Vergessenheit geraten.

Für mich allerdings nicht. Catherine Deneuve war die unverzichtbare Protagonistin meiner Pubertät und meiner weiblichen Identitätsfindung. Ich war ungefähr 14, und der Film, den ich zufällig sah, muss Belle Maman gewesen sein. Die Handlung war belanglos, doch ich war sprachlos. "Coup de foudre" nennen die Franzosen das, was ich fühlte. Faszination auf den ersten Blick.

Ich stand damals kurz vor der Verwandlung von einem Mädchen in eine Frau. Wie jeder in diesem Alter schlüpfte ich mit wahnsinniger Leichtigkeit und schwindelerregender Furore in die Rollen meiner Idole, und so inszenierte ich mich mal janis-joplinesk und mal wie eine junge Melina Mercouri.

In Deneuve sah ich endlich die Frau, die ich wirklich werden wollte. Und so schaute ich all ihre Filme, las ihre Memoiren und Biografien. Ich begann sogar ihretwegen, Französisch zu lernen, um ihre nicht auf Englisch oder Griechisch übersetzten Interviews zu verstehen. Ich versuchte, kleine Äußerlichkeiten zu kopieren. Mit einem Bleistift im Mund tat ich so, als ob ich rauchte. Ich fing an, einen Chevalier-Ring zu tragen und verbrachte lange Zeit vor dem Spiegel auf der Suche nach dem perfekten Deneuve-Blick: distanziert und melancholisch.

Die erste stürmische Phase dieser Bewunderungsgeschichte fand irgendwann ihr Ende, und dann verstand ich, was ich wirklich an Deneuve so magisch gefunden hatte. Es war ihr Charme, ihre Intelligenz, ihr Witz, ihre Distanziertheit und die Art, mit Stille einen lauten Eindruck zu hinterlassen. Sie war die Verkörperung der weiblichen Unabhängigkeit, die ich auch irgendwann erreichen wollte. Sie war und bleibt für mich die Ikone der Vivre-libre-Frau.