Früher war alles einfach, jedenfalls was die Mütter betraf: Mater semper certa est, die Mutter ist immer sicher, lautet ein altes lateinisches Rechtssprichwort. Wer die Mutter eines Kindes ist, musste nicht groß diskutiert werden, denn die Person, die das Kind geboren hat, war bis zur Erfindung der In-vitro-Fertilisation immer auch zugleich die genetische Mutter. 

Unsicher war historisch lediglich die Vaterschaft. Denn mit welchem Mann die Frau Sex gehabt hatte, bevor sie schwanger wurde, war nicht feststellbar. Man musste sich dabei auf die Aussage der Kindsmutter verlassen, was in patriarchalen Gesellschaften natürlich nicht zur Debatte steht. Lieber definierten Männer ihre Vaterschaft kurzerhand selbst: Pater est, quem nuptiae demonstrant, Vater ist, wer durch Heirat als solcher erwiesen ist. In Frankreich war es bis Ende des 19. Jahrhunderts sogar bei Strafe verboten, den genetischen Vater eines Kindes gegen seinen Willen zu outen. Während Mutterschaft also biologisch determiniert ist, ist Vaterschaft eine gesellschaftliche Übereinkunft, die sich in patriarchaler Logik an den Wünschen der Männer orientiert.

Antje Schrupp ist Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Publizistin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der politischen Ideengeschichte von Frauen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Laurent Burst

Offensichtlich sind diese alten Vorstellungen von "Vätern" und "Müttern" in starke Turbulenzen geraten, sowohl von medizintechnischer als auch von sozialer Seite. Die genetische Herkunft eines Kindes kann heute zweifelsfrei bestimmt werden, man ist zur Feststellung der Vaterschaft also nicht mehr auf die Aussage der Frau angewiesen. Außerdem macht die Reproduktionsmedizin es möglich, genetische Elternschaft und Schwangerschaft voneinander zu trennen, das heißt, ein Kind kann neben dem biologischen Vater zwei unterschiedliche biologische Mütter haben, die Eizellenspenderin und die Gebärerin.

Praktischerweise fallen diese neuen Technologien in eine Zeit, in der sich die traditionelle Familie (genau ein Mann, genau eine Frau, "eigene" Kinder) sowieso auflöst. In Deutschland werden inzwischen 35 Prozent aller Kinder unehelich geboren – sie wären alle väterlos, wenn das römische Recht noch uneingeschränkt gälte. Doch der Wissenschaft sei Dank ist der Fortbestand des Vatertums gesichert.

Wenn man über die Biologie hinaus aufs Soziale schaut, wird es noch komplizierter. Neben den zwei (oder drei) biologischen Eltern gibt es heute etliche weitere Personen, die mit guten Gründen die Bezeichnung "Vater" oder "Mutter" für sich beanspruchen: Lesbische Lebenspartnerinnen von Frauen, die ein Kind geboren haben, sind ebenfalls Mütter. Lebenspartner von schwulen Männern, die mithilfe einer Leihmutter und vielleicht auch einer Eizellenspenderin Kinder bekommen haben, sind ebenfalls Väter. Gleiches gilt für die vielen sozialen Eltern in Patchworkfamilien, die ja längst nichts Außergewöhnliches mehr sind. Polyamorie, also das Führen gleichzeitiger Liebesbeziehungen zwischen mehr als zwei Menschen, mag zwar immer noch selten sein. In Bezug auf das Kinderhaben hat aber die klassische Monogamie schon lange ausgedient. Es ist üblich, dass Kinder im Lauf der Jahre mit mehr als zwei Erwachsenen zusammenleben, die soziale Elternrollen übernehmen.

Was sind eigentlich Väter und Mütter?

Von daher stellt sich die Frage, was eigentlich gemeint ist, wenn Worte wie "Vater" oder "Mutter" fallen. Bezeichnen diese Begriffe alle Erwachsenen, die mit Kindern leben oder familiäre Sorgearbeit leisten, wobei alle weiblichen eben "Mütter", alle männlichen aber "Väter" sind? Oder sind damit biologische Eltern gemeint, wobei "Väter" diejenigen sind, von denen die Samenzelle stammt, und "Mütter" diejenigen, die das Kind entweder geboren haben oder aber die Eizelle spendeten? Ist es andererseits aber nicht sinnvoll, sprachlich zwischen Samenspendern, Eizellenspenderinnen und Gebärerinnen zu unterscheiden, angesichts der doch gravierenden Unterschiede zwischen diesen Prozessen?

Ein Problem bei all dem ist auch, dass wir uns angewöhnt haben, Geschlechterdifferenzen am Paradigma der Gleichheit entlang zu interpretieren, also mit dem Anspruch, dass männliche und weibliche Rollen sich nur ja nicht unterscheiden sollen. Biologisch gesehen funktioniert aber Vaterschaft nicht analog zur Mutterschaft. Beides sind keine komplementären Rollen, denn jedes Kind hat zwei genetische Eltern, aber nur ein Elternteil, das schwanger war und geboren hat. Hier besteht ein Ungleichgewicht, das nicht wegdiskutiert werden kann. Nur wenige Paare haben die Möglichkeit, es auszugleichen, zum Beispiel Lesben, die beide Kinder gebären, oder heterosexuelle Paare, bei denen der Mann trans ist und vor einer eventuellen Operation ein Kind geboren hat.