Nehmen wir an, ein kleines Mädchen sitzt vor dem Bildschirm und sieht sich die diesjährige Golden-Globes-Verleihung an. Genauso wie einst Oprah Winfrey, die nun dort erzählt, wie sie als kleines Mädchen aus Mississippi im Fernsehen dem eleganten Sidney Poitier bei der Oscarverleihung zusah, wo er als erster schwarzer Schauspieler den Oscar als bester Hauptdarsteller verliehen bekam.

Das Mädchen sieht diesen ganzen wunderschönen, eleganten, schwarz gekleideten Frauen zu, wie sie davon sprechen, dass eine neue Zeitrechnung begonnen habe, dass es eine Wende im Showbiz gebe, dass nun Frauen an der Reihe seien, die den Mut haben, gegen jede Ungerechtigkeit, gegen jede Unverschämtheit anzugehen, sie anzuprangern, gegen sie in den Kampf zu ziehen. Man verspricht dem Mädchen sogar, ihre, in dem Fall unsere Geschichten zu erzählen. Ja, unsere Zeit ist gekommen! Das kleine Mädchen staunt, ist begeistert von so viel Schönheit und Mut. Und natürlich will es auch eines Tages dort stehen, strahlend, funkelnd, ein Vorbild für Millionen. Will für sein Können gefeiert werden, bewundert und geliebt.

Nino Haratischwili, geboren 1983 in Tbilissi, ist mehrfach preisgekrönte Theaterautorin, -regisseurin und Romanautorin. 2013 erschien ihr Einakter "Die zweite Frau in der Anthologie Techno der Jaguare – Neue Erzählerinnen aus Georgien". Für ihren neuen Roman "Das achte Leben" (2014) erhielt sie ein Grenzgänger-Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung für Recherchen in Russland und Georgien. Nino Haratischwili lebt in Hamburg und ist Gastautorin von "10 nach 8". © Danny Merz

Das stelle ich mir vor, als ich die Golden Globes ansehe und Oprah Winfrey zuhöre. Doch an dieser Vorstellung stimmt etwas nicht. Und zwar ganz gewaltig nicht.

Die ersten Minuten, all diesen großartigen Frauen lauschend, bin ich ebenfalls mitgerissen, gerührt, überwältigt von so viel amerikanischem Pathos und will auch aufstehen, "Time's up!" schreien, will brüllen, wie wunderbar es ist, dass wir an der Reihe sind, wir, Frauen, mit unseren Geschichten. Aber im nächsten Augenblick kippt meine Stimmung, ein bitterer Beigeschmack macht sich breit und so etwas wie Unbehagen ergreift von mir Besitz. Warum bloß? Es ist doch alles richtig, was sie sagen, kritisieren, versprechen. Natürlich ist es längst überfällig, dass mehr Frauen die wichtigen Positionen im Showgeschäft einnehmen, dass sie anfangen, ihre Geschichten aus eigener Perspektive zu erzählen, dass sie gegen den sprachlos machenden Sexismus aufbegehren, dass sie ihre Stimmen erheben. Aber irgendetwas passt hier nicht zusammen. 

All die Worte wirken bald hohl, nahezu in eine Farce kippt für mich die Show nach den sich wiederholenden und im gleichen kämpferischen Ton vorgetragenen Parolen der Damen und auch mancher Herren, die sich solidarisch zeigen wollen.

Und ich frage mich, was ist das für eine Geschichte, die einem kleinen Mädchen verspricht, dass es ihre eigene sein wird, und die man fortan in Hollywood erzählen wird? Die Geschichte von der ewigen Jugend und Schönheit? Etwa die von Big Little Lies? Diese TV-Serie wird gerade mit Preisen überhäuft, und wie ich finde durchaus berechtigt, denn die Schauspielerinnen und Schauspieler leisten dort einen wirklich verdammt guten Job. Aber auch in diesem gesellschaftskritisch anmutenden Format, in dem es unter anderem um häusliche Gewalt geht, sieht man lauter wunderschöne Frauen, die wunderschön leiden und wunderschön weinen, wunderschön lieben und von ihren wunderschönen Männern, zwar teilweise sehr gewalttätig, aber leidenschaftlich geliebt werden.

Man sieht auf der Bühne eine endlose Menge an Botox und verhungerten Körpern, an Essensverzicht und Tausenden von Stunden beim Personal Trainer, man sieht den verbissenen Kampf mit dem Alter, man sieht das Klammern an die Schönheit, die nicht vergehen darf. Nicht in der Traumfabrik. Nicht in Hollywood, wo man Illusionen verkauft, nicht in der Glitzerwelt, die sogar beim Leiden und bei den Kampfansagen schön bleiben will.

Sie propagieren Freiheit, wo keine ist

Was wäre gewesen, denke ich mir, hätte man sich anstelle der schwarzen Roben, welche die Damen in einen dunklen Glanz tauchen, für Turnschuhe und Jeans entschieden, für Joggingklamotten und für keinerlei Versuche, sich schöner zu machen, als man es ohnehin ist. Wie wäre es, eine Nicole Kidman oder eine Laura Dern in Joggingklamotten zu sehen – wären sie nicht schön und interessant genug, wären sie es nicht wert, dass man sie feiert, für das, was sie leisten, für das, was sie sind?

Welche Geschichten wollen wir erzählen? Wir Frauen. Welche Geschichte soll die des kleinen Mädchens sein? Was nützt die ganze #MeToo-Bewegung, wenn wir weiterhin davon erzählen wollen, dass es nicht ausreicht, eine Frau zu sein, eine Schauspielerin, eine Ärztin, eine Gärtnerin, eine Kellnerin, eine Mutter, eine Tochter, eine Schwester, eine Hebamme, eine Pilotin, eine Wissenschaftlerin und so weiter. Dass man bei all dem immer schön sein muss. Dass ein Mensch zu sein, nach wie vor nicht ausreicht, wenn man eine Frau ist.

Mag sein, dass Hollywood kein Maßstab für die Normalsterblichen ist. Dass es dort stets darum gegangen ist, aus Seifenblasen Realitäten zu erschaffen. Aber Hollywoods Protagonisten wollen ja unbedingt an die Realität anknüpfen, davon sprechen sie ja unentwegt. Allerdings propagieren und feiern sie Freiheit, wo keine ist. Die Fassade wird am deutlichsten sichtbar, sobald sie an ihr zu rütteln beginnen. Mit dem glanzvollen Gerede von "Time's up" verhält es sich ungefähr so wie mit einer manisch Kalorien zählenden, sportsüchtigen Freundin, die immerwährend predigt, jeder Körper sei schön.

Es ist traurig, dass diese Frauen, die da oben stehen und die allesamt talentiert und klug sind, sich der Macht nicht bewusst sind, die sie hätten, würden sie sich nicht auf ihre Schönheit und ihre Chanel-Roben berufen, sondern in erster Linie auf ihr Können. Und mit diesem Können könnten sie wirklich so vieles in Bewegung setzen, so viel ändern.

Aber solange sie dies nicht tun und sich stattdessen dafür feiern lassen, dass sie ach so mutig und dabei ach so schön sind, wird die kleine Zuschauerin nur die immerwährende Geschichte von dem Mädchen erzählt bekommen, das auszog, um es von der Tellerwäscherin zur Millionärin zu bringen, wenn es denn schön genug dafür ist.

Ich würde dem Mädchen vor dem Fernseher diese Geschichten gern ersparen. Ich würde mir wünschen, dass es nie ein #MeToo formulieren muss. Weder wegen männlicher Allmachtsfantasien noch infolge des alles bestimmenden Schönheitswettbewerbs.