Als mir neulich der bei Diogenes erschienene Band Freundinnen, eine Ansammlung von Kurzgeschichten von Autorinnen über die weibliche Freundschaft, in die Hände fiel und ich darin zu blättern begann, musste ich Stille Nacht von Patricia Highsmith gleich ein zweites Mal lesen. In dieser zehnseitigen Erzählung leben zwei betagte Freundinnen zusammen, sie teilen sich das Haus, das Bett, die Monotonie ihres Alltags. Die Klaustrophobie ihrer Koexistenz in dieser Alters-WG ist in jedem Satz zu spüren. Wie auch die Aggressivität, die in dieser Enge herrscht. Gleichwohl umgibt sie die stumme Empfindsamkeit einer langen Symbiose, in der alles schon einmal gesagt und diskutiert worden ist. Und das zuweilen ziemlich laut.

Christina Baniotopoulou geboren 1990 in Thessaloniki, Griechenland ist Psychologin. Sie lebt seit 2011 in Berlin. Gerade macht sie die psychotherapeutische Ausbildung. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Highsmiths Geschichte ist für mich die perfekte Abbildung der weiblichen Verbundenheit. Eine Metapher für die weibliche Freundschaft. Für Verschmelzung und Abgrenzung. Für Provokation und Großmut. Darüber hinaus steht in dieser Erzählung die schleichende, aber immer präsente homoerotische Kraft des weiblichen Bundes – unabhängig von Patricia Highsmiths eigener Sexualität – im Zentrum.

Nun, da ich diese Zeilen schreibe, frage ich mich: Wie kann es sein, dass man die weibliche Freundschaft oft als etwas versteht, in dem Liebe und Hass so nah beieinander liegen, anstatt sie als ein Destillat aus über Jahre hinweg entstandenen, positiven Eigenschaften zu begreifen? Natürlich hat Sigmund Freud schon längst beschrieben, wie schnell Zuneigung in Verachtung umschlagen kann (und umgekehrt). Aber der ist ja für seinen Zynismus bekannt.

Ich kann mich noch genau an eine Diskussion in der Grundschule erinnern. Es ging um die Frage, warum ein Leben ohne Freunde nicht lebenswert sei. Und ich wagte es, eine andere Meinung zu vertreten. "Ich glaube nicht an Freundschaft. Der Mensch ist immer allein", sagte ich sinngemäß. Meine Lehrerin, die tief an die Wahlverwandtschaft, bestehend aus Freunden, glaubte, würdigte mich an diesem Tag keines Blickes mehr. Das sollte sich bis zum Ende des Jahres nicht mehr ändern.

Ich weiß bis heute nicht, warum ich damals spontan so etwas sagte. Aus reiner Freude an der Provokation sicher nicht. Denn ich hatte ja nicht einmal eine richtige Erfahrung mit der Freundschaft gemacht. Die ersten sogenannten Freunde meiner Kindheit waren die Kinder von richtigen Freunden meiner Eltern. Wir spielten, wir lachten, wir stritten. Ich konnte sie mir aber nicht aussuchen. Sie mich ebenso wenig. War vielleicht meine misanthropische Äußerung eine Reaktion auf all diese Disney-Prinzessinnen, deren Geschichten ich enthusiastisch konsumierte? Meine Lieblingsprinzessin Aurora aus Dornröschen umgab sich zwar mit drei Feen, aber von einer Freundin war weit und breit keine Spur. Ebenfalls freundlos verlebten Schneewittchen und das Aschenputtel ihre Tage.

Meine fiktiven Kindheitsheldinnen waren starke Frauen, die allein gegen das Böse kämpften, bis sie endlich die Liebe in Form von einem Prince Charming ihres Geschmacks fanden. Und so schwamm ich als Mädchen nur auf der Oberfläche eines Freundschaftsozeans und niemals so tief, wie es vielleicht Arielle, die Meerjungfrau getan hätte.

Als ich ungefähr 15 wurde, lernte ich ein Mädchen kennen, das nicht nur meine beste Freundin werden sollte, sondern mir auch als Sprungbrett in die Tiefe einer solchen Liaison diente.

Unsere Beziehung glich zu Beginn einem bunten Cocktail, gemixt aus beiderseitigem Respekt und Ehrfurcht. Dann folgte die klare Gin-Tonic-Phase, die abenteuerlich war, begleitet von der Illusion, wir würden uns von diesen Drinks niemals schlecht fühlen.

Später schwappten wir in eine Rotwein-Phase. In eine mildere Zeit, mit mehr Tiefe, aber auch mit unerwarteten Nuancen, die nur deshalb überraschend waren, da wir glaubten, wir würden einander so gut kennen. So far, so good.