Die letzten Partyreste sind entsorgt, die Deko verstaut, die Straßen gefegt. Ganz nüchtern steht das neue Jahr nun da. Und mit ihm all jene guten Vorsätze, die man sich im üblichen Anfall von Ambitioniertheit mal wieder zurechtgelegt hat: mehr Sport treiben, endlich den Traumpartner treffen, ja, womöglich sogar das eigene Leben komplett umkrempeln. In diesen ersten Januartagen, in denen rituell am Update der eigenen Biografie gearbeitet wird, stellt sich eine Frage für viele schon aus ganz praktischen Gründen: Woher kommt das Neue? Oder andersherum gesagt: Wie verändert sich das Alte?

Wobei diese Frage ebenso all jene betrifft, die ohne Vorsätze auskommen. Denn selbst wenn man sein Leben gar nicht ändern will, weil man mit dem Bestehenden eigentlich ganz zufrieden ist, transformiert sich die Welt doch unablässig – und (über)fordert uns durch fortlaufend neue Anpassungsleistungen. Sei es der technologische Wandel, der unsere Art zu arbeiten und zu kommunizieren geradezu revolutioniert, der Klimawandel, der neue Formen des Wirtschaftens und Konsumierens erzwingt, oder der politische Wandel, der momentan ganze Parteisysteme auf den Kopf stellt. Die Frage nach der Herkunft des Neuen scheint derzeit also doppelt dringlich, führt sie doch ins Zentrum gegenwärtiger Sehnsüchte und Sorgen gleichermaßen. Während das Neue für die einen gar nicht schnell genug kommen kann, fühlen sich andere von ihm chronisch erschöpft.

Metaphysisch gesehen, gibt es auf die Frage nach der Herkunft des Neuen zunächst zwei ganz grundsätzliche Antworten. Die erste lautet: Das Neue entsteht außerhalb des Einzelnen, entzieht sich also der menschlichen Verfügungsgewalt. Diese Vorstellung offenbart sich bereits in den lange wirkmächtigen Schöpfungsmythen. Für die antiken Griechen hat bekanntlich Prometheus das Feuer gebracht, für die Babylonier Marduk die erste Stadt gegründet, Gott für die Christen die Welt erschaffen.

Dieser Artikel stammt aus dem "Philosophie Magazin" Nr. 02/2018. © Philosophie Magazin

Dominierte bis zum Anbruch der Renaissance die Idee, dass der Kosmos sich in einer gleichermaßen perfekten wie unveränderlichen Ordnung befindet, war die Entstehung von grundlegend Neuem im antiken und mittelalterlichen Denken deshalb meist nur als Einbruch des Göttlichen zu plausibilisieren. Es kam buchstäblich aus dem Nichts: Creatio ex nihilo. Wie weit dieser Gedanke historisch nachhallte, kann man an Charles Darwin sehen. Der Naturforscher, mit einem Abschluss in Theologie ausgestattet, war über seine eigenen Entdeckungen zur Evolution zunächst ja selbst so frappiert, weil sie bewiesen, dass die vermeintlich von Gott geschaffene Natur keineswegs fertig designed war, sondern sich permanent verändert und weiterentwickelt.

Vom Schöpfungsmythos zum Geniekult

Wobei es solch eine äußere Kraft des Neuen freilich auch in weltlichen Varianten gibt. Spätestens mit der Aufklärung wurde aus der göttlichen immer öfter die glückliche Fügung. Im Zuge der Säkularisierung ist es nicht mehr die Vorhersehung, sondern der Zufall, der als zentraler Bestandteil der Innovation gilt. Man denke hier nur an die unverhoffte Entdeckung des Penizillins. Diese gelang 1928 dadurch, dass der britische Bakteriologe Alexander Fleming vor seinen Sommerferien eine Petrischale mit angezüchteten Staphylokokken in seinem Labor schlicht vergessen hatte – um nach seiner Rückkehr das Antibiotikum anhand des sich mittlerweile gebildeten Schimmels ausfindig zu machen.

Hatte sich das Wunderdenken historisch also zunehmend verweltlicht, so erklärt sich erst vor diesem Hintergrund jene moderne Ereignisphilosophie, die bis heute prägend ist. Denn für Denker wie Martin Heidegger oder Alain Badiou ereignet sich das Neue im eminenten Sinne. Das heißt, es bricht so plötzlich wie unvorhergesehen in das Sein ein. Laut Alain Badiou zeigt sich das vor allem in vier großen Bereichen: der Wissenschaft, der Kunst, der Liebe und der Politik. Hier können singuläre Situationen einen tiefen Riss in die Ordnung der Dinge treiben, die Bedeutung des Bestehenden fundamental verändern. Das mag ein plötzlich ausbrechender Aufstand sein, der sich unversehens zu einer Revolution ausweitet; ein Kunstwerk, das die Grenzen des Bekannten sprengt; eine zufällige Entdeckung, die zur technologischen Umwälzung führt; oder auch einfach jener Moment, in dem man sich auf den ersten Blick unsterblich verliebt. Damit aus diesem Singulären dann aber auch wirklich das Neue wird, braucht es für Badiou vor allem eins: Man müsse dem Ereignis die "Treue" halten, sich ihm also produktiv öffnen. Nimmt sich kein Wissenschaftler eines Zufallsfunds weiter an oder lässt man den Moment der plötzlichen Verliebtheit verstreichen, bleibt alles beim Alten.

Woher kommt das Neue? Nähern wir uns der zweiten Antwort, die uns, den Bewohnern der Spätmoderne, vermutlich näher ist, denn sie besagt: Das Neue entsteht nicht außerhalb, sondern innerhalb der Individuen, und zwar durch die kreative Kraft der Ideen. Sprechen wir heute beispielsweise über bahnbrechende Erfindungen, seien es das iPhone, Facebook oder der Tesla, dann zumeist in genieästhetischen Kategorien. Das heißt: Wir reden immer auch von buchstäblichen Vordenkern wie Steve Jobs, Mark Zuckerberg oder Elon Musk, die eine, nein, ihre Vision Wirklichkeit werden ließen.