Ein Mann küsst zärtlich die Stirn eines Pferdes, dessen Fellfarbe seiner Barthaarfarbe erstaunlich ähnelt: Es ist ein kräftiges Rostrot, das vor dem blauen Himmel leuchtet. Sattgrün und feucht glänzen die Wiesen im Hintergrund. Der Schweif des Pferdes weht, wie das hüftlange Haupthaar des Mannes, sanft im Wind. 

Was wie eine alternative Szene aus dem Pferdeflüsterer oder eine Ausgabe der Wendy für große Mädchen wirken mag, ist tatsächlich ein Foto auf einem Instagram-Account. Der so zärtliche Mann heißt Tibor Pusch und bezeichnet sich selbst als "slowakischer Wikinger" und Naturliebhaber. Ach ja, außerdem töpfert er. Er könnte aber ebenso gut in einer dieser skandinavischen Viking-Metal-Bands einen axtförmigen Bass schwingen oder der Harfe ein paar warme Töne entlocken. Etwas deplatziert in dieser sanften Ich-Erzählung wirkt sein speerförmiges Piercing, das ihm unterhalb der Lippe aus dem Gesicht ragt, locker vier Zentimeter ist es lang. Der Stachel im Gesicht, so viel lehrt uns wohl die Psychoanalyse, ist phallisches Symbol und Abwehrmaßnahme zugleich. Keine Frau kann diesen Mann bestürmen oder küssen, obwohl sein üppiges Gesichts- und Kopfhaar sie dazu verführen mag, ihre Finger in seinem Haar zu vergraben.

Marlen Hobrack studiert im Masterstudiengang Kultur- und Medienwissenschaften, nachdem sie zuvor einige Jahre in einer Unternehmensberatung gearbeitet hat. Derzeit schreibt sie an einem Social-Media-Roman. Sie lebt mit ihrem Sohn in Dresden und ist Gastautorin bei "10 nach 8". © privat

Die Bilder auf seinem Account senden also eine seltsam hybride Botschaft: Dieser Wikingertyp wirkt, als wolle er jeden Moment auf ein Langschiff springen und – sagen wir – den amerikanischen Kontinent erobern. Dort angekommen, würde er allerdings nur die lokalen Rinder streicheln. Oder eben Welpen. Das ist auf Fotos nicht nur ungeheuer ästhetisch und instagramkompatibel. Es generiert auch Zehntausende Likes und Emojis, denen Herzen aus den Augen springen.

Die Mischung aus Härte und Zartheit, vermeintlicher Natürlichkeit und Naturverbundenheit ist nicht nur das haarige Gegenbild zur eher homoerotischen Ikonografie des Tankwart-Erotikkalenders, dessen Hauptzielgruppe vermutlich nicht Frauen sind. Diese Instagram-Bilder richten sich, so wirken sie jedenfalls, an wahlweise pubertierende Mädchen oder an Hausfrauen um die fünfzig, die sich beim Blick auf ihren vielleicht bierbäuchigen Partner fragen, ob es nicht doch noch mehr geben könnte da draußen. Vielleicht so einen Wikingertypen, der einen im häuslichen Hof überfällt und dann – aber ach, ich schweife ab!

Sie verstellen sich etwas zu sehr

So ganz taugen die Bart und Welpen tragenden Männer von Instagram ohnehin nicht zum Sexobjekt. Ihre Duckfaces und stilisierten Posen beim Spiegelselfie unterlaufen den urigen und kernigen Eindruck. Im Adaptieren der weiblichen Klischeeposen – den Oberkörper zur Taillenverschlankung leicht eingedreht, unterwürfig in die erhöhte Kamera blickend – geht jede sexuelle Wirkung des behaarten Astralkörpers verloren.

Nun könnte man einwenden: Auch ein sanfter Mann kann sexy sein. Und was ist so schlimm am Gender-Bending? Nur betreiben diese Männer gar kein echtes Gender-Bending, oder anders: Sie verstellen sich, geschlechterstereotypisch betrachtet, etwas zu sehr. Es ist ein wenig wie bei einer Dragqueen: Deren Stilvorbild sind auch nicht brave mütterliche Hausfrauen, sondern die klassischen Filmdiven der Vierzigerjahre. Die waren allesamt androgyne Ikonen und bisweilen echte Walküren – man denke an die Dietrich oder Zarah Leander.

Das heißt, in diesen Frauen schimmerte das Element von Männlichkeit auf, das von Dragqueens geschickt persifliert wird. Alles, was dann als "genuin weiblich" hinzukommt – vor allem Make-up und Frisur – wird so grotesk überzeichnet, dass es sich selbst schon wieder als Maske kenntlich macht. Mit anderen Worten: Der Drag ist ein Zeichenspiel, bei dem es nicht darum geht, dass ein Mann zur Frau wird, sondern dass in der Maske eines Mannes die Frau als Zeichen aufscheint und zugleich verzerrt wird.

Und so ist es nun auch bei diesen Instagram-Männern: In ihren entengesichtigen Selfies scheint das Zerrbild der narzisstischen Frau auf, die sich im x-ten Selfie in der immer gleichen Pose ihrer Schönheit und der Treue ihrer Follower versichert. Und obgleich der Narzissmus traditionell Frauen zugeschrieben wird, ist er eben nicht zu verwechseln mit Weiblichkeit oder dem Habitus der Frau.

Zudem zeigen die Bilder vieler Instagram-Männer etwas, das der Soziologe Erving Goffman mit Blick auf Frauen in Werbebildern als "feminine" Berührung bezeichnete. Es ist eine Form von ritualisierter Berührung, ein zartes Handauflegen anstelle eines festen Griffs. Da legen sich manikürte Hände auf treue tierische Begleiter – beliebt sind Huskies, weil sie, wie der berührende Mann, wild und sanft zugleich sind. Nur eines fehlt in den Bildern vollständig: die Frau.