Der spanische Philosoph Paul B. Preciado (*1970) lebte bis vor wenigen Jahren als Frau und hat sich in seinen Studien intensiv mit männlichen und weiblichen Rollenbildern befasst. Nachdem Catherine Deneuve und 99 weitere Frauen einen offenen Brief über die negativen Konsequenzen von #MeToo in der französischen Tageszeitung Le Monde veröffentlicht hatten, schrieb Preciado eine Entgegnung für Libération. Er geht darin hart ins Gericht mit der "grotesken Ästhetik" heterosexuell geprägter Gesellschaften, dem, wie er es nennt, Ancien Régime der Sexualität, dem seiner Ansicht nach auch die Unterzeichnerinnen um Deneuve angehörten. Das Verhalten der Geschlechter sei innerhalb dieser Traditionen negativ vorgeprägt: Frauen fiele eine biopolitische Rolle als Mütter und Opfer zu, während Männer nekropolitisch als Soldaten oder Exekutive agierten. Seine Thesen sind so interessant wie streitbar. ZEIT ONLINE hat Preciados Artikel aus dem Französischen übersetzt.

Ich bin ein Schmuggler zwischen zwei Welten, die eigentlich gar nicht getrennt sein müssten, von manchen aber wie durch eine Berliner Mauer des Geschlechts getrennt gehalten werden. Ich meine die Welt der Männer und die der Frauen. Über die Frage, was sexuelle Belästigung ist und wie wir mit ihr umgehen sollen, tobt gerade ein Kampf. Ich will als eine Art objet trouvé aus der Mitte des Kreuzfeuers sprechen, oder eher als sujet perdu, als jemand, der beim Übertreten der Grenze verloren gegangen ist.

Ich spreche hier nicht als ein Mann, der zur tonangebenden Klasse gehört. Ich gehöre nicht zu denen, die bei ihrer Geburt zu Männern erklärt wurden. Sie werden als Mitglieder der herrschenden Klasse erzogen, man gibt ihnen das Recht oder besser – und das ist ein wichtiger Punkt –, man fordert sie dazu auf, die Souveränität der Männer zu verkörpern. Ich spreche aber auch nicht als Frau, denn diese Art der politischen und sozialen Verkörperung habe ich freiwillig und in voller Absicht aufgegeben.

Paul B. Preciado wurde 1970 unter dem Namen Beatriz Preciado in Burgos, Spanien, geboren. Er hat unter anderem an der Universität Paris VIII, der New York University und der Universität Princeton Philosophie, Archtekturtheorie und Gendertheorie unterrichtet und war Teil des kuratorischen Teams der documenta 14. Autor mehrerer Bücher, darunter "Testo Junkie. Sex, Drogen und Biopolitik in der Ära der Pharmapornographie" (2016). © Paul B. Preciado

Ich spreche als Transmann. Dabei beanspruche ich keineswegs, irgendein Kollektiv zu vertreten. Obwohl ich beide Perspektiven kenne und einnehme, kann und will ich nicht als Heterosexueller oder als Homosexueller sprechen. Wenn man transsexuell ist, verlieren solche Kategorien ihre Bedeutung. Ich bin ein geschlechtlicher Überläufer, ein Auswanderer der Sexualität, ein Dissident im Regime der sexuellen Differenz (sicherlich oft ein unbeholfener, denn mir fehlen die Codes, nach denen ich mich verhalten könnte). Ich spreche als Proband eines sexualpolitischen Selbstversuchs, als jemand, der die bisher viel zu selten thematisierte Erfahrung gemacht hat, auf beiden Seiten der Mauer zu leben. Und weil ich die Grenze jeden Tag aufs Neue übertrete, bin ich es langsam leid, meine Damen und Herren, immer wieder mit den starren Codes und Begehrensmustern konfrontiert zu werden, die das heteropatriarchale Regime uns vorschreibt.

Lasst es euch von der anderen Seite der Mauer gesagt sein: Die Lage ist um einiges schlechter, als ich es mir aufgrund meiner Erfahrung als lesbische Frau vorstellen konnte. Seitdem ich in der Welt der Männer lebe, als wäre ich ein Mann (im Wissen, dass ich damit eine politische Fiktion verkörpere), kann ich Folgendes bestätigen: Die dominante, männliche und heterosexuelle Klasse wird ihre Privilegien nicht einfach aufgeben, weil wir hie und da einen Aufschrei anzetteln oder eine Unmenge von Tweets versenden. Seit die sexuelle und antikoloniale Revolution des vergangenen Jahrhunderts ihre Welt erschüttert hat, arbeiten die Heteropatriarchen an einer Gegenrevolution – neuerdings zusammen mit Frauen, die gerne weiterhin "behelligt" oder "bedrängt" werden wollen. Es ist ein Krieg, der tausend Jahre dauern wird, es ist der längste aller Kriege, denn er wird auch um die Politiken geführt, nach denen wir uns reproduzieren und nach denen der menschliche Körper sich als ein eigenständiges Subjekt konstituiert. Es ist der wichtigste aller Kriege, denn auf dem Spiel steht nicht irgendein Geländegewinn oder die Einnahme einer Stadt. Es geht um den Körper, die Lust, das Leben.

RoboCop und Alien

Die Position der Männer wird in unseren technopatriarchalen, heterozentrierten Gesellschaften durch eine männliche Souveränität bestimmt, die darin liegt, dass der Mann das Recht hat, Gewalttechniken anzuwenden: Gewalt gegen Frauen, gegen Kinder, gegen nicht-weiße Männer, gegen Tiere, gegen den Planeten im Ganzen. Wenn wir Max Weber mit den Augen Judith Butlers lesen, dann können wir sagen, die Männlichkeit verhält sich zur Gesellschaft wie der Staat zur Nation: Sie ist der legitime Inhaber der Gewalt und macht von dieser Gebrauch. Gesellschaftlich drückt sich diese Gewalt als Herrschaft aus, ökonomisch als Privileg, sexuell in Form von Aggression und Vergewaltigung.

Die weibliche Souveränität beruht in diesem Regime auf der Gebärfähigkeit der Frauen. Sexuell und gesellschaftlich sind Frauen unterworfen, nur Mütter sind souverän. Die Männlichkeit wird nekropolitisch bestimmt, das heißt durch das Recht, den Tod zu geben. Weiblichkeit definiert sich biopolitisch. Frauen sind dazu verpflichtet, neues Leben zu geben. Man könnte sagen, dass die nekropolitische Heterosexualität von der Utopie beseelt ist, das Paarungsverhalten von einem RoboCop und einem Alien zu erotisieren. Ein zum Roboter gewordener Polizist und eine Außerirdische. Mit ein bisschen Glück, sagt man sich, kommt wenigstens einer von beiden auf seine Kosten.

Die Heterosexualität ist aber nicht nur, wie die französische Schriftstellerin Monique Wittig gezeigt hat, eine Regierungsform. Sie enthält auch eine Politik des Begehrens. Das Wesen dieser Politik liegt darin, dass vermeintlich freie sexuelle Akteure sich auf Verführung und romantische Abhängigkeit einlassen. Dass Männer sich wie RoboCops und Frauen wie Außerirdische verhalten, ist keine bewusste, individuelle Wahl. Es ist nicht so, dass die Regierenden (die Männer) den Regierten (den Frauen) ihre nekropolitische Heterosexualität einfach aufzwingen würden. Viel eher entwickeln Männer und Frauen ihre jeweiligen Rollen und Bestimmungen aus sich selbst heraus, weil sie ein anderes Regime noch gar nicht kennen.

Wir müssen lernen, die sexuelle Freiheit zu begehren

Das sexuelle Regime und die sexuelle Unterwerfung beruhen also nicht auf Gesetzen. Sie beruhen auf unausgesprochenen Normen, auf einem Austausch von Codes und Gesten, der eine Partition für all das festlegt, was sexuell geht und was nicht. Die Verführung wird ästhetisiert, das Begehren stilisiert. Eine historische, konstruierte Form der Herrschaft stabilisiert das Machtgefälle durch erotische Aufladung. Diese Politik des Begehrens hält das geschlechtliche Ancien Régime am Leben, allen Versuchen der Gleichstellung und des Empowerments von Frauen zum Trotz. Das nekropolitische, heterosexuelle Regime ist genauso erniedrigend und zerstörerisch, wie es das Lehnswesen und die Sklaverei im Zeitalter der Aufklärung waren.

Heute erleben wir, wie diese Gewalt sichtbar gemacht und bloßgestellt wird. Wir erleben eine sexuelle Revolution, die zwar langsam und verschlungen, aber doch unvermeidlich voranschreitet. Der queere Feminismus ist immer davon ausgegangen, dass sich die Gesellschaft erst ändern kann, wenn sich das Denken geändert hat. Deshalb bezweifelt er, dass es zwei (und nur zwei) natürliche Geschlechter gibt. Deshalb behauptet er, dass es eine irreduzible Vielheit von biologischen und sozialen Geschlechtern, aber auch von sexuellen Orientierungen gibt. Denn nicht nur das Denken muss sich ändern, sondern auch das Begehren. Die libidinöse Transformation ist genauso wichtig wie die epistemologische. Wir müssen lernen, die sexuelle Freiheit zu begehren.

Seit vielen Jahren ist die queere Kultur ein Labor, in dem neue sexuelle Ästhetiken ausprobiert werden. Von der vorherrschenden Heterosexualität, von ihren Techniken der Subjektivierung und ihrem nekropolitischen Verlangen sagen sie sich los. Die Sexästhetik der RoboCops und der Aliens interessiert uns nicht, und wir sind viele. Von den Butch-Femmes und der BDSM-Kultur, von Joan Nestle, Pat Califia und Gayle Rubin, Annie Sprinkle und Beth Stephens, von Guillaume Dustan und Virginie Despentes haben wir gelernt, dass die Sexualität ein politisches Theater ist, in dem nicht die Anatomie, sondern das Begehren die Rollen verteilt. Man kann darauf stehen, Schuhsohlen abzulecken, sich sämtliche Körperöffnungen penetrieren zu lassen oder den Geliebten durch einen Wald zu jagen, als wäre er sexuelles Freiwild – all das hat seinen Platz in dem Theater, das sich Sexualität nennt. Es gibt allerdings zwei Dinge, die eine neue queere Ästhetik von der alten, heteronormativen unterscheiden: das Einvernehmen und der Verzicht auf die Naturalisierung sexueller Rollen. Die Körper sind gleichwertig, die Machtverhältnisse werden neu gemischt.

Das Begehren muss sich ändern

Als Transmann lehne ich es ab, mich mit der dominierenden Männlichkeit in ihrer nekropolitischen Form zu identifizieren. Es besteht kein Bedarf, zu verteidigen, was wir sind (Männer oder Frauen). Vielmehr sollten wir diese Identifikation zurückweisen und uns von dem politischen Zwang lösen, der uns dazu bringt, die Norm zu begehren und zu reproduzieren. Unsere politische Praxis besteht darin, dass wir die Normen von Geschlecht und Sexualität missachten. Ich bin die meiste Zeit meines Lebens lesbisch gewesen, in den vergangenen fünf Jahren dann transsexuell. Eurer Heterosexualität stehe ich ungefähr so nah wie ein meditierender buddhistischer Mönch in Lhasa dem nächsten Supermarkt.

Ich kann die sexuelle Ästhetik eures Ancien Régime nicht genießen. Die Vorstellung, mich irgendjemandem "aufzudrängen", macht mich kein bisschen an. Ich habe keine Lust, meinem sexuellen Elend Luft zu machen, indem ich einer Frau in der U-Bahn an den Arsch fasse. Der erotisch-sexuelle Kitsch, der euch vorschwebt – Männer nutzen ihre Macht, um andere zu nötigen und sich selbst Befriedigung zu holen –, er macht mich kein bisschen heiß. Die Ästhetik der nekropolitischen Heterosexualität ist grotesk und brutal, sie widert mich an. Sie will mir die sexuellen Unterschiede als natürliche Gegebenheiten verkaufen, sie will den Mann auf die Rolle des Aggressors und die Frau auf die des Opfers festschreiben (das für Schmerz und Belästigung dann auch noch dankbar zu sein hat).

Wenn wir in der queeren und transsexuellen Kultur mehr und besseren Sex haben, dann deshalb, weil wir aufgehört haben, Sexualität nach den Mustern der Fortpflanzung und der geschlechtlichen Herrschaft zu leben. Ich sage nicht, dass die queere und transfeministische Kultur völlig frei von Gewalt ist. Es gibt keine Sexualität ohne Schattenseiten. Es steht aber auch nirgendwo geschrieben, dass die dunklen Seiten (die Ungleichheit und die Gewalt) die gesamte Sexualität bestimmen müssen.

Liebe Vertreter und Vertreterinnen des sexuellen Ancien Regime, macht mit eurer Schattenexistenz doch, was ihr wollt. Have fun, aber lasst uns unsere Opfer beklagen. Genießt eure Herrschaftsästhetik, aber hört endlich auf, euren persönlichen Stil zu einem allgemeinen Gesetz zu erklären. Lasst uns nach unserer eigenen Politik des Begehrens vögeln, ohne Mann und Frau, ohne Penis und Vagina, ohne Axt und Gewehr.

 Aus dem Französischen übersetzt von Birthe Mühlhoff und Tobias Haberkorn