Für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wird 2018 ein hartes Jahr, einige sprechen sogar von einem Schicksalsjahr für ARD und ZDF. Denn am 19. Februar stellt die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF) ihren 21. Bericht vor.

Die unabhängige Behörde mit dem sperrigen Namen ist der McKinsey für die Öffentlich-Rechtlichen. Wie eine Unternehmensberatung durchleuchten die Prüfer im Auftrag der Bundesländer die Budgets der Sender und schauen, ob die Einnahmen durch den Rundfunkbeitrag mit den Ausgaben in einem angemessenen Verhältnis stehen. Auf dieser Grundlage beraten die Ministerpräsidenten dann, ob sich am Rundfunkbeitrag oder an den Werbezeiten etwas ändern sollte.

Das passiert alle zwei Jahre. Diesmal wird aber nicht nur kühl gerechnet, sondern hitzig debattiert: Die Öffentlich-Rechtlichen stehen wie nie zuvor in der Kritik. Sie müssen sich für ihre Ausgaben, ihre digitalen Aktivitäten und ihre inhaltliche Ausrichtung rechtfertigen. Nicht nur viele Bürger äußern ihren Unmut über die monatlichen Beiträge und die aus ihrer Sicht starre Programmatik, auch Politiker äußern sich zusehends kritisch. So forderte Sachsen-Anhalts Staatskanzleichef Rainer Robra (CDU) sinngemäß, die Tagesschau abzuschaffen und die ARD zu einem "Schaufenster der Regionen" umzubauen. Es geht also nicht nur ums Geld, sondern auch ums Programm, und – noch wichtiger – um die generelle Akzeptanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

So ist es nicht verwunderlich, dass der neue ARD-Vorsitzende, der BR-Intendant Ulrich Wilhelm, zu Jahresbeginn eine Warnung aussprach. Sollte der Rundfunkbeitrag von derzeit 17,50 Euro nicht steigen, werde man in der nächsten Beitragsperiode ab 2021 nicht ohne einen "Teuerungsausgleich" auskommen. Dieser werde etwa drei Milliarden Euro betragen.

Während die Intendanten den Rundfunkbeitrag erhöhen wollen, empfiehlt die KEF, ihn für die nächste Beitragsperiode von 2021 bis 2024 stabil zu halten. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass die Prüfer schon in der aktuellen Beitragsperiode von einer weit positiveren Bilanz für die Öffentlich-Rechtlichen ausgehen als diese selbst. Im Entwurf zum 21. KEF-Bericht – streng genommen ein Zwischenbericht – der den Sendern schon seit einigen Wochen vorliegt, melden ARD, ZDF und Deutschlandradio einen Verlust von 203,7 Millionen Euro bis 2020 an. Die Prüfer errechneten hingegen einen Überschuss von exakt 549,7 Millionen Euro.

Wie kommt es zu dieser enormen Differenz? Die Anstalten melden der KEF fast immer Verluste und veranschlagen neue Posten, wohl wissend, dass die Prüfer ihnen hinterher wieder vieles streichen werden. Auch in früheren Berichten hatte das Gremium Überschüsse bis zu einer halben Milliarde errechnet – und nach der kräftigen Senkung des Rundfunkbeitrags 2015 von 17,98 auf aktuell 17,50 Euro im letzten Bericht noch eine weitere Kürzung vorgeschlagen. Die Ministerpräsidenten waren diesem Vorschlag damals nicht nachgekommen – auch, weil die KEF zur gleichen Zeit gewarnt hatte, dass es ab 2021 richtig teuer werde. Der Beitrag könnte dann auf mehr als 19 Euro steigen

Der Unterschied in der Schätzung liegt auch am Planungszeitraum: Die KEF ist in ihrer Finanzplanung auf einen strikten Vier-Jahres-Zyklus beschränkt, während die ARD schon bis 2028 rechnet. Bis dahin sollen Synergien aus digitaler Technik besser genutzt und mehr Gemeinschaftsprojekte mit ZDF und DRadio geplant werden. Einsparpotenzial: knapp eine Milliarde Euro. Immerhin.

Europäischer Spitzenwert

Die Einnahme durch die Rundfunkgebühren betrug 2016 rund 7,98 Milliarden Euro. Laut Bundesfinanzamt ist das ein europäischer Spitzenwert. Zusammen mit den Einnahmen aus Werbung, Sponsoring und Lizenzverkauf ergibt das eins der größten öffentlich-rechtlichen Budgets der Welt. Zum Vergleich: Die britische BBC kommt bei der Haushaltsabgabe mit nur etwas mehr als der Hälfte aus – umgerechnet 4,2 Milliarden Euro, und das werbefrei. Schaut man sich die Pro-Kopf-Ausgaben an, liegt Deutschland beim Rundfunkbeitrag allerdings im europäischen Mittelfeld – Schweizer und Österreicher zahlen deutlich mehr für SRF und ORF. Während die Deutschen pro Jahr derzeit 210 Euro bezahlen, sind es in der Schweiz umgerechnet 417,55 Euro, in Österreich 298,56 Euro.

Zudem ist das hiesige duale System in seiner Vielfalt einzigartig. Die Rundfunkbeiträge fließen nicht nur an die ARD und ihre neun Landesrundfunkanstalten, das ZDF und Deutschlandradio, sondern auch an die Spartenkanäle Phoenix, Kinderkanal, ZDFneo, ZDFinfo, das Junge Angebot funk sowie die grenzüberschreitenden Gemeinschaftssender Arte und 3sat.

Um bestimmen zu können, wo genau die Öffentlich-Rechtlichen noch sparen können, muss man sich ansehen, wofür sie am meisten Geld ausgeben. Der größte Kostenblock für alle Anstalten ist laut der KEF-Systematik der "Programmaufwand". Er beträgt rund 40 Prozent an den Gesamtausgaben. Die Behörde erkannte in ihrem 20. Bericht 4,16 Milliarden Euro jährlich an (Die Summe ergibt sich aus der im KEF-Bericht angegebenen Zahl von 16.653,6 Millionen Euro für die Jahre 2017–2020 geteilt durch 4), darunter fallen Ankäufe extern produzierter Filme und Serien, Sport- und Lizenzrechte sowie die Vergütungen für freie Regisseure und Urheber.

Mehr als 500 Millionen jährlich für Renten

Der zweitgrößte Posten ist der Personalaufwand, also die Kosten für alle fest angestellten Mitarbeiter. Er wurde zuletzt mit 2,19 Milliarden Euro veranschlagt. Darunter fallen auch die hohen Ausgaben für die Altersversorgung, die die öffentlich-rechtlichen Sender mit jährlich netto 529,5 Millionen Euro belasten, sowie der Verwaltungsstab, der laut ARD zuletzt bei einem Kostenanteil von 3,7 Prozent lag.

Unter den "Sachaufwand" mit 1,39 Milliarden fielen Technik, Betriebskosten – und noch mehr Personal: freie Mitarbeiter, die nicht für externe Produktionen, sondern direkt für die Sender tätig sind. Die Programmverbreitung – über terrestrische Sender, Satelliten, Kabel und Internet – kostete etwa 280 Millionen jährlich. Investitionen schlugen nochmals mit 632 Millionen zu Buche. In diesem letzten Posten verbergen sich auch die Kosten für die Instandhaltung. Für ihre zahlreichen Gebäude müssen die Sender jährlich rund 180 Millionen Euro aufbringen.

Sparen bei den Personalkosten

Im Entwurf zum neuen, 21. KEF-Bericht ist schon ersichtlich, wie die Kommission bei den Personalkosten künftig sparen will. Sie erschwert nämlich den Anstalten die Umwandlung von Stellen freier Mitarbeiter in dauerhafte Arbeitsverhältnisse. Von den Kosten, die die Sender dafür veranschlagen, will die KEF nur 80 Prozent erstatten. "Mit diesem Korrekturfaktor sollen die Nachteile der Verfestigung durch Aufwuchs bei den besetzten Stellen (…) begrenzt werden", heißt es in dem Papier. Das "Ziel dieser Weiterentwicklung" müsse "eine wirksame Begrenzung des durch Umschichtungen ausgelösten Zuwachses bei der Gesamtzahl der besetzten Stellen sein". Auf Nachfrage erklärte der KEF-Geschäftsführer Tim Schönborn, der Bericht sei noch in der Abstimmung. Grundsätzlich verfolge die KEF aber die Haltung, "einen starren Personalkörper, der auf Jahre Fixkosten verursacht", zu vermeiden und "so weit wie möglich Flexibilität zu erhalten".

Wo wäre noch Luft bei den Personalkosten?

Hält am Fußball fest: der Intendant des Bayerischen Rundfunks und neue ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm. © Sven Hoppe/dpa

Was Personalkürzungen konkret bedeuten, erfahren Hörer und Zuschauer derzeit schon in Nordrhein-Westfalen, bei der größten Landesrundfunkanstalt WDR. Der Intendant Tom Buhrow hatte sich 2014, ein Jahr nach seinem Amtsantritt, zu einem harten Sparkurs verpflichtet: 100 Millionen Euro weniger, 500 Stellen weg.

Auch Mitarbeiter, die nicht von Entlassungen betroffen sind, bekamen den Sparkurs zu spüren. ARD und Deutschlandradio haben ihre alten Tarifverträge gekündigt und sich im September 2017 mit den Gewerkschaften auf neue geeinigt. Altangestellte erhalten weniger Rentenzahlungen. Neue Mitarbeiter werden in den niedriger dotierten Tarifvertrag des Ost-Senders MDR eingruppiert. Dafür gab es zuletzt auch ein Lob der KEF.

Kreative klagen über miserable Honorare

Eigentlich müsste man auch die vielen Urheber, Autoren und Regisseure unter den Punkt Personal subsumieren, im KEF-Kosmos firmieren sie jedoch unter Programmaufwand. Die Kreativen klagen seit Jahren über geringe Honorare. Im vergangenen Sommer hatten etwa die Nominierten des Deutschen Dokumentarfilmpreises offengelegt, wie viel Zeit sie in ihre Produktionen investiert hatten – und wie diese honoriert wurden. Das Ergebnis veröffentlichten sie in der "Stuttgarter Erklärung": etwa 120 Euro netto am Tag. Das heißt, sie verdienten "bei einem angesetzten 10-Stunden-Tag" ein "Honorar etwas über dem Mindestlohn". Die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm und der Deutsche Journalistenverband fordern stattdessen einen Tagessatz für Regisseure von 800 Euro.

Wo man noch sparen kann: Bei der Unterhaltung

Wenn irgendwo gespart werden könnte, dann bei Unterhaltung und Sport. Die eigenproduzierten Filme und TV-Serien sind etwa beim ZDF der zweitgrößte Programmkostenblock. Für 2018 veranschlagt der Sender rund 376 Millionen Euro für Auftrags- und Koproduktionen. Vom Traumschiff über Bettys Diagnose bis hin zu Die Bergretter ist wenig Hochkulturelles dabei und es verkauft sich auch kaum im Ausland.

Das gilt noch mehr für den Sport – bei ARD und ZDF mit zuletzt 462 beziehungsweise 368 Millionen Euro jeweils der teuerste Programmbereich. Zum Vergleich: Eine Tagesschau-Ausgabe kostet im Schnitt 27.300 Euro, die jährlichen Ausgaben für die 32 ARD-Auslandsstudios liegen bei 57 Millionen Euro.

Bei den Fußballrechten indes werden die Summen immer höher. Die Deutsche Fußball Liga setzt in diesem Markt bis 2021 mehr als 4,6 Milliarden Euro um, ein Plus von 85 Prozent. ARD und ZDF machen das nicht mehr grenzenlos mit. Das Erste berichtet nur in der Sportschau, das Zweite überträgt die Saisoneröffnung und im Sportstudio noch die Zweitverwertung für das Samstagabendspiel und wenige Bundesligaspiele. Die Champions League wird ab 2019 nur noch im Pay-TV zu sehen sein.

Die Öffentlich-Rechtlichen lassen sich ihre Sportberichterstattung dennoch einiges kosten: Die 21 Sportmoderatoren der ARD bekamen 2016 1,9 Millionen, die acht Experten im Ersten – von Mehmet Scholl bis Franziska van Almsick – 1,2 Millionen Euro. Der ARD-Chef Wilhelm betont die Bedeutung des Fußballs im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: "Die Zuschauer wollen gerade die Fußballnationalmannschaft bei uns. Der Fußball muss aufpassen, dass er die gesellschaftliche Bindung nicht verliert, wenn er wesentliche Inhalte ins Pay-TV vergibt."

Über all diese Fragen wird es gehen, wenn Mitte Februar der Bericht der KEF vorliegt. Die Beratungen darüber werden nicht nur die Intendanten und Rundfunkräte beschäftigen, sie werden auch von der Öffentlichkeit mit anderem Interesse verfolgt werden als bisher.