Ein regnerischer Dezemberabend in Siegen. Die City-Galerie Siegen befindet sich rechts vom Hauptausgang des Hauptbahnhofes. In konsumangepasster Lage, wie die Stadtverwaltung es nennt. Gegenüber beschreibt die imposante Glasfassade des City-Carrés Siegen einen raupenhaft gewölbten Bogen in die Fußgängerzone der 100.000-Einwohner-Stadt.

Ob auch diese Einwohner sich heute noch mit dem einst gern gewählten Kalauer vorstellen, sie kämen aus dem "Gegenteil von Verlieren"? Die Fußgängerzone mündet in eine weiträumig betonierte Uferpassage. In kurzen Abständen führen ebenfalls betonierte Brücken über das schmale, schnell fließende Flüsschen Sieg Richtung Oberstadt.

Heike-Melba Fendel ist Autorin und Inhaberin der Künstler- und Veranstaltungsagentur Barbarella Entertainment. Sie lebt in Köln und Berlin. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © Hilmar Traeger

Eine Handvoll Stände formieren sich dort, bergauf gestaffelt, zum Siegener Weihnachtsmarkt. Eine Gruppe 16-jähriger Mädchen hat sich gegen das Glühwein-Brezel-Knackwurst-Programm entschieden und sitzt in der örtlichen, auf der Betonrampe gelegenen Subway-Filiale. Sie heben die jeweils obere Hälfte ihrer U-Boot-förmigen Sandwiches an und teilen sich gegenseitig anhand der jeweiligen Füllung ihre Vorlieben und Abneigungen mit: "Ihhh, Zwiebeln!"

Der sehr junge Mann hinter dem Glastresen – im Subway-Jargon "Sandwich-Artist" – hat ihnen diese Sandwiches, genannt Subs, nach ihren Wünschen zubereitet. Neben Größe und Art der Backwaren können auch die weiteren Zutaten wie Salat, Gemüse, Fleisch und Saucen frei kombiniert werden. Nein, nicht können – müssen. 200 Millionen Möglichkeiten, ein Sub-Unikat herzustellen, verspricht die Subway-Werbung. Wer den Sandwich-Artist bittet, einem das Chicken-Teriyaki-Sandwich nach dessen eigenem Gutdünken zu belegen, erntet Fassungslosigkeit. Gefolgt von energischem Kopfschütteln.

Jeder hat gefälligst selbst zu entscheiden, was er will. Und kann anschließend, wie die an einem regnerischen Dezemberabend am Kunststofftisch der Subway-Filiale Siegen ihre Unikate aufklappenden Mädchen, folgerichtig zeigen, wer er ist. Oder eben nicht ist – "Ihh, Zwiebeln!"

Nun sind Orte und Menschen in Siegen nicht stumpfer als anderswo. Und die Kunst und Unikat beschwörenden Werbetexter sind nur so einfallslos, weil Geschäftskunden es – hier und überhaupt – so wollen. Und dass ich an jenem Abend im Dezember gestrandet bin in dieser Stadt mit dem so optimistischem Namen, das hatte ich ja genauso selbst gewählt wie die Mädchen ihre Subs, die Lokalpolitiker die konsumangepasste Lage der lokalen Shoppingmall und die Stadtplaner den Beton-Brutalismus.

Das Internet als Prügelknabe

Egal, ob das US-amerikanische Grundrecht der freedom of choice nur die Wahl zwischen sehr wenigen ("Trump oder Clinton") oder unfassbar vielen (200 Millionen Subs) lässt. So oder so ist der Wahlausgang auf seine Weise vorgegeben. Immer handelt es sich, wie bei Klassenarbeiten oder Quizshows nach US-Vorbild, um freedom of multiple choice. Also um die Wahl einer bereits bekannten Antwort oder einer der zahllosen Möglichkeiten, von denen gleichwohl jede einzelne bereits genau definiert ist. Die Wahlfreiheit ist damit eine Auswahl von gestern, die ich für morgen treffen kann.

Das sogenannte Internet als beliebtester Prügelknabe für alles, was das Leben maßlos, überfordernd und stumpf macht, kann an dieser Stelle aufatmen. Der Algorithmus hat heute mal schuldfrei. Anders gesagt: Die Frage, was zuerst da war, die Fantasielosigkeit analoger Zeiten oder deren Umformung in digitale Produktangebote ist rein rhetorischer Natur – das Internet hat schließlich auch weder die Siegener Innenstadt noch das Geschäftsmodell von Subway erfunden.