Um es gleich festzuhalten: Für uns war Riot Days, das vergangenen Sonntag im Berliner SO36 lief, eine der überzeugendsten Live-Performances, die wir je gesehen haben. Schon die gleichnamige Buchvorlage des Pussy-Riot-Mitglieds Mascha Alechina war brillant. Aber die drastischen Performances in der Bühnenversion zeigten es noch einmal ganz deutlich: wie gekonnt Mitglieder und Mitstreiter von Pussy Riot den Bogen zwischen russischer Widerstandsgeschichte und persönlicher Erfahrung in der Lagerhaft schlagen.

Kerstin Grether ist Schriftstellerin (u.a. "Zuckerbabys"), Sängerin und (Popkultur-)Journalistin. Sie schreibt seit ihrer Jugend für "Spex" und gilt als eine der Erfinderinnen des Popfeminismus in Deutschland. Sie ist Sängerin und Songschreiberin bei der Chansonrock-Band Doctorella, deren zweites Album "Ich will alles von dir wissen" im Winter 2016 erschien. Kerstin Grether ist Gastautorin von "10 nach 8".

Das restliche Publikum schien ähnlich euphorisiert zu sein, selbst dann noch, als Kiryl Masheka es mit 15 Wasserflaschen übergoss. Dass die Kritiken in vielen deutschen Zeitungen negativ ausfielen, ist daher doch verwunderlich. Andererseits ist es nicht ungewöhnlich, dass Performerinnen mit rebellischem Image und künstlerischem Anspruch bei deutschen Kritikern auf Abwehr stoßen. Zumindest im deutschen Musikgeschäft ist man es noch immer nicht gewohnt, die Frau als Vermittlerin härterer Stile und Botschaften zu betrachten. Die meisten deutschen Radiosender spielen "Männerrock" und Hip-Hop mit rebellischen Gesten. Identifikationsstiftend und aufstachelnd, gern deutschsprachig. Wenn Frauengesang zu hören ist, handelt es sich häufig um seicht-formatierte, englischsprachige Pop-Säuseleien. Rockige Bands mit weiblicher Besetzung wie Candelilla oder Shirley Holmes werden kaum gespielt. Sie gelten als schwierig und randständig, ihren künstlerischen Inhalten wird wenig Beachtung geschenkt.  

Sandra Grether ist Rockjournalistin, Aktivistin, Labelbetreiberin von Bohemian Strawberry Records – und Sängerin und Gitarristin bei Doctorella. Zuletzt erschien ihr Album "Ich will alles von dir wissen". Sie war die Gründerin der Riot-Grrrl-Band Parole Trixi, gab gemeinsam mit ihrer Schwester den Suhrkamp-Reader "Madonna und wir. Bekenntnisse" heraus und kuratiert aktuell die Berliner Veranstaltungsreihe "Ich brauche eine Genie". © Privat

In dem halben Jahrzehnt von Pussy Riots Berühmtheit kam auch die Analyse ihrer Kunst ziemlich kurz. Verständlich, wenn man bedenkt, dass zwei ihrer Mitglieder, Mascha Alechina und Nadja Tolokonnikowa, im August 2012 zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt wurden, unter anderem in berüchtigten russischen Strafanstalten. Und natürlich lässt sich bei einer Gruppe, die öffentlichkeitswirksam im Spannungsfeld von Kunst und Protest agiert, kaum noch das eine vom anderen trennen. Doch von Anfang an fielen Pussy Riot eben auch durch ein künstlerisches Wollen und Können auf, das weit über für Agitprop übliche "Mittel zum politischen Zweck" hinausging. Ein Können, das eigenständige Betrachtung verdient.

Mit den Mitteln von Pop, Punk und Aktivismus

Es gibt diverse künstlerische Genres, in denen Pussy Riot sich mühelos bewegen: Video, Lyrics, Theater, Literatur, Tanz, philosophische Essays. Und immer wieder Musik als roter Faden. Dazu ihr Stil – bunte, leuchtende Kleider und Sturmhauben als Markenzeichen. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte Punk es wieder geschafft, neu auszusehen und anders zu klingen. Und ist mal jemandem aufgefallen, wie virtuos die E-Gitarren auf den Alben von Pussy Riot klingen? Das ist allerbester Punk, der über drei Akkorde weit hinausgeht.

Wenn die Mischung aus Pop und Politik derzeit überhaupt sinnvoll ist, dann wohl dort, wo mit den Mitteln von Pop, Punk und Aktivismus eine grelle Öffentlichkeit für Menschen hergestellt wird, die ums Überleben kämpfen. Der Kampf von Alechina und ihren Anwälten im Gefangenenlager führte noch weiter. Es ging ihnen nicht allein um das Recht auf warme Kleidung bei eisigen Temperaturen und Medikamente für Kranke. Sondern auch darum, dass man Kaffee mit Milch trinken konnte. Denn zu der Art von Zivilgesellschaft, für die Pussy Riot einstehen, gehört nicht nur Mut, sondern auch Übermut.

Trotzdem gelten sie hierzulande oft noch immer ausschließlich als "die jungen, gutaussehenden Frauen mit dem Punkprotest" und nicht als Bohemiens mit Mehrfachbegabung, die fest verankert und vernetzt sind in der Moskauer Avantgarde-Szene. Die in der Tradition der amerikanischen Riot-Grrrl-Bewegung stehen und sich vom Kunstkollektiv Woina abgespaltet haben, um eine explizit feministische Künstlerinnengruppe zu gründen. Dass sie für Riot Days nun den renommierten Theaterregisseur Yury Muravitsky und den bekannten russischen Musikproduzenten Alexander Cheparukhin gewinnen konnten, liegt nicht nur an ihrer Polit-Prominenz. Sie waren einfach schon immer Teil eines relevanten, zeitgenössischen Kunstnetzwerks. Eine Gruppe, die nicht allein von der Berühmtheit zweier Mitglieder profitiert.

Deshalb fällt an ihrem Theaterabend in Berlin auch kaum auf, dass das andere bekannte Mitglied – Nadja Tolokonnikowa – gar nicht dabei ist. Denn so wie Nastya Awott virtuos und zackig Saxofon spielt, im Einklang mit dem Keyboarder und Schlagzeuger Maxim Awott, klingt es bereits, als würde die Revolutionsmusik wieder einmal neu erfunden. Ähnlich konsequent ist die Kunstfertigkeit der vier Performer*innen, die Bewegungen und Sprachfluss an diesem Abend gekonnt zu den Videos choreografieren, die hinter ihnen laufen: Die meiste Zeit wird einfach vor vier Standmikros getanzt, gesungen und skandiert.   

Erst kürzlich sprachen Pussy Riot darüber, dass sie von 1968, einem Aufbruchsjahr für Russland träumen. Der britische Journalist James Woodall schrieb über die 1960er Jahre, in denen Allround-Künstlerinnen wie Yoko Ono ihren Durchbruch versuchten: "Mit dieser rebellischen Kunst bekannt zu werden, war allenfalls Männern vergönnt." Mehr als ein halbes Jahrhundert später sind die Yoko Onos weltweit viele geworden und auch die feministische Bewegung kennt diverse Perspektiven. Doch die Popkritik, vor allem in Deutschland, begreift erst langsam, dass Rebellion auch weiblich sein kann. Der Musikexpress listete neulich die 50 wichtigsten Punkplatten aller Zeiten auf. Es war nur ein Album von einer Frauenpunkband darunter, Bikini Kill, die Vorbilder von Pussy Riot.

Nach 25 Jahren Riot-Grrrl-Movement und all den vielen Frauenpunkbands aus den frühen 1980ern werden Musikerinnen in diesem Genre noch immer kaum gesehen. Doch ihre Geschichte hat stattgefunden. Und das Primat der angepassten Musikjournalisten in Deutschland wird ein Ende finden. Um es mit einem Song der deutschen Liedermacherin Maike Rosa Vogel zu sagen: "Jedes Mädchen ist Yoko Ono, wenn sie so ist, wie sie sich fühlt. Und wenn sie sich nimmt, was ihr gehört, gibt es immer einen, den das stört."

Pussy Riot haben sich die Musik genommen, nicht nur den Protest. Und in den westlichen Ländern, wo Rock- und Popkultur in mancherlei Hinsicht die Rolle von Religion eingenommen hat, eckt man damit vielleicht manchmal sogar mehr an.