Vor Kurzem bin ich auf eine seltsame Fotografie gestoßen, die sich zwischen meinen persönlichen Erinnerungsfotos versteckt hatte: Das Bild stammt aus meiner Schulzeit und zeigt mich inmitten meiner Klasse, wie wir mit einem fast schon befremdlichem Enthusiasmus im Kreis Dabke tanzen. Über uns prangt ein großes weißes Transparent, auf dem mit roter Schrift geschrieben steht: "Jahrestag der ruhmreichen Korrekturbewegung unter Führung unseres Kampfgenossen Hafiz al-Assad".

Rosa Yassin Hassan wurde in Damaskus, Syrien, geboren und lebt seit 2012 mit ihrem Sohn in Deutschland. Sie arbeitete als Architektin und widmet sich seit 2007 ausschließlich dem Schreiben. Sie veröffentlichte zahlreiche Romane, zuletzt "Die vom Zauber berührten" (2016). "Wächter der Lüfte" wurde 2011 ins Deutsche übersetzt. Sie hat 2006 die syrische Vereinigung "Frauen für Demokratie" begründet. Rosa Yassin Hassan ist Gastautorin von "10 nach 8". © Ahmad Alrifaee

Jetzt frage ich mich: Was hat mich damals bloß geritten, mich zum Gedenken an die "Korrekturbewegung", (die vielmehr der Putsch war, der Hafiz Al-Assad 1970 zum Präsidenten machte), in jenen Kreis einzureihen? Ich kann es mir einfach nicht mehr erklären. Kurz vor dem Zeitpunkt, zu dem das Foto entstanden war, hatte ich mir von unserem Lehrer für "Nationale Erziehung" eine saftige Strafe eingehandelt, weil ich ihm – wenn auch ein wenig schüchtern – erklärt hatte, dass ich nicht in die Baath-Partei eintreten wolle.

Der Lehrer für das Fach "Nationale Erziehung" war in Wirklichkeit die rechte Hand der Staatssicherheit an der Schule. Er leitete die dortige Parteigruppe und hatte in der Bezirkssektion der Partei eine führende Position inne. Während er mit dem Antragsformular für die Parteimitgliedschaft herumfuchtelte, fixierten seine stahlharten Augen mein Gesicht: "Was hast du gesagt? Wiederhole das!" Auf einen Schlag blieben mir Stimme und Kraft weg, sodass ich meine Antwort nur noch flüstern konnte: "Ich will nicht in die Baath-Partei eintreten."

"Und warum nicht? Deine Klassenkameraden haben doch auch unterschrieben!", blaffte er mich an und hielt dabei ein paar Dutzend Anträge hoch, die meine Mitschülerinnen auf sein Drängen hin unterschrieben und die ihre Vormitgliedschaft in der alles beherrschenden Baath-Partei besiegelt hatten.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. In Gedanken hörte ich die Stimme meines Vaters: "Unterschreib auf gar keinen Fall! Egal, was er tut und wie sehr er dir auch droht oder Angst macht ... Unterschreib nicht!"
"Ich interessiere mich nicht für Politik", antwortete ich also.
"Das wird auch gar nicht von dir erwartet. Du musst nicht politisch aktiv werden. Das ist einfach nur ein Aufnahmeantrag."
"Ich bitte Sie, Herr Lehrer, verstehen Sie mich nicht falsch ..."
"Bist du etwa in irgendeiner anderen Partei?"
"Nein, Gott bewahre!"
"Denkst du darüber nach, in eine andere Partei einzutreten?"
"Nein, bei Gott, niemals!"

Ich hörte mein Herz pochen, während der Lehrer brüllte, ich würde das noch bereuen. Kaum war er zur Tür hinausgestürmt, fiel mir das beklommene Schweigen im Klassenzimmer auf. Natürlich hatten alle meine Mitschüler unserem Dialog gelauscht. Mehr als 35 Augenpaare waren auf mich gerichtet: schockierte Blicke, sympathisierende Blicke, hasserfüllte Blicke. Eine Mitschülerin mit Bewunderung in den Augen meinte zu mir: "Bravo! Aber ich fürchte, der wird die Sache nicht einfach so auf sich beruhen lassen!" Eine andere kam zu mir und flüsterte aufgeregt auf mich ein, während ihr langer Zopf hin- und her wirbelte: "Bist du blöd! Was soll das Ganze? Unterschreib doch den Antrag und geh einfach nicht zu den Parteiversammlungen! Du brauchst keinen Finger krumm zu machen! Im Gegenteil, du machst es dir damit leichter. Dann kriegst du bessere Noten im Abitur. Die wollen eben, dass wir alle in der Partei sind. Okay, dann geben wir ihnen halt, was sie wollen. Und wir nehmen uns dafür das, was wir wollen. Du bist echt bescheuert!"

Danach mussten wir gleich zur nächsten Unterrichtsstunde hasten. Jetzt war "Militärische Erziehung" an der Reihe. Die Lehrerin Fräulein Salwa erwartete uns wie gewohnt mit einem grimmigen Gesichtsausdruck. Die Winterluft dampfte in warmen Wolken aus unseren Mündern, während wir auf dem Vorplatz der Schule Aufstellung nahmen und gegen die Kälte antänzelten.

Wir mussten jedes Mal unsere Mäntel ablegen und durften die ganze Unterrichtszeit über nur Militäruniformen tragen. Fräulein Salwa hatte mal wieder einen ihrer Tobsuchtanfälle, nachdem ihr Blick auf das offene, in langen, glänzenden Strähnen herabwallende Haar einer Schülerin gefallen war. Sie stürzte sich auf sie, zog sie an den Haaren und schrie: "Das riecht man ja bis ganz nach vorne, das ganze Kosmetikzeug ... Bildest dir wohl ein, du bist hier auf einer Hochzeit, Schlampe!" Dann zerrte sie die Schülerin an ihren Haaren quer über den Platz zu den Wasserhähnen. Sie zwängte ihren Kopf unter einen der Hähne und ließ eiskaltes Wasser auf sie niederprasseln. Die Schülerin wagte nicht zu schreien. Als ihr Haar klatschnass war, schubste die Lehrerin sie gegen die Mauer und schrie: "Hier bleibst du jetzt bis zum Ende des Unterrichts stehen!"