Die Zukunft ist kein freundlicher Ort. Vorhersagen, wie unwirtlich die Erde wird, hatten in den vergangenen Jahren meist einen Fehler: Sie waren nicht pessimistisch genug und mussten von der nächsten Prognose nach oben korrigiert werden. Wir leben in apokalyptischen Zeiten – zumindest suggeriert uns das ein dauerhafter Krisendiskurs. Die Katastrophe erreicht den Alltag der meisten Menschen in Mitteleuropa jedoch nur in homöopathischen Dosen. Wieder ein kleiner Temperaturrekord. Wieder ein verrückter Tweet mit der Atombombe. Wieder eine kleine fiese Meldung, dass die Reichen absolut reicher und die Armen relativ ärmer geworden sind. All das ändert nichts daran, dass man auch morgen wieder aufstehen, seine Geräte einschalten und sich in den Abnutzungskampf werfen wird, der sich Alltag nennt.

In dieser Situation bleibt dem durchschnittlich-saturierten Mitteleuropäer eigentlich nur noch ein konkreter Traum: dass wenigstens die tägliche Plackerei einmal aufhören könnte. Neben dem Geld dürfte die Arbeit die Ressource der Welt sein, die am schlechtesten verteilt ist. Man hat entweder zu viel davon oder zu wenig, oder sie ist zu schlecht bezahlt. Ein Leben ohne oder mit viel weniger Arbeit erscheint als letzte große Utopie, an die ein progressiver Mensch derzeit noch glauben kann.

Das dialektische Denken, das ein wenig aus der Mode gekommen ist, hat sich immer zum Ziel gesetzt, die inneren Widersprüche der gerade vorliegenden historischen Situation herauszuarbeiten. Hier wäre einer: Selbstverwirklichung in der Arbeit und Ausgeglichenheit im Leben, diese zwei Imperative sollen wir in unserem emotionalen Kapitalismus miteinander verbinden. Dass das möglich ist, daran kann eigentlich nur glauben, wer entweder mit wenig zufrieden oder schon so abgestumpft ist, dass er einen Ausgleich gar nicht mehr braucht. Begriffe wie "Work-Life-Balance"oder "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" konnten erst Karriere machen, als das, was sie bezeichnen, immer weniger Menschen gelang. 

Warum also nicht gleich die Arbeit als Ganzes abschaffen? Es ist auffällig, dass sich die großen und kleinen Vorschläge für eine systemverändernde Politik seit der Finanzkrise am Begriff und an den Bedingungen von Arbeit orientiert haben. Bedingungsloses Grundeinkommen, Rentenpunkte für Care-Arbeit, das Recht auf einen würdigen Mindestlohn oder, wie gerade in einer bemerkenswerten Tarifrunde der IG Metall beschlossen, auf eine Verminderung der Arbeitszeit, wenn man andere Menschen pflegen möchte.

Arbeit lohnt nicht mehr

All das sind kleine Geländegewinne für eine Welt, in der wir weniger oder würdiger arbeiten. Zu diesen kleinen Schritten gibt es eine größere, grundsätzlichere, utopische Bewegung: Post-Work oder Postoperaismus. Sie tritt ein für eine Welt ohne Lohnarbeit, und sie versteht sich selbst als der große programmatische Entwurf, der den linken Parteien so lange gefehlt hat. Seine Ursprünge hat die radikale Kritik der Arbeit im italienischen Operaismo (von operaio, Arbeiter) der Sechziger- und Siebzigerjahre, als sich ein anarchisch-autonomer Flügel von den stalinistischen Kommunisten absetzte und gegen die Fabrikarbeit in den Industriestädten Norditaliens agitierte. Bologna war das Zentrum der Autonomia-Bewegung, die Denker wie Toni Negri oder Franco Berardi hervorbrachte. Durch Streiks und wilde Aktionen wurden damals Lohnerhöhungen von bis zu 18 Prozent durchgesetzt.

Die Hauptstadt der aktuellen Post-Work-Bewegung ist London. Eine Welt ohne Arbeit ist hier zwar keine Praxis – es dürfte keine Stadt in Europa geben, in der es schwieriger ist, ohne Arbeit zu überleben –, aber eine Gruppe von Philosophinnen, Ökonomen und Politikwissenschaftlern hat sich vorgenommen, sie theoretisch zu entwerfen. "Wir durchleben eine globale Arbeitskrise", sagt Will Stronge, der Ende Januar die Tagung After Work: Life, Labour and Automation an der University of West London mitorganisiert hat. "Die Reallöhne sind historisch niedrig, die Zahl der working poor, der Menschen, die trotz Arbeit arm sind, historisch hoch, und wer nicht am Arbeitsleben teilnehmen kann oder will, wird gesellschaftlich ausgegrenzt. Das müssen wir im Kopf behalten, wenn wir von hohen Beschäftigungszahlen hören. Lohnarbeit erfüllt ihren Zweck nicht mehr."