Mein erster Schritt auf das soziale Parkett endete auf der Terrasse. Da war eine Scheibe, dahinter waren alle und ich davor allein. Sie sahen mich an, denn sie wollten meine Tränen sehen. Vor dem Panoramaglas eines Kindergartens war ich drei Jahre alt, und älter bin ich nie geworden. Denn man verliert vielleicht seine Kindheit, diesen einen Moment aber habe ich immer im Gedächtnis behalten – den und diese Scheibe.

Julia Friese (1,70m) ist Deutschlands größte Pop-Autorin, Musikkritikerin und Kolumnistin. Als Kind war sie kleiner. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Christian Werner

Außenseiter kann jeder werden, sagen Psychologen. Man soll das nicht persönlich nehmen, darf das nicht persönlich nehmen, aber persönlich, um ehrlich zu sein, hält die Außenseiterin das für großen Unfug. Es gibt ein Wort, das mich fasziniert, es heißt Psychomotorik. Außenseiter, da bin ich mir sicher, werden in jedem Fall diejenigen, deren Gedanken, Zweifel, Ängste so kraftvoll sind, dass sie sie bis in ihre letzte Faser durchdringen. Ängste lassen sie ungelenk gehen und unter Spannung stehen. Der Körper ist beständig genervt von dem, was in ihm vorgeht. 

Wer hingegen lässig ist, dessen Bewegungen fließen, der schwimmt, spritzt, macht andere nass. Wer außen vor ist, hält sich verspannt die Hände vor das Gesicht.
Es ist ein Leben in Ballangst.
Immer.

Der ganze Körper fleht:
Spielt mich bloß nicht an!
Die anderen versichern:
Keine Sorge, dich wählen wir eh nicht, du Letzte.
Der Körper gerät ins unentschiedene Straucheln:
Spielt doch bitte mit mir.
Ja?
Oder?
Will ich das wirklich?
Bitte lasst mich nicht ganz allein hier!
Oder vielleicht besser doch?

Man sendet Signale, die so verworren sind wie all die Sorgen, die man sich macht. Das dauert Anderen zu lange. Lässig schwimmen sie an einem vorbei. Man steht gegen den Strom, unter Strom. Ich habe mich nie gern bewegt. Alles, was mir an mir wichtig ist, liegt irgendwo diagonal hinter meinen Augen, ein wildes Gewässer, das mein Körper trägt.
Mach den Mund zu, hat meine Mutter immer gesagt.
Setz die Füße gerade!
Und stell dich ge-ra-de hin!

Wo ich auch war, war ich schief und nicht wirklich da. Habe mich weggeträumt. Bekam Unterricht gegen Panik – also gegen die vor dem Fußboden. Balance-Unterricht. Ich verstand das nicht, warum sollte ich mich freiwillig der Gefahr aussetzen, auf nur einem Bein zu stehen, wenn mir schon der Stand auf zwei Beinen als viel zu fragil erschien und wenn ich doch auch liegend alles erleben konnte, vor allem lesend, heimlich, nachts, im Bett.
Verschwinden in besseren Welten – Erwachsenenwelten.
Ruhe.

Und mit dem lauten Morgen kamen dann wieder die kleinen, die schnellen Menschen, Kinder, die über Bänke laufen, sich auch noch Rollen unter die Füße schnallen, meine Sachen aus dem Fenster werfen, an meinen Haaren ziehen, an meinem Rucksack reißen, beißen. Fangen und schubsen.
Ich war unpopulär.
Vor allem beim anderen Geschlecht.
In der Schule steht zwischen Küssen und Dissen allein der Sport.                     

Ich war 12, als ich mich entschied, in ihrer Welt bewusst die Andere zu sein. Meine kindliche Idee einer Erwachsenen trug unsportlichste Kostüme: Bleistiftrock, Blazer und Bluse.
Ich wünschte, man hätte mich gesiezt.
Der Spott, der nun kam, war kalkuliert, von mir inszeniert, ich nahm ihn hin wie Applaus.
Man bekommt die Kontrolle über die eigene Ungelenkigkeit, wenn man sie nur forciert. Je älter man wird, desto unwichtiger wird der Sport. Das Erwachsenenleben lässt sich auch sitzend absolvieren.