Als würde ich nach einem Beinbruch versuchen, erste Schritte zu gehen: Wackelig und staunend bewege ich mich, als ich meinen ehemaligen Wohnort Chicago erreiche. Immerhin habe ich es nach mühseligen Prozeduren in dieses Land hinein geschafft, das mittlerweile zur Festung geworden ist. Reisende werden durch zahlreiche Barrieren geschleust, x-mal durchleuchtet, ihre Dokumente und Körper geprüft, sie müssen Kleidungsstücke aus- und anziehen, Taschen aus- und einpacken, Kommandos befolgen, Abstand wahren, höflich bleiben, im richtigen Winkel in Kameras starren, die Hände über den Kopf heben. Ihre Fingerabdrücke werden digitalisiert und eine Datenflut wird produziert, um diese Informationen irgendwo mit irgendetwas abzugleichen, das für immer unzugänglich bleibt. Und die Menschen bleiben verdächtig bis zu jenem Moment, an dem der letzte Beamte in diesem Parcours ihnen die Einreise erlaubt.

Sabine Scholl beschäftigt sich in ihren Essays, z.B. "Nicht ganz dicht" mit transnationalen Prozessen; in literarischen Werken beschreibt sie das Zusammentreffen verschiedener Sprachen und Kulturen. Ihr neuer Roman "Die Gesetze des Dschungels" schildert eine Familie zwischen Österreich, London, Sri Lanka und basiert auf wahren Gegebenheiten. Das Buch erscheint im Frühjahr 2018. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Früher bin ich mehrmals im Jahr zwischen USA und Europa hin- und hergeflogen, kannte die Prozeduren auswendig. Da waren sie weniger strikt. Jetzt, zehn Jahre später, erkenne ich nach dem ruppigen Empfang fast nichts wieder. Nicht das Flughafenterminal, nicht die Zufahrtstraßen. Die Häuser in meiner alten neighbourhood haben inzwischen hohe Sicherheitszäune und dicke Schlösser. Sogar das Haus meiner Freundin ist mir fremd. Seit die Gegend sicherer geworden ist, wurden Fenster in die Front gefügt. Nur der vertraute Empfang und das Miteinanderreden lassen mich neuerlich heimisch fühlen. Alles andere hat sich verändert. Ich habe mich verändert. Meine Erinnerung an Chicago war längst Fiktion geworden und stimmt mit dem vor Ort Gefundenen nicht überein.

Jetzt erinnert nur wenig an die Straßenecke, wo wir als Familie wohnten, weil alle Gebäude und die daran anschließenden entweder abgerissen oder umgebaut wurden. Nur den Bettdeckenladen und den Dollarstore gibt es noch. Der Mann an der Kasse des Billiggeschäfts ist gealtert, aber weiterhin freundlich. Ich schaue die Fenster hoch und spüre seltsamerweise nichts. Erwarte, dass mein früherer Nachbar mich sieht und hereinbittet. Doch nichts geschieht. Der Nachbar hat nach einer paranoiden Episode die Malerei aufgegeben und sogar seine Frau verlassen, habe ich gehört.

Der Block scheint völlig im Umbruch zu sein. Läden stehen leer. Die Fenster einiger Restaurants sind vernagelt, pleitegegangen. Ich gehe weiter, erinnere mich an die Wege und Straßen nur halb, verlaufe mich, nehme den falschen Bus. Erst nach einigen Tagen stellt sich eine gewisse Mechanik des Navigierens ein. Ich absolviere die Stadt, nehme jedoch nur eingeschränkt teil. Ich klappere Stationen ab. Ich bin nicht mehr von hier. Und die Enttäuschung darüber ist größer, als würde ich an einem völlig unbekannten Ort ankommen und feststellen, dass er mir nicht gefällt. Dann, endlich am Seeufer angekommen, geht mein Blick ins Weite und ich empfinde Erleichterung. Diesen Gegensatz zwischen Skyline und Mittelmeerfeeling habe ich immer geliebt. Und mit einem Mal springen mir Dinge, die vertraut erscheinen, wahllos ins Gehirn. Die hellblauen Streifen am Polizeiauto. Der chemische Geruch, der aus einer Wäscherei strömt und mich durchfährt. Die Aufregung im Buchladen, als ich innerhalb von zwei Minuten fünf Bücher finde, die ich sofort mitnehmen will. Eine Seite in mir wird angerührt, die ich trotzdem noch bin.

Natürlich ist Sich-Heimisch-Fühlen kein freischwebender Zustand, sondern an Menschen, Situationen und Lebenschancen gebunden. Wo ich gemocht und anerkannt werde, ohne Vorbehalte respektiert, wie im Haus der Freundin in Chicago, erlebe ich Vertrautheit. Aber mittlerweile habe ich in dieser Stadt keine Lebensbasis mehr und deshalb ist die Freude des Wiedersehens nur halb. Ich begreife: Wonach ich mich gesehnt habe, das war die Unbeschwertheit und Zuversicht, die damals möglich war an diesem Ort. Mit den Kindern. Auch sie sind inzwischen andere. Meine Freundin zeigt mir Fotos von Menschen, die ich als Kleinkinder kennengelernt hatte und nach unserem Umzug aus den Augen verlor. Wesley, der nun als Model arbeitet; Emilio, jetzt ein blonder, langhaariger Nerd; Sarah ein rebellisches Surfergirl; Megan, ein zarte junge Frau, die Fotografie studiert.