ZEIT ONLINE: Herr Kraume, in Ihrem neuen Film Das schweigende Klassenzimmer erzählen Sie die Geschichte einer Schulklasse in Stalinstadt, die 1956 eine Schweigeminute für die Opfer des Ungarnaufstands abhält. Die Geste hat für die Schüler weitreichende Konsequenzen. Sie sind 1973 geboren und in der Nähe von Frankfurt am Main ausgewachsen. Wie vertraut waren Sie mit der DDR-Geschichte, bevor Sie sich dieses Filmprojekts angenommen haben?

Lars Kraume: Ich habe mich schon als Schüler für Geschichte interessiert. Aber über die DDR haben wir kaum gesprochen. Der Unterricht hörte mit dem Zweiten Weltkrieg auf. Nach der Wende zog ich – wie viele andere – nach Berlin und plötzlich war der Osten interessant. Nachdem ich die Aufnahmeprüfung für die Deutsche Film- und Fernsehakademie (DFFB) bestanden hatte, wohnte ich in einer wahnwitzigen Bude im Prenzlauer Berg. Viele von uns verstanden sich als Außenseiter des westdeutschen kapitalistischen Systems und fühlten sich im Osten sofort zu Hause. Aber eine Ahnung, wie sich das System in der DDR formierte und wie es tatsächlich funktionierte, hatte ich nicht.

ZEIT ONLINE: Sie haben nicht nur Regie geführt, sondern auch das Drehbuch geschrieben. Wie haben Sie recherchiert?

Kraume: Während des Schreibens habe ich natürlich viele Sachbücher über die DDR-Geschichte gelesen. Aber am interessantesten waren für mich die Defa-Filme aus der Zeit, wie Karla oder Spur der Steine. Darin kann man den Menschen dabei zusehen, wie sie mit dem Leben in einer Utopie hadern und mit ihrer Rolle als Individuum ringen. Diese Filme zeigen außerdem sehr eindrücklich, was der größere Plan war: Alle sollten Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen und über den eigenen Tellerrand schauen.

ZEIT ONLINE: Ihre beiden Söhne Jacob und Karl spielen die kleinen Geschwister des Hauptprotagonisten und Abiturienten Theo Lemke (Leonard Scheicher). Wie haben Sie ihnen die Geschichte des Films erklärt?



Kraume: Jacob ist neun, Karl ist zwölf Jahre alt. Mit dem Zwölfjährigen kann man schon richtig reden. Man muss natürlich bei Karl Marx und der Idee des Kapitals anfangen. Ich musste ihm erst mal den Unterschied zwischen Kapitalismus und Kommunismus erklären. Interessant ist, dass Kinder – zumindest die Kinder, die ich mag – grundsätzlich sagen: "Der Kommunismus ist doch viel besser." Man nickt dann und sagt: "Hm, ja, irgendwie schon", muss dann aber all die Gründe aufzeigen, warum diese Utopie trotzdem gescheitert ist. Das ist natürlich ganz schön kompliziert.

Lars Kraume, geboren 1973 in Chieti, Italien, war als freiberuflicher Fotograf tätig, bevor er an der DFFB studierte. Für seinen Abschlussfilm "Dunckel" erhielt er 1998 den Adolf-Grimme-Preis. In den folgenden Jahren machte er sich unter anderem als "Tatort"-Regisseur einen Namen. 2016 wurde sein Film "Der Staat gegen Fritz Bauer" mit sechs Deutschen Filmpreisen ausgezeichnet. © Studiocanal GmbH / Julia Terjung

ZEIT ONLINE: Die wichtigsten Erwachsenenrollen wurden mit ostdeutschen Schauspielern besetzt. Jördis Triebel spielt die Kreisschulrätin Frau Kessler, Florian Lukas den Rektor der Schule und Ronald Zehrfeld den Vater von Theo Lemke. War das eine bewusste Entscheidung?

Kraume: Ja, das war das Konzept von Nessi Nesslauer, die das Casting für den Film übernommen hat. Bei den Schülern wollten wir die besten jungen Schauspielerinnen für die Rollen finden. Bei den Erwachsenen war außerdem die ostdeutsche Herkunft wichtig. Florian Lukas konnte den Rektor nur so toll spielen, weil er Erinnerungen aus seiner Kindheit abrufen konnte. Er, Jördis Triebel und Ronald Zehrfeld bringen einfach ganz viel mit, was mir als westdeutschem Regisseur fehlt und was von ostdeutschen Regisseuren oft genug kritisiert wird: Jetzt verfilmen diese Westdeutschen auch noch unsere Geschichte. Nachdem die Treuhand alles abgebaut hat, was nicht niet- und nagelfest war, kommen jetzt auch noch die Typen aus Bad Homburg vom Tennisplatz. Ich kann die Skepsis gut verstehen. Deswegen war es mir wichtig, Menschen am Set zu haben, die viel von diesem Land in sich tragen. Dietrich Garstka, der Autor der Buchvorlage, hat mir außerdem sehr geholfen. Er hat als Lektor alle Drehbuchfassungen gelesen und mich immer wieder zurückgepfiffen, wenn er fand, dass ich nicht das richtige Gespür für die Zeit hatte.

ZEIT ONLINE: Wo lagen Sie denn falsch?

Kraume: Eine meiner Lieblingsszenen im Film ist die, wenn der Rektor die Schüler nach der Schweigeminute warnen und ihnen sagen will, dass es richtig Ärger geben wird. Er bestellt Theo Lemke zu sich ins Büro, um mit ihm Tee zu trinken. Ich hatte zuerst eine Szene geschrieben, in der er ihm ziemlich deutlich sagt, was nun auf die Schüler zukommt. Dietrich Garstka las die Szene und meinte: Das kann er nicht machen. Wenn rauskommt, dass der Rektor die Schüler gewarnt hat, ist er geliefert. Stattdessen muss er eine subtilere Sprache finden, die Theo Lemke versteht, ohne dass er später zitierbar ist. Der Rektor sagt also nun: "Wühlt im Herbst der Regenwurm, bringt der Winter Frost und Sturm und auf einen Sturm bereitet sich der schlaue Bauer vor." Das war ein alter, harmloser Landarbeiterspruch, aber die Message kommt trotzdem an. 



ZEIT ONLINE: Am Ende des Films begeht nicht nur Dietrich Garstka, der spätere Autor des Buchs, sondern der Großteil der Klasse Republikflucht. Haben Sie für den Film auch die anderen Schüler von damals getroffen?

Kraume: 
Nein, die habe ich erst jetzt getroffen, als ich ihnen den fertigen Film gezeigt habe. Ich hatte das Gefühl, wenn sich 20 Leute an so eine dramatische Geschichte zurückerinnern, braucht man auch 20 verschiedene Filme. Ich wollte mich auf eine Perspektive konzentrieren und habe mich für Dietrichs Geschichte entschieden. Er hat das Buch geschrieben, war sehr offen und hatte damals auch eine entscheidende Rolle. Im Grunde war er der Rädelsführer und einer derjenigen, die den Stein ins Rollen brachten.