Schwester Mechthildis sieht glücklich aus hinter ihren Gitterstäben. Sie lächelt viel, ihre Wangen sind rosig. Vor ihr steht die unberührte Schachtel mit Baklava, die ich mitgebracht habe. Die darf sie nicht essen, gegessen wird zu festen Zeiten und nur in Gemeinschaft. Persönliche Gegenstände und Privatbesitz gibt es hier nicht, nein, beteuert sie, nicht mal türkische Süßigkeiten. Überhaupt ist hier das ganze Leben fest geregelt. Eine Stunde Freizeit hat sie am Tag, und auch das erst seit wenigen Jahren.

Seit sie 22 ist, lebt Schwester Mechthildis hinter diesen Gittern, ohne Familienbesuche, ohne Urlaub. Jetzt ist sie älter als 80. Nicht mal zur Beerdigung ihrer Eltern ist sie gegangen. Ob sie ihre Entscheidung irgendwann bereut hat, frage ich, und sie schüttelt den Kopf. Lächelnd. Schwester Mechthildis sitzt nicht einem Gefängnis, sondern in einem Kloster im Berliner Westend. Sie ist eine der Steyler Anbetungsschwestern und verbringt ihr Leben freiwillig abgeschieden von der Außenwelt. Es war ihre Entscheidung, sich von der Welt abzuwenden und ihr Leben Gott zu widmen. Die 15 Schwestern, die hier zu Hause sind, haben sich, meist früh im Leben, für einen Weg voller Entbehrungen entschieden, der kein Zurück vorsieht.

Zeit vergeht auch, wenn man sie verschwendet

Zwei Stunden später. Ich bin zu Hause und starre seit gut einer halben Stunde auf die Seite eines Lieferdienstes. Ich versuche, mich zwischen Italienisch und Vietnamesisch zu entscheiden. Vorteil Italienisch: Aglio-Olio-Pasta ist kein großes Risiko. Andererseits kann man sich das auch selbst kochen. Für Vietnamesisch spricht, dass man sich danach nicht ganz so schwer fühlt. Ich klicke zwischen den Menüs hin und her. Pho Ga. Arrabiata. Satéspieße. Aglio Olio. Das Erstaunliche an der Zeit ist ja, dass sie auch vergeht, wenn man sie völlig sinnlos verschwendet.

Ich war immer schlecht darin, Entscheidungen zu treffen. Irgendwann erzählte jemand mir mal, es sei fast egal, für welche Option man sich entscheidet, Hauptsache man trifft überhaupt eine Wahl. Was für ein Unsinn. Mit jeder gefällten Entscheidung ist schließlich wieder eine Tür zugefallen, jede Entscheidung für Italienisch ist auch eine gegen Pho Ga. Während ich das schreibe, schreibe ich nicht am nächsten Weltbestseller. Ich zeuge kein Kind. Ich verpasse den Bachelor im Fernsehen, und damit auch die Chance, mich ein bisschen für das Bachelor schauen zu schämen. Es ist meine Entscheidung, meine Lebenszeit dieser Kolumne zu opfern, und die Chance, dass es eine falsche Entscheidung ist, ist riesig. Pho Ga oder Pasta. Rock oder Hose. Investieren oder sparen. Früh Kinder oder keine.

Wir leben in einer Zeit, in der ein normales, in die Gesellschaft integriertes Leben nicht ohne Millionen selbstständiger Entscheidungen funktioniert. Schwester Mechthildis hat sich mit einer großen Entscheidung früh in ihrem Leben gegen alle anderen entschieden. Einmal losgerissen aus der Gesellschaft, ist ihr Leben bis zu ihrem Tode verplant, vom Frühstück bis zur Schlafenszeit. Aber ich bin keine Schwester Mechthildis. Ich bin frei. Ich habe die Freiheit, die Wahl zu haben. Spieleabend oder arbeiten. Mutter anrufen oder E-Mails beantworten. In London bewerben oder für immer Berlin (bitte nicht). So viel Freiheit, den ganzen verdammten Tag lang bin ich völlig frei. Jede Sekunde habe ich die große Chance, das Glück scheint jedes Mal so greifbar nah, und darum geht es doch, um das Glück. Oder?

Nur Vollidioten tun so was

Obwohl man diese Freiheit nicht verlieren möchte, stressen Entscheidungen den Menschen. Eigentlich logisch, wieso sollte es Spaß machen, Hunderte Male am Tag das Risiko einzugehen, sich "falsch" zu entscheiden? Wahrscheinlich ist der größte Fehler bei der Entscheidungsfreiheit, daran zu denken, was man vermeintlich riskiert: sein Glück.

Dabei ist das Glück sowieso nichts, was sich durch einen Haufen vermeintlich richtiger Entscheidungen dazu überreden lässt, pünktlich anzuklopfen und dann gefälligst auch zu bleiben. Im Gegenteil: Das Glück ist ein völlig überhetzter, entfernter Onkel, der ein paar Mal im Jahr auftaucht, wenn man ihn am wenigsten erwartet, seltsame Souvenirs aus dem Namibia-Urlaub mitbringt, sich ungefragt an den Küchentisch setzt, den guten Marillenschnaps austrinkt und sagt: Ist doch eigentlich alles ziemlich gut gelaufen bisher. Nur Vollidioten würden ihren Tag nach einem entfernten Verwandten strukturieren und hoffen, ihn mit Pho Ga zum Bleiben überreden zu können.