Wir leben in einer rückwärtsgewandten Zeit. Donald Trump träumt von einer Mauer und will nach sowjetischem Vorbild Militärparaden durch Washington ziehen lassen. In Russland hetzt man gegen Schwule, Lesben und Transgender, inhaftiert politische Gegnerinnen und Gegner und ermordet Medienschaffende. Großbritannien steuert sehenden Auges auf die Brexit-Katastrophe zu und die Türkei verwandelt sich in eine Diktatur zurück. Polens nationalkonservative Regierung gibt sich katholischer, als es frühere Päpste erlaubt hätten, und auch in Österreich und Ungarn hat man Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit zu Regierungsprinzipien erhoben. Bei uns in Deutschland sitzen heute Rechtsextreme im Parlament und unter Führung eines Mannes, der wiederholt durch rechtspopulistische Rhetorik von sich Reden gemacht hat, soll es demnächst sogar ein "Heimatministerium" geben. 

Warum ein "Heimatministerium"? Warum jetzt? Der Begriff der "Heimat" hat in den vergangenen zehn Jahren eine ungeahnte Karriere gemacht. Lange war "Heimat" ein Wort, das nur wenige nach 1950 Geborene unironisch oder ohne imaginäre Anführungszeichen benutzt hätten. Seine nicht ganz ruhmvolle Geschichte hatte es allerhöchstens in Komposita wie "Heimatstadt" oder "Heimatort" überlebt. Heute begegnet einem "Heimat" wieder überall und ist erneut zu einem politischen Schlagwort, zu einer unbestimmten Pathosformel geworden. Mit der seltsamen Emphase dieses Wortes kann man wieder prima Kochbücher, Musik, Backmischungen, Getränke und Fernsehsendungen verkaufen. Man findet es als krisenvertreibenden Spruch auf Geschirrtüchern, Topflappen und Fußmatten. Cafés, Restaurants und Hotels heißen so. Es ist aus keinem Parteiprogramm mehr wegzudenken und scheinbar muss nun auch das Innenministerium dieses Wort im Namen tragen – obwohl man denken könnte, dass es sich schon per definitionem immer auch um heimatliche Belange gekümmert hat.

Ein irrealer Sehnsuchtsort

Ein Blick in die Kulturgeschichte verrät, dass Menschen immer dann über Heimat reden, wenn sie glauben, so etwas wie Heimat verloren zu haben. Das Sprechen über Heimat ist in diesem Sinne vor allem ein Symptom – ein Symptom für kollektive Entwurzelungsgefühle und für den vermeintlichen Verlust kultureller und regionaler Identitäten. Lange war das Wort nichts als eine Bezeichnung für den Geburtsort oder den Landstrich, in dem man seinen bleibenden Aufenthalt hatte.

Das änderte sich jedoch zum Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als der Begriff zum ersten Mal jene romantische Verklärung erfuhr, die wir ihm heute noch zukommen lassen: "Heimat" stand nun für Ideen von Zugehörigkeit, Verwurzelung und regionaler Lebensart. Diese Verklärung war zuallererst eine Begleiterscheinung des Nationalgedankens, der im damals zersplitterten Kleinstaatendeutschland aufkeimte und einige Jahrzehnte später zur Gründung des Deutschen Reiches führte. Sie war aber auch eine Reaktion auf die sozialen und politischen Umwälzungen jener Zeit – eine Reaktion auf Landflucht, Industrialisierung und auf die europäischen Kriege, die ganzen Landstrichen regelmäßig neue nationale Identitäten aufdrückten. Damit wurde ein moderner Begriff geprägt, der vor- und antimoderne Ideen zum Ausdruck brachte. Die Idylle, die das Wort beschreiben sollte, war schon zum Zeitpunkt ihrer Beschreibung unwiderruflich verloren. Genau genommen hatte es sie eigentlich auch nie gegeben. 

Die Idee von Heimat, die damals ihren Anfang nahm, war wenig mehr als eine Projektion von kollektiven Sehnsüchten, Ängsten und Nostalgien. Sie war ein Sinnbild für etwas, das man anders nicht zum Ausdruck bringen konnte. Sie beschrieb den Ort einer irrealen, rückwärtsgewandten Sehnsucht.

Dieses Erbe zieht sich durch alle Inkarnationen, die der Heimatbegriff in der wechselvollen deutschen Geschichte durchlaufen hat – und es hat diesen Begriff schon immer für politische Instrumentalisierungen prädestiniert. In der Tat gab es kein politisches System in unserem Land, das ohne ihn ausgekommen wäre. Das Deutsche Kaiserreich erfand die Heimatschutzbewegung. Die Weimarer Republik erkannte in den unterschiedlichen regionalen Identitäten des Landes die Wurzel der "Vaterlandsliebe". Heimat war der zentrale begriffliche Baustein der nationalsozialistischen Blut-und-Boden-Ideologie. Die junge Wirtschaftswunder-Bundesrepublik versuchte mit weißgewaschenen Heimatfilmen die schmutzige Vergangenheit zu vergessen. Im "Heimatkunde"-Unterricht der DDR diente der Begriff zur ideologischen Indoktrination. Immer beschrieb Heimat eine mehr schlecht als recht an die Realität gebundene Wunschvorstellung – eine Wunschvorstellung, die existierte, um sie politisch nutzbar zu machen. "Heimat" hat noch nie existiert, ohne dass sie politisch instrumentalisiert worden wäre.

Eine Chiffre für Ausgrenzung

Dass wir in Deutschland heute wieder über "Heimat" sprechen, steht, ob wir das wollen oder nicht, in der Tradition dieser Geschichte. Und es ist auch kein Zufall, dass wir die Renaissance dieses Begriffs im Wesentlichen dem rechten Rand unserer Gesellschaft zu verdanken ist, der seit einigen Jahren immer lauter und breiter wird. Denn unsere heutige "Heimat"-Obsession ist nichts weiter als die deutsche Variante von Trumps Wahlspruch "Make America Great Again" – der Wunsch, in eine idealisierte Vergangenheit zurückzukehren, die es nie gegeben hat. Sie ist eine Blüte des Rechtsrucks, der durch die Welt geht. Sie ist eine Gegenreaktion auf die Globalisierung und die Begleiterscheinung eines weltweit wachsenden Nationalismus. Der Begriff "Heimat" wird heute von vielen Deutschen als eine Chiffre für Ausgrenzung gebraucht; er fungiert als das scheinbar menschliche Gesicht von Alltagsrassismus und als Vorwand für völkische Überlegenheitsfantasien. Nicht alle Menschen, die dieses Wort benutzen, gebrauchen es so. Doch viele Menschen meinen damit das und nichts anderes.

Wenn das "Ministerium des Innern" unter Horst Seehofer nun tautologisch um den Aufgabenbereich der "Heimat" erweitert wird, so ist das zunächst einmal als symbolpolitischer Akt zu verstehen. So sinnvolle Aufgaben wie die infrastrukturelle Aufwertung ländlicher Räume oder der Breitbandausbau werden bekanntlich weiterhin anderen Ministerien unterstehen. Nach Bekanntgabe der Nachricht wurde spekuliert, dass es sich bei der Umbenennung des Ministeriums vor allem um den Versuch handele, den Heimatbegriff der Vereinnahmung durch den rechten Rand zu entziehen. Doch was bisher nicht funktioniert hat, wird auch weiterhin nicht funktionieren.

Ein Bedürfnis der menschlichen Seele

Nachdem Seehofer 2013 in seiner Aufgabe als Ministerpräsident ein bayerisches Heimatministerium eingeführt hat, hat die AfD laut Umfragen um 13 Prozentpunkte in der Wählergunst des Freistaats zugelegt und dürfte bei den Landtagswahlen im Oktober die zumindest drittstärkste Partei werden. Auch wenn es zunächst kontraintuitiv klingt: Man sollte den Begriff der Heimat unbedingt dem rechten Rand überlassen – wenn man ihn übernimmt, legitimiert man sein nationalistisches, fremdenfeindliches und populistisches Potenzial und leistet unfreiwillig Schützenhilfe. Man adelt die erneute politische Instrumentalisierung dieses Begriffs nur, indem man ihn hilflos selbst zu instrumentalisieren versucht.

Die französische Philosophin Simone Weil schrieb einmal, dass es sich bei der "Verwurzelung" wohl um "das wichtigste und am meisten verkannte Bedürfnis der menschlichen Seele" handelt. Wir alle haben ein intuitives Bedürfnis nach Sicherheit und Zugehörigkeit. Man kann dieses Bedürfnis ernst nehmen, ohne in rechten Gewässern zu fischen. Die Antwort auf kollektive Entwurzelungsgefühle kann nie die Verordnung kollektiver Heimatgefühle sein. Viele Menschen, die heute über "Heimat" sprechen, verwechseln den Begriff mit der Idee eines "Zuhause". Im Allgemeinen schreibt man der Idee der "Heimat" so etwas wie Beständigkeit zu, nicht dem Zuhause. Doch in Wahrheit ist es genau umgekehrt. Landschaften, regionale Lebensarten, Grenzen und nationale Identitäten ändern sich schneller, als uns lieb sein kann. Politische Systeme können über Nacht verschwinden. Ein Zuhause allerdings können wir immer haben. Das Einzige, das wir kollektiven Entwurzelungsgefühlen entgegenstellen können, sind unsere individuellen Versuche der Verwurzelung. Anstatt über Heimat zu schwafeln, sollten wir uns engagieren und uns ein Zuhause bauen.