ZEIT ONLINE: Herr de Volff, Sie arbeiten in Berlin mit drei Tänzern, die aus Syrien geflüchtet sind. Alle tragen ein schweres Schicksal. Geht es in Ihrer aktuellen Performance Come As You Are um Schmerz oder um Hoffnung?

Nir de Volff: Ohne Schmerz gibt es keine Hoffnung. Sich in einer neuen Stadt sein Leben wiederaufzubauen, ist ein schmerzvoller Prozess. Unser Körper vergisst nicht. Besonders im Tanz gibt es die Möglichkeit, den Körper durch Bewegung von schlechten und schönen Erinnerungen zu befreien. Der Übergang zur Therapie ist fließend.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie die Tänzer ausgewählt?

De Volff: Ich habe sie nicht ausgewählt, das Leben hat uns zusammengebracht. 2015, als viele Flüchtlinge nach Berlin kamen, wollte ich helfen. Nur wusste ich nicht, wie. Ich hatte meine Kunst anzubieten, doch die Menschen brauchten erst mal Geld, Essen und Kleidung. Dann dämmerte mir, dass Tanz für diese traumatisierten Körper eine Chance sein könnte – und ich habe Kurse angeboten. Es kamen viele Menschen zusammen, Medhat war der erste Tänzer unter ihnen. Amr und Moufak stießen bald darauf hinzu und seither arbeiten wir zusammen.

ZEIT ONLINE: Inwiefern unterscheidet sich der Tanz in Syrien von dem Tanz in Ihrer Heimat Israel?

Der Choreograf Nir de Volff lebt seit 15 Jahren in Deutschland. Das hat seine Arbeit als Choreograf verändert. ©Bernhard Musil

De Volff: Israel ist eines der führenden Länder in zeitgenössischem Tanz. Viele israelische Ensembles sind weltweit auf Festivals vertreten. Über den Tanz in unserem Nachbarland Syrien wissen wir gar nichts. Der ist nicht international. Auch in Deutschland weiß man wenig über syrischen Tanz.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie sich dem angenähert?

De Volff: Ich habe sie gefragt: Wie habt ihr in Syrien getanzt? Könnt ihr mir das zeigen? Sie wollten nichts vortanzen, es war ihnen peinlich. Syrischer Tanz ist in erster Linie altmodisch.

ZEIT ONLINE: Altmodisch – oder, wie Moufak im Stück sagt: "Ballett, Ballett, Ballett"?

De Volff: Ja, in Syrien dreht sich alles ums Ballett. Es gibt keine Improvisation, keinen konzeptuellen Tanz, wie er in Berlin so populär ist. Sie wussten nicht, was Konzept bedeutet. Ich sagte: Lasst mich euch mein Konzept zeigen.

ZEIT ONLINE: Welche Schwierigkeiten gab es dabei, den dreien diesen neuen Tanzbegriff zu erschließen?

De Volff: Sie sind schlau, sie sind talentiert, aber ihr Körper kennt die europäische Tanzsprache nicht. Sie wussten nicht, wie man sich öffnet für individuellen Tanz. Sie sind keine professionellen Balletttänzer und sie sind auch keine zeitgenössischen Tänzer. Ich musste immer in der Lücke dazwischen arbeiten. Ich fragte mich: Wie kann ich ihnen mit meiner Sprache helfen? Ich habe meine israelisch-deutsche Hybrid-Tanztheater-Sprache und die kann ich anbieten. Auch ich bin nicht derselbe Tänzer, der ich war, bevor ich nach Berlin kam.

ZEIT ONLINE: Wie haben sich die Traumata im Training geäußert?

De Volff: Es gab einen sehr schwierigen Moment während einer Probe, als ich ins Studio kam und einer der Tänzer auf dem Fußboden saß. Keine Kommunikation, keine Reaktion. Ich fragte ihn, was los sei. Es war etwas mit seiner Familie in Syrien passiert. Ich sagte, dass ich großes Verständnis habe, und fragte ihn, ob er die Gefühle in Tanz umsetzen könne. Er antwortete: "Ich kann mich nicht bewegen." Also haben wir stattdessen drei Stunden lang über seine Familie gesprochen. Es war so viel Angst und Traurigkeit in ihm. Ich hatte mit jedem von ihnen so einen emotionalen Kollaps. Aber ich suche immer einen produktiven Umgang damit.