Ich fuhr aus Basel heraus, es war kurz vor Weihnachten. Zusammen mit anderen hatte ich – als freie Mitarbeiterin des Schweizer Radios SRF – an einer einstündigen Sendung zu Heinrich Bölls 100. Geburtstag mitgewirkt. Eine Annäherung aus vielen Perspektiven an sein Werk, die darin enthaltenen Visionen und Hoffnungen auf eine solidarische Gesellschaft. Eine, wie Böll sagte, "bewohnbare" Welt und Sprache.

Galt irgendetwas davon heute noch? Oder hatten wir es mit einem längst veralteten Diskurs zu tun? Wir debattierten darüber, wie Böll seine humanistische Haltung gelebt und literarisiert hatte, wir sprachen über seine Kriegstagebücher und sein Verhältnis zu den Deutschen.

Bernadette Conrad ist freiberufliche Journalistin und Autorin mit den Schwerpunkten Literaturkritik, Porträt und Reisereportage; tätig für das Schweizer Radio SRF2, DIE ZEIT u.a. Zuletzt erschienen von ihr "Die kleinste Familie der Welt. Vom spannenden Leben allein mit Kind" (btb 2016) und zusammen mit Usama Al-Shahmani "Die Fremde – ein seltsamer Lehrmeister" (Limmatverlag 2016). Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Ekko von Schwichow

Erst an diesem Tag, nach der Aufzeichnung der Sendung, wurde mir im Gespräch mit den Kolleginnen und Kollegen klar, dass es in der Schweiz auf dem Spiel stand: das Radio, eines der letzten Medien, das nach 20 Jahren stetigem Abbau der journalistischen Landschaft geblieben war als Ort für ausgiebige Recherchen und lange thematische Beiträge. Denn wenn die – von drei Jungfreisinnigen bei einem späten Bier im Herbst 2013 erdachte – Idee der Abschaffung der Rundfunk- und Fernsehgebühren am 4. März unter dem Motto "No Billag" zur Abstimmung steht, geht es um alles oder nichts: Wird die Initiative angenommen, führt dies unwiderruflich zur Zerschlagung der Schweizer Radio-und Fernsehgesellschaft SRG. Zum Jahresende 2018 wäre alles abgewickelt. 6.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würden entlassen. Die Schweiz wäre das erste Land in Europa ohne öffentlich-rechtliche, also unabhängige Berichterstattung.

Der Zufall wollte, dass an diesem Abend direkt neben mir im Großraumwagen der Schweizer Bahn ein Gespräch zum Thema unter sehr jungen, sehr gut gekleideten Leuten stattfand, die sich einig waren, schon allein "aus Prinzip" keine "Zwangsabgabe" für den "Staatssender" leisten zu wollen. Ich fasste mir ein Herz und fragte einen der jungen Männer, ob ihm klar sei, dass dies ein umgehendes Verschwinden des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und Fernsehens zur Folge hätte? Er wurde verlegen. Ob ich das sicher wisse? Vielleicht fände die SRG ja noch andere Wege?

Als ich mich in den Tagen danach ins Thema vertiefte, wurde mir klar, dass Verschleierung der Tatsachen ein gefährlicher Bestandteil der "No Billag"-Initiative ist. "Uns geht es nur um die Abschaffung der Gebühren, wir haben kein Interesse daran, die SRG zu schädigen", sagt Silvan Amberg, Co-Präsident des No-Billag-Komitees im Medienmagazin Edito. Dabei unterschlägt er, dass das Ende der Gebühren zugleich das Ende der SRG bedeuten würde: Die Initiative ist so formuliert, dass nach deren Annahme der Staat kein Recht mehr zum Einzug der Gebühren hätte. Womit den Öffentlich-Rechtlichen mit einem Schlag mehr als 75 Prozent ihrer Einnahmen verloren gingen: eine Summe, die nicht anderweitig kompensiert werden kann.

Zurück in Berlin stellte ich fest, dass das Thema im Kollegen- und Freundeskreis noch nicht angekommen war. Die Schweiz scheint zu weit entfernt zu sein. Aber an einem Abend Ende Januar saß ich im Publikum, als der Schweizer Schriftsteller Pedro Lenz in der Berliner Brotfabrik aus seinem Roman Der Goalie bin ig las. Später in der Kneipe erzählte er mir, dass auch ihm eine Zeit lang die weitreichenden Folgen der Abstimmung nicht klar gewesen seien. "Als ich die Tragweite verstand, wusste ich sofort, das dürfen wir nicht kampflos hinnehmen." Er gründete mit anderen die Initiative "Nein zum Sendeschluss" und steht ihr als Präsident vor.

Woher, frage ich ihn, kommt diese aggressive Abwehr gegen die Gebühren? Die Bewertung als "Zwangsabgabe"? Von 2019 an würden die Gebühren doch sowieso auf 365 Franken pro Jahr und Haushalt gemindert. Ist die Rundfunkabgabe nur ein vorgeschobener Anlass für das, worum es eigentlich geht: den Markt zu räumen, damit sich die Privatsender konkurrenzlos breit machen können?

"Mir fällt seit einigen Jahren in der Schweiz auf, dass die Idee eines Gemeinsinns verlorengeht", sagte Pedro Lenz. "Im politischen Diskurs sprechen sich immer mehr Leute dafür aus, gnadenlos nur das zu verteidigen, was ihnen persönlich nützt. Sie verlieren den Sinn dafür, was überhaupt ein Gemeinwesen ist. Wozu soll ich Steuern zahlen für Schulen, ich hab' keine Kinder! Was kümmert mich die Bahn, ich fahre mit dem Auto! Als wäre die Idee überhaupt nicht mehr vorhanden, dass man gesellschaftlich auch etwas geben kann, vielleicht auch geben sollte."