Aufgeklärt wurde ich durch Pornofilme. Meine Eltern dachten vermutlich, die Schule sei für die "sexuelle Früherziehung" zuständig. Dort wiederum dachte man wohl, das sei Elternpflicht. Schließlich übernahm Pornografie diese Aufgabe.

Natürlich hatte ich schon vorher bemerkt, dass es mit den verblüffend unterschiedlichen Geschlechtsorganen von Jungen und Mädchen eine geheimnisumwitterte, skandalträchtige, gleichzeitig faszinierende und zutiefst peinliche Bewandtnis hatte: Als ich sieben Jahre alt war, Anfang der Achtzigerjahre, zeigte mir ein Mädchen aus der Nachbarschaft bei sich zu Hause ihre Scheide. Ihre Mutter kam herein, schimpfte sehr böse und schlug das Mädchen auf den nackten Hintern. Was ich eben noch als interessant, aber unschuldig erlebt hatte, erschien mir nun sehr interessant, aber kompliziert.

Als ich neun Jahre alt war, erfuhr ich durch eindeutiges Bildmaterial, was ich mir unter Masturbation bei Männern und bei Frauen vorzustellen hatte, und nicht viel später sah ich ein Foto, auf dem ein Mann sein Glied in die Scheide einer Frau steckte. Dieses Bild verfolgte mich eine Weile. Es lag etwas Rohes, Aufreizendes und zugleich Befremdliches in dem Akt. Einige Kinder in meiner Klasse schienen ähnlich ambivalente Gefühle zu entwickeln. Anders konnte ich mir die mal alberne, mal aggressive Häme nicht erklären, mit der meist über alles Geschlechtliche gesprochen wurde. Offenbar war es ein Makel, einen Penis oder eine Scheide zu haben, also ein sexuelles Wesen zu sein.

Dieser Atmosphäre aus Neugier, Scham und Abwertung entwuchs ich keineswegs, als ich mit elf Jahren auf ein "Jesuitisches Bubengymnasium" kam. Nicht nur bei vielen der weißen, männlichen Bürgerkinder, sondern auch beim Lehrpersonal, allen voran bei den Jesuiten, herrschte ein sonderbarer Tonfall in Bezug auf Mädchen, Frauen und alles Sexuelle. Mädchen, mit denen man vor wenigen Monaten noch ganz normal und von Mensch zu Mensch gespielt hatte, wandelten sich in fremde Wesen. Große Gefühle wurden lächerlich gemacht, sexualisiertes Reden und das Bewerten von Mädchen galt hingegen als cool. Es gab einen älteren Schüler, der bewundert wurde, weil er schon mit einigen Mädchen geschlafen hatte, und es gab am benachbarten Gymnasium für "höhere Töchter" ein Mädchen, das es auf ähnliche Weise bloß zum Spitznamen "Sperma-Agathe" gebracht hatte. Ein magischer Mechanismus schien da zu greifen: Schlief ein Junge mit einem Mädchen, verwandelte er sich in einen Helden und sie wurde zur Schlampe. Ihr Wert ging auf den Jungen über. Und Wert konnten wir gut gebrauchen, denn wir steckten offenbar in dem, was der Sozialpsychologe Rolf Pohl "Männlichkeitsdilemma" nennt: Jungs sollen selbstsicher und unabhängig sein, das starke Geschlecht. Gleichzeitig sind sie nicht nur erst einmal rundum abhängig von einer Mutter, sondern später auch von der Gunst der Mädchen, um die ihre tiefsten Wünsche kreisen und an denen die Bestätigung ihrer Männlichkeit hängt. Entsprechend hechelten viele von uns mit wachsender Bedürftigkeit den Mädchen hinterher, taten aber so, als sei das alles nur Schnickschnack.

Frauen können Liebe, Männer können Sex

Dass in diesen weitverbreiteten Haltungen etwas tief Gestörtes lag, spürte ich mehr, als dass ich es dachte. Ein weiteres Dilemma verwirrte mich zusätzlich: Einerseits lag ein romantischer Schleier über dem Sex. Allein die Liebe machte den Geschlechtsakt menschenwürdig, und Liebe bedeutete nicht oberflächliches Verknalltsein, sondern Verantwortung – auch für möglicherweise entstehende Kinder. Diese in der katholischen Sexuallehre ausbuchstabierte Sichtweise las ich aus Worten und schwer greifbaren Haltungen meiner Mutter und anderer einflussreicher Personen heraus. Und es zeitigte Wirkung: Noch als Student, "verliebte" ich mich, wenn ich eine Frau einfach nur sehr attraktiv fand.

Frauen galten als dazu befähigt, Sex und Liebe zu verbinden, während Männer als dauerbrünftige Sexmonster betrachtet wurden. Männer wollten Sex und mussten deshalb lernen zu lieben. Frauen wollten Liebe und mussten deshalb lernen, auch Sex zu mögen. So weit, so old school. Andererseits lag der Geist der sexuellen Revolution in der Luft: Freier Sex macht freie Menschen. Niemand wollte ein verklemmter Spießer sein. Nur wer sich "locker machte" und sein wahres orgasmisches Potenzial auslebte, konnte seinen Körperpanzer aufbrechen und den inneren Fascho besiegen. Ich stand als Teenager also vor der Wahl, ein Triebtäter auf dem Weg ins Höllenfeuer oder ein Nazi zu werden. Mein männliches Geschlecht schien mich für beides zu prädestinieren. Ob es um Provinz-Revoluzzer ging oder um Kinder missbrauchende Geistliche – in einem herrschte Einigkeit: Die Sexualität des Mannes war das Hauptproblem. Entweder war sie zu aggressiv-verklemmt oder zu triebhaft-animalisch. Mit uns Typen stimmte etwas von Grund auf nicht. Um es vorweg zu nehmen: Die Pornografie zeigte mir keinen Ausweg.