Harald Schmidt Die Show als Accessoire
Harald Schmidt ist zurück. Er hechelte durch die Sendung und weigerte sich, das Publikum zu unterhalten. Macht nichts, es wird trotzdem wieder schick sein, ihn zu gucken
© Klaus Görgen/ARD

Harald Schmidt und sein Gast Wolfgang Grupp: gemeinsames Familiengrab in Schwaben?
22.47 Uhr, Studio 449 in Köln: Auftritt Harald Schmidt im Dreiteiler, mit lila Krawatte und sauber gestutztem Bart. Der Entertainer ist zurück mit einer neuen alten Late-Night-Show. Sein Ex-Kompagnon, der Flegel Pocher, bleibt dem ARD-Publikum erspart. Er unterschrieb kürzlich bei Sat1.
Er werde den Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ernst nehmen und verstünde dies als subversiven Akt, hatte Schmidt vor der Show angekündigt. Politik und Kultur, das seien jetzt seine Themen. Sandy Meyer-Wölden und der ganze Boulevard? Nicht mehr seins.
Schmidt begrüßt die Zuschauer zu seiner "täglichen Late-Night-Show" und legt los. Ein Dauerregen an Namen aus Politik, Kultur und Philosophie ergießt sich: Heiner Geißler, Franz Josef Strauss, Michel Foucault, Jean Baudrillard. Von Guido Westerwelle zu Lars von Trier ist es kein weiter Weg, von Auschwitz nach Afghanistan auch nur ein paar Schritte.
Hat Harald Schmidt schon einmal Luft geholt?
In dem 45-minütigen Gag-Dauerbeschuss finden sich durchaus Perlen: Ein TV-Spot, in dem Merkel und Steinmeier gemeinsam für die Große Koalition werben. Eine Persiflage auf Kultursendungen aus der Mottenkiste (Zeit zu Zweit), in der Katrin Bauerfeind Schmidt als Lothar Scholl-Latour, den angeblichen Bruder von Peter Scholl-Latour, zur Lage in Afghanistan befragt. Dann: Messias Guido Westerwelle heilt einen Lahmen. Oder: Schmidt kniet vor einem Mahnmal für ungelesene Blogeinträge im Internet.
Die hübscheste Geschichte geht in all dem Gewusel fast unter: Schmidt-Mitarbeiter Jan Böhmermann, von Schmidt "der Günni Wallraff des Digitalzeitalters" genannt, gab sich als Schweinegrippe-Infizierter aus und gelangte so offenbar in die Hauptnachrichten der ProSieben-Sat1-Gruppe. Schwer leidend und mit Mundschutz berichtete er Reportern, wie die Gesellschaft ihn wegen seiner Erkrankung ächtet.
Als Talk-Gast kommt der Trigema-Chef Wolfgang Grupp. Er betet sein redundantes Mantra von der patriotischen Pflicht, Arbeitsplätze in Deutschland zu schaffen herunter und berichtet vom Stand der Gleichberechtigung in Schwaben. "Auf der Alb sind wir damit noch nicht so weit." Schlussendlich bietet er Schmidt einen Platz in seinem Familiengrab an – für später.
- Datum 18.09.2009 - 15:56 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Das gestern Abend, nach der langen Sommerpause, wieder der Altmeister des Kabarett und Comedy zu schlug, war für das Deutsche Fernsehn eine Wohltat. Politik und Kultur waren seine Themen, die der auch zum Besten gab.
Die mehr oder weniger Einmannshow, hat das gehalten, was sie uns versprochen hatten. Es war wirklich ein Feuerwerk der guten Laune im Mief der ARD. Das auch der ''geliebte Ksta'' vorkam, war vor allen die Story eines Buchautor geschuldet. Der Name tut wirklich nichts zur Sache.
Es bleibt einfach anerkennend zu sagen : Weiter so, bis zum nächsten Donnerstag, Harald Schmidt! Egal was die Zeitungen schreiben!
Die Brüller:
''Einmal hat es richtig gefunkt in diesem Wahlkampf. Das war die Landung von Müntefering in Stuttgart''
''Nicht geborene Mütter kriegen nicht geborene Frauen''
„Die einzige Partei, bei der schon mal ein Spitzenpolitiker vom Himmel gefallen ist''
''Ordnungshüter, die ein paar Wildgriller (mit MigraHi) in einem Park ermahnten''
''Zahlenterror der drei Spitzenkandidaten der Opposition (Westerwelle, Gysi und Tretin''
''Peter-Scholl-Latour'' usw.
KHJ aus Köln
Stimme dem Kommentar zu. Wesentlich unterhaltsamer war da schon Kurt Krömer im Anschluss an Schmidt. Die Sendung war spürbar lebendig und viel weniger geplant. Natürlich nicht so glatt, taugt also auch nicht als Accessoire. Aber bei Schmidt hab ich nur 2x wirklich gelacht, bei Krömer dagegen sicherlich 1x pro Minute. Köstlich, wie er und Heide Simonis interagieren.
Kleinigkeit am Rande: Ich gehe mal davon aus, dass Trigema-Chef Grupp von der "Alb" und nicht von einer "Alp" gesprochen hat?!
[ Anmerkung: Vielen Dank für Ihren Hinweis, wir haben den Fehler inzwischen korrigiert. Die Redaktion/m.e. ]
...stinklangweilige veranstaltung. noch bestenfalls ein halbes jahr und dann ist sense. lustig wie es herr grupp schafft seinen affen zur besten sendezeit in einer ehemals unterhaltenden sendung zu platzieren.
...also die von Ihnen zitierten "Brueller" ueberzeugen mich persoenlich ehrlich gesagt davon, dass ich absolut gar nichts verpasst habe.
Lauwarme Schmidt-Spruechlein halt.
Meike Fries' Kommentarartikel trifft's wohl generell schon ganz gut, und exakt so habe ich mir Schmidts Rueckkehr vorgestellt, allen Beteuerungen, er wolle die Latte wieder hoeher legen und sich an Jon Stewart orientieren, zum Trotz.
Noch scheint nicht wirklich klar zu sein, wer wen wirkungsvoller schmückt: Die ARD den neuen intellektuell eingefärbten Harald Schmidt? Oder eben Harald Schmidt die ehrwürdige Allgemeine Rundfunk-Anstalt Deutschland?
Herr Schmidt ohne sein bepochertes Schmuddelkind ist wieder zu einer Marke im Segment der Unterhaltung geworden. Endlich vorbei die Zeit, als beide versuchten, jeden Comedian an albernen Verbal-Verrenkungen zu überbieten.
Was können wir von Schmidt-pur in Zukunft erwarten? Politisches Kabarett? Flachland-Gefühle im Hochland-Gebirge? Anmerkungen eines Clowns? Nachrichten, satirisch verpackt? Oder von allem etwas, also so eine Art "goldenes Kaufhaus-Angebot"?
Harald Schmidt ist weder Alexander Kluge noch Hans Magnus Enzensberger. Er ist auch nicht Dieter Hildebrandt. Er ist ein Entertainer, der, in Hochform, ein Publikum glänzend unterhalten kann. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger. Diese Eigenschaft sollte man nicht gering einschätzen. Und es ist zu begrüßen, dass Schmidt seine ex-zotige Zeit hinter sich lassen will.
Vielleicht wäre es ja spannend, wenn sich beispielsweise Hape Kerkeling, Volker Pispers, Dieter Nuhr (würde Dieter Hildebrandt auch noch wollen? Oder Dr. Ludger Stratmann?) und Harald Schmidt die Donnerstag-Abende der ARD alternierend aufteilen würden?
Vielleicht könnte Abwechslung verhindern, dass Satire zum Gipfel wortreicher Verpackungen wird.
Harald Schmidt hat mich anfangs überzeugt, nach und nach wurde die Show dann schwächer. Hier und da wurd's nochmal gut, für die Stakkato-Dreier-Runde vor dem Gespräch mit Grupp war ich wohl zu blöd - alles in allem ein passabler Start.
Bauerfeind hatte leider nicht allzu viel Platz, ihr Talent zu entfalten, was sie zweifelsohne besitzt. Vielleicht täte Schmidt gut daran, ihr bei den nächsten Kino-Tipps nicht dauernd ins Wort zu fallen und zu versuchen, die Pointen zu "klauen".
Die beste Geschichte, da gebe ich dem Kommentar recht, ging bei dem Tempo der Sendung etwas unter.
Ich werd's wieder gucken.
aber Pointen sind da vermutlich nicht zu klauen (@Bauerfeind)
aber Pointen sind da vermutlich nicht zu klauen (@Bauerfeind)
Früher bei sat 1 waren die Eröffnungsstatements von Harald Schmidt weltklasse. Sie wirkten spontan, hatten einen aktuellen Bezug (die Sendung lief ja fast täglich), waren teilweise an der Grenze des sog. guten Geschmaks (oder knapp darunter)aber doch pfiffig vorgetragen. Auch in Dikussionssendungen oder Interviews ist Schmidt geistreich und wiklich witzig.
Einstudierte gags - so auch bei Schmidt - sind langweilig. Und nur weil angeblich intelektuelle Bezüge hergestellt werden, ist dies noch lange nicht witzig. Auch die Schnelligkeit der Sendung, dadurch wird man noch lange nicht zum Schnelldenker, war anstrengend. Mir eine Sendung als Accessoire anzusehen, ist mir zu blöd.
Hoffentlich überdenkt Schmidt sein Sendungskonzept und spielt wieder seine Stärken aus.
Anlässlich des Artikels habe ich darüber nachgedacht, wann ich beim TV so richtig gelacht habe: es war der erste Auftritt von Gerhard Schröder nach der verlorenen Bundestagswahl mit Siegerpose. Nach m.E. immer wieder eine Erinnerung wert.
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