Film "Verblendung" Die elektrisierende Vivisektion eines stinkenden FamilienkörpersSeite 2/2
Überhaupt versteht es Oplev meisterhaft, Larssons ausufernde Textvorlage filmisch zu begrenzen und zu verdichten. Was bei Larsson vieler Seiten genauester Beschreibungen bedarf, das setzt der Däne mit den Mitteln seiner Bildsprache innerhalb von Sekundenbruchteilen adäquat um. Dass er obendrein das Beste dessen aufbieten kann, was derzeit in Schweden an Darstellern zu haben ist – angefangen bei dem hierzulande in der Rolle des Kommissar Beck bekannt gewordenen Peter Haber bis hin zu Könnern wie Ingvar Hirdvall oder eben Sven-Bertil Taube, der bereits diverse Mankell-
oder Nesser-Verfilmungen mit seinem reduzierten Spiel veredelte – ist nur ein Vorzug dieses Films. In jeder neuen Einstellung wird spürbar, mit welcher Liebe zum Original agiert wird: Eric Kress’ makellosen, ja bisweilen eisig schönen Bilderscheinen Larssons Vorgaben wie nachzumodellieren, Anne Österods Schnitt deren Dichte bewusst zu unterstreichen.
Das eigentliche Wunder dieses Films aber ist die bislang wenig bekannte Noomi Rapace, die der Figur der Lisbeth Salander eine geradezu irritierende Authentizität verleiht. Selbst kleinste Gesten – der umständliche Griff nach einer Zigarette oder das scheinbar unbewusste Ausstoßen einer Rauchfahne – macht diese Schauspielerin zu einem unerhörten Ereignis. Als eine Art menschliche Cruise Missile angelegt, die für ihre Ziele scheinbar schmerzunempfindlich durch Wände geht, ist sie das geheime Zentrum der Geschichte; eine große Verletzte, die aufgehört hat, an das Gute im Menschen zu glauben. Trotzdem möchte man ihr immer weiter dabei zusehen, wie sie – im Kampf für die Wahrheit – schlafwandlerisch über die Computertasten oder behelmt des Nachts mit ihrem Motorrad todesverachtend über Schwedens regennasse Autobahnen jagt. Dass sie dabei den seinerseits überaus überzeugend agierenden Michael Nykvist in ihrem Spiel noch übertrifft, lässt für die nachfolgenden Teile 2 und 3 noch einiges erwarten.
Verblendung, Schweden 2009. 152 Minuten, Dolby SRD, Regie: Niels Arden Oplev
- Datum 01.10.2009 - 15:32 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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