Fall Brender Staatsrechtler weisen Staat in die Schranken

Hessens Ministerpräsident Roland Koch versucht, den ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender aus dem Amt zu drängen. Jetzt schlagen Politiker und führende Juristen Alarm.

Der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) will ihn loswerden: Der Chefredakteur des ZDF Nikolaus Brender

Der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) will ihn loswerden: Der Chefredakteur des ZDF Nikolaus Brender

Zahlreiche deutsche Verfassungsrechtler haben den großen Einfluss der Politik auf das öffentlich-rechtliche Fernsehen kritisiert. Sie verurteilen den Versuch des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU), ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender aus dem Amt zu drängen. Das stehe im Widerspruch zur Verfassung, erklären die 35 Unterzeichner eines Offenen Briefes.

Sowohl der Spiegel als auch die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung zitieren aus dem Schreiben der Juristen. "Es handelt sich um den offenkundigen Versuch, einen unabhängigen Journalisten zu verdrängen und den Einfluss der Parteipolitik zu stärken", schreiben sie. "Damit wird die Angelegenheit zum Verfassungsrechtsfall, und deshalb mischen wir uns ein."

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Zu den Autoren gehören die Professoren Hans Herbert von Arnim, Hans-Peter Schneider, Joachim Wieland, Dieter Dörr und Dieter Birk. Für die wie für die anderen Staatsrechtler ist die Rundfunkfreiheit "eine wichtige Säule unseres demokratischen Staatswesens". Weiter heißt es in dem Text: "An dieser Säule wird gerade gesägt, und zwar von einigen Mitgliedern des Verwaltungsrats beim ZDF."

Der Verwaltungsrat soll am 27. November entscheiden, ob Brenders Vertrag über den März 2010 hinaus verlängert wird. Koch hatte als stellvertretender Vorsitzender des Verwaltungsrates eine Mehrheit gegen Brender organisiert, obwohl ZDF-Intendant Markus Schächter eine Vertragsverlängerung befürwortet. Der Fall belege, dass "verfassungsrechtliche Bedenken gegenüber der Zusammensetzung des Gremiums nicht unbegründet sind", schreiben die Juristen.

Kritik auch aus der Politik

Gegenüber dem Spiegel äußerten auch Politiker der Oppositionsparteien und der FDP ihren Unmut. FDP-Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger sagte, sie sehe die Einmischungsversuche sehr kritisch: "Die Parteien sind gut beraten, sich weitestgehend zurückzunehmen." "Wenn das durchgeht", sagte Grünen-Chef und ZDF-Fernsehratsmitglied Cem Özdemir, "dann ist endgültig klar, dass künftig die Unionsstaatskanzleien und das Kanzleramt das ZDF führen und eine unabhängige Berichterstattung damit gefährdet ist." Der Grünen-Fraktionsvize Fritz Kuhn forderte: "Wir müssen den Einfluss der Staatskanzleien im öffentlichen-rechtlichen System zurückdrängen."

Aus den Reihen der SPD kam ebenfalls Kritik. Es gehe hierbei nicht generell um die Rolle der Politik, sondern um deren "unangemessenen Einfluss im öffentlichen-rechtlichen System", sagte etwa SPD-Parteivize Olaf Scholz. Der SPD-Politiker und ehemalige Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau forderte die SPD-geführten Bundesländer zum Handeln auf. Sie sollten "im Ernstfall die Eskalation nicht scheuen". Und: "Sollten die ZDF-Verwaltungsräte sich darüber hinwegsetzen, muss die Causa Brender vors Verfassungsgericht."

Der ehemalige FDP-Innenminister Gerhart Baum sieht in der Causa Brender eine "Causa Grundgesetz". Es stehe "das Prinzip Staatsferne auf dem Prüfstand". Baum forderte: "Politiker raus aus den Aufsichtsgremien!" Es sei "unerträglich, dass Politiker, die Gegenstand einer kritischen Berichterstattung sind, gleichzeitig eine Kontrollfunktion ausüben".

 
Leser-Kommentare
  1. Gott sei gedankt, dass wir noch unabhängigen Journalisten
    in Deutschland haben. Der Staat soll sich daraus halten.
    Die unselige Machenschaften des Herrn Strauß bei der Spiegel Affäre bereiten heute noch Kopfschmerzen.
    Herr Koch war da wohl falsch beraten.

  2. ...dafür brauchen wir "Ostler" uns nicht mehr schämen und Rechenschaft ablegen.

    Komisch nur, dass gerade diese CDU-Politiker immer wieder von "freiheitlich-demokratischer Grundordnung sprechen.
    Selbst aber versuchen sie, zu schalten und zu walten wie einst Honecker und Konsorten.

    Einziger Unterschied:

    Ausgerechnet diese "Demokraten" wurden "demokratisch" vom "Volk" gewählt.

    Fragt sich nur, von welchem "Volk" eigentlich?

    Nur gut, ich bin kein Hesse - dann wäre Koch heute vielleicht kein Ministerpräsident!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die freiheitlich demokratische Grundordnung ist die Monstranz, die CDU und CSU immer vor sich her tragen. Dahinter verbergen sich andere Absichten, wie z.B. maximale Macht!
    Mit der Aufarbeitung der SED- und Blockparteienvergangenheit ist "der Osten" doch gut dran. Wer arbeitet im Westen die Missetaten wie z.B. die Berufsverbote und andere staatliche Willkür auf? Statt dessen wird so getan als ob wir im Westen eine Musterdemokratie gehabt hätten!

    Die freiheitlich demokratische Grundordnung ist die Monstranz, die CDU und CSU immer vor sich her tragen. Dahinter verbergen sich andere Absichten, wie z.B. maximale Macht!
    Mit der Aufarbeitung der SED- und Blockparteienvergangenheit ist "der Osten" doch gut dran. Wer arbeitet im Westen die Missetaten wie z.B. die Berufsverbote und andere staatliche Willkür auf? Statt dessen wird so getan als ob wir im Westen eine Musterdemokratie gehabt hätten!

  3. Die freiheitlich demokratische Grundordnung ist die Monstranz, die CDU und CSU immer vor sich her tragen. Dahinter verbergen sich andere Absichten, wie z.B. maximale Macht!
    Mit der Aufarbeitung der SED- und Blockparteienvergangenheit ist "der Osten" doch gut dran. Wer arbeitet im Westen die Missetaten wie z.B. die Berufsverbote und andere staatliche Willkür auf? Statt dessen wird so getan als ob wir im Westen eine Musterdemokratie gehabt hätten!

    Antwort auf "Na, wenigstens..."
  4. Wieso eigentlich noch aufregen? Die Politikerkaste richtet es sich doch gemächlich ein. Was stört, sind offenkundig kritische Journalisten und Redakteure. Und die werden eben beseitigt.

    Die Verfassung ist diesen Politikern gleichgültig.

    Ich bin mal sehr gespannt, ob die verfassungsrechtlichen Bedenken der Juristen von Arnim u. a. überhaupt Wirkung zeigen.

    Vielleicht sollten unsere Verfassungsrechtler in vorauseilendem Gehorsam auch mal prüfen, ob es nicht auch möglich ist, dass Politiker schlicht und einfach das Volk abwählen. Dann könnten diese Politiker mit dem Getrickse aufhören und das Leben wäre für uns alle einfacher: das Volk bleibt unmündig und zahlt, die Politiker machen -ganz legal- was sie wollen.

  5. bilden um Leute zu verjagen o. eigene einzusetzen ist nichts neues. Deshalb gleich wieder : " Politiker raus " zu
    schreien ... ist heute üblich. Nutzen wir jeden Skandal,
    ja .. machen wir Skandale um dann wichtige Verschlimmbesser-
    ungen zu instalieren ... u. der doofe Bürger freut sich auch noch. Aber, was wirklich mal wieder ganz toll wäre ...
    richtig guter, richtig anspruchsvoller, richtig aktueller
    FREIER Journalismus im Zeig Deine Füße - Sender. Das wäre so richtig toll.

  6. Journalisten unabhängig? NaJa

    • Gafra
    • 21.11.2009 um 21:53 Uhr

    hoffentlich hilft es!

  7. Ob Roland Kochs Ansinnen noch systemkonform ist, er sich damit noch innerhalb der Spielregeln der öffentlich-rechtlichen Rundfunkorganisation bewegt, vermag ich nicht zu sagen. Dass Herr Koch die Handlungsspielräume der öffentlich-rechtlichen Journalisten nicht sichern oder gar erweitern will, dürfte allerdings sicher sein.

    Es wird sicher immer mal wieder Regierungen geben, die es als ihre Aufgabe betrachten, die Möglichkeiten der Informationsverbreitung in ihrem Sinne zu erweitern. So lange das Rundfunkrecht aber die Möglichkeit bietet, und diese auch wahrgenommen wird, dass konkurrierende gesellschaftliche Organisationen in den Rundfunkgremien illegitime Vorstöße anderer Gremienangehöriger abwehren können, regelt sich das System doch noch ganz passabel von allein. Herrn Koch bläst der Wind doch gerade ziemlich ins Gesicht.

    Dass allerdings ein Ministerpräsident überhaupt stellvertretender Vorsitzender des Verwaltungsrat einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt sein kann, wie Roland Koch es ist, geht dann doch erheblich zu weit. Herr Baum hat recht, das Rundfunkrecht sollte so etwas nicht erlauben. Dass sich daran etwas zum Besseren ändert, ist kaum zu erwarten. Ich glaube nicht, dass sich in den von Parteien dominierten Gestzgebern eine Mehrheit organisieren ließe, die just den Einfluss dieser Parteien auf den öffntlich-rechtlichen Rundfunk einschränken würde.

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