Bambi hat höchstens heimlich geraucht. Während netter Abende mit Klopfer hinter einem abgelegenen Nadelbaum, wenn die Reh-Mama nicht guckte. Vermutlich hat Disney die betreffenden Szenen rausgeschnitten, wofür abertausende Eltern bis heute dankbar sind. Was sollen sonst die Kinder denken? Bambi ist lieb, Rauchen aber böse. Bambis Jäger hat auf jeden Fall gequalmt wie ein aufgebohrtes Mofa. Soviel ist sicher. Inzwischen sind es fast ausschließlich die Filmschurken, die sich noch eine Zigarette anstecken, bevor sie einer armen nichtrauchenden Geisel die Kehle durchschneiden. Oder es sind Soldaten. Oder gebrochene Helden, an denen die Zigarette bloß Indiz ist eines ordentlich verkorksten Lebens. Sogar Lucky Luke musste seinen Selbstgedrehten irgendwann abschwören. Seither nuckelt er an einem Grashalm.

Eine Webseite in den USA bewertet seit Kurzem Filme nicht nach üblichen Kriterien wie Dramaturgie, Regie oder Schauspielkunst. Sie beobachtet scharf, ob und wie viel in Filmen geraucht wird. Wenn ja, dann Gnade ihnen Gott. Ihr jüngstes Opfer: James Camerons Avatar, der unlängst mehr als eine Milliarde Dollar eingespielt hat. Darin pafft Sigourney Weaver weniger genüsslich als süchtig, während sie versucht, einen fremden, bunten Planeten zu retten. Große Empörung! In der New York Times schimpfte der Professor Stanton A. Glantz über diese verantwortungslose Darstellung und drohte eine Initiative gegen den Film an. Eine rauchende Heldin sei doch kein Vorbild. Und jetzt?

Auch wenn Moral und Anstand schwierige Kriterien sind, um Kunstwerke danach zu bewerten: Ein generelles Rauchverbot wäre nur der Anfang! Jeder Film sollte nach seiner Vorbildfunktion betrachtet werden. Daher verbitten wir uns künftig auch Szenen, in denen Männer auf den Knien Heiratsanträge machen, Wohnungen mit Herzchenballons füllen oder gesenkten, liebesbekümmerten Haupts durch den Regen stapfen. Sonst verkommen unsere Kinder zu peinlichen, eventuell verschnupften Beziehungstrotteln. Des Weiteren verbieten: den Gebrauch von Schuss- oder Hiebwaffen, generelles Rowdytum, emotional bedingtes Türenknallen, jedwede Schimpfwörter sowie der Verzehr von Fleisch ohne Biosiegel. 

Stattdessen: ab sofort Verfolgungsjagden nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder bitte, wenn's denn sein muss, in Fahrgemeinschaften. Anstelle von Werbepausen möchten wir uns auf zehnminütige Yoga-Unterbrechungen freuen, in denen der Hauptdarsteller uns vorturnt. Fortan sollten Dutzende Filmstudenten an Hochschulen in allen Belangen bewusstes Filmemachen lernen.

Bis wir der ersten Ergebnisse ansichtig werden, darf man sich auf die nun auf Deutsch erscheinende erste Staffel der famosen Serie Mad Men freuen. Darin wird pausenlos und überall gequalmt, gesoffen und Geld verjuxt. Die Serie spielt in den Sechzigern, also weitweit weg vom Gesundheits- und Wohlfühlterror unserer Tage. Kinder, möchte man beinahe rufen, waren das noch Zeiten.

(Während der Entstehung dieses Textes rauchte der Autor zweieinhalb Zigaretten. Er bittet, das in der Bewertung des Artikels zu berücksichtigen)