Wie in Zeitlupe umrundet die Kamera Noomi Rapaces markantes Gesicht, ihr starrer Blick ist hinaus aufs kobaltblaue Meer gerichtet. Dann löst sie sich vom Antlitz der jungen Frau und schwebt durch das sonnendurchflutete, weitläufige Innere eines luxuriösen Hotelzimmers, auf das Kingsize-Bett, dessen zerwühltes Laken die Frau kurz darauf hinter sich lassen wird wie eine alte, abgelegte Haut.

Denn Lisbeth Salanders Mission – so will es der zweite Teil von Stieg Larssons groß angelegter, weltweit über 20 Millionen Mal verkaufter Millennium-Trilogie – ist noch nicht zu Ende. Im Gegenteil: Die ebenso exzentrische wie charismatische Einzelgängerin, eine Mixtur aus Pippi Langstrumpf und Lara Croft, kehrt nach einer Auszeit in Guadeloupe, Dominica, Barbados und Grenada nach Schweden zurück. Denn die Schlacht ist noch nicht zu Ende.

Monate zuvor war sie aus ihrer Heimat geflohen, nachdem sie gemeinsam mit dem investigativen Journalisten Mikael Blomkvist einer Handvoll "Verblendeter" das Handwerk gelegt hatte – und dabei gerade noch mit heiler Haut davon gekommen war. So jedenfalls schreibt es Larssons zweiter Roman Verdammnis vor, das furiose, 752 Seiten starke Mittelstück seiner unabgeschlossen gebliebenen Exploration der dunklen Ränder der schwedischen Gesellschaft.

Der 51-jährige Schwede Daniel Alfredson hat diesem Buch nun ein filmisches Gesicht gegeben. Soviel vorab: Die Ästhetik des Ganzen ist eine ganz andere als im ersten Teil. Wo Niels Arden Oplev in Verblendung die Bilder noch in ein monochromes Grün oder Braun tauchte, um deren magische Wirkung aus Rasanz und Düsternis zu betonen, verlässt sich Alfredson ganz auf die treibende Kraft der Handlung. Und die hat es in sich: Ein junger Journalist bietet Michael Blomkvist für dessen Magazin Millennium eine Geschichte an über schwedische Amts- und Würdenträger, die sich systematisch an jungen, russischen Zwangsprostituierten vergehen. Genau die richtige Story für den investigativen Journalisten Blomkvist, abermals angenehm untertourig dargestellt von Michael Nyqvist.

Blomkvist beginnt also zu recherchieren – und ohne sein Wissen tut dies auch Lisbeth Salander. Doch dann werden der junge Journalist und dessen Freundin erschossen in ihrer Wohnung aufgefunden – auf der Tatwaffe findet die Polizei Lisbeth Salanders Fingerabdrücke. Als diese dahinter kommt, dass Nils Bjurman, ihr ehemaliger Vormund, der sie einst brutal vergewaltigte, in den Mädchenhandel verwickelt ist, beginnt für sie eine Reise in ihre eigene, dunkle Vergangenheit. Über Umwege stößt sie auf ihren Vater und ihren Halbbruder, die – bis zum irrwitzigen Showdown – nichts unversucht lassen, Salander den Garaus zu machen.

Alfredson transponiert Larssons Geschichte von den beiden, die das Gute mit allen Mitteln gegen eine Handvoll Monster zu retten suchen, reibungslos in Filmbilder. Seine Adaption folgt ganz uneitel dem Roman, bis in dessen kleinste, erzählerische Verästelungen; genau betrachtet aber entschlackt seine Erzählung Larssons Original geschickt dort, wo sich der Autor allzu detailversessen in seinem aufklärerischen Anspruch und seinen Seitenhieben gegen das von Korruption und Menschenverachtung unterwanderte schwedische Establishment zu verlieren droht. Das Resultat sind 129 rasante Kinominuten, die selbst jenen hartgesottenen Puristen Freude bereiten werden, die grundsätzlich nicht an die Übertragbarkeit von Literatur in Filmbilder glauben.