Berlinale-Rückblick Das Festival der Finsternis

Filme über isolierte, verlorene Männer beherrschten eine düstere Berlinale. Gewinner des Goldenen Bären ist aber ein Film über einen kleinen Jungen. Von Carolin Ströbele

Leonardo di Caprio als US-Marschall verliert auf der Gefängnisinsel Shutter Island den Verstand. Ein britischer Ex-Premier wird bei Roman Polanskis Ghostwriter auf der Insel Martha's Vineyard zur Geisel seiner eigenen politischen Verstrickungen. Zwei Männer tragen ihre Konflikte auf einer Polarstation im Arktischen Meer aus.

Es war eine finstere Berlinale, voller verlorener Männer, gefangen an unheimlichen Orten oder in ihrer eigenen Psychose. Michael Winterbottom schaut in The Killer Inside Me in die Seele eines Serienmörders und mutet dem Zuschauer dessen Gewaltexzesse zu. In Rafi Pitts Zeit des Zorns wird der Iraner Ali zum Amokläufer. Benjamin Heisenbergs Räuber schert sich weniger um die Beute, er folgt vielmehr einem inneren Zwang. Und selbst in einem der "leichteren" Wettbewerbsbeiträge, der Satire Greenberg, spielt der Komiker Ben Stiller einen hochneurotischen, lebensunfähigen Vierzigjährigen.

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Das Krisenjahr 2009 scheint sich auf die Stimmung der Filmemacher gelegt zu haben. Helden gibt es nicht in ihren Filmen, nur Verlierer und Opfer, die wiederum zu Tätern werden. Der dänische Regisseur und Begründer der "Dogma"-Schule Thomas Vinterberg hat seinen neuen Film Submarino nach einer Foltertechnik benannt, bei der das Opfer immer wieder unter Wasser getaucht wird. Auch seine Protagonisten, zwei Brüder aus einer zerrütteten Familie, kommen kaum zum Luftholen zwischen all den Schicksalschlägen, die sie ereilen: Drogensucht, Armut, Gewalt, Knast. Bei so viel Düsternis fällt es allerdings auch dem Zuschauer schwer, Empathie für die Protagonisten zu entwickeln.

Gegen Ende des Berlinale dann endlich noch zwei Lichtblicke. Die dänische Regisseurin Pernille Fischer Christensen beschreibt in ihrem Film Eine Familie zwar auch universelle Probleme wie Krankheit, Tod und Trauer. Sie tut dies aber mit einem liebevollen und positiven Blick auf das Leben. Und schließlich darf einer der "Lonely Rider" sogar lachend auf seinem Motorrad in den Sonnenuntergang fahren: Gérard Depardieu als pensionierter Schlachthofarbeiter sucht in dem wunderschönen Roadmovie Mammuth den Weg zu sich selbst – und findet ihn tatsächlich auch.

Bei der Vergabe des Goldenen Bären hat sich die Festivaljury unter Werner Herzog bezeichnenderweise für keinen der düsteren Schmerzensmänner entschieden, sondern für einen poetischen Film über einen kleinen Jungen. In seinem Film Bal (Honig) erzählt der türkische Regisseur Semih Kaplanoglu die anrührende Geschichte eines Sechsjährigen und seines Vaters, einem Bienenzüchter. Auch dieser Mann wird schließlich verschwinden, aber seinem Sohn wird zumindest die Erinnerung an einen liebevollen Vater bleiben.

Leser-Kommentare
  1. dass es experimentierfreudige Kinos in der Nähe gibt, die sich auf die neuen Filme einlassen. Auf dem Land fast keine ...

    • Puzi
    • 21.02.2010 um 14:45 Uhr

    Soweit ich mich erinnere ist das Problem bei Polanski ein Haftbefehl für eine längst verjährte Tat, sondern eine rechtskräftige Verurteilung zu Gefängnisaufenthalt, der sich Polanski durch Flucht in die Schweiz entzogen hat.

    Damit würde ich Polanski nicht als isoliert sondern eher auf die Ebene des Serienmörders stellen...

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